Dänemark, Gambia und jetzt Kierspe

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Ruth Deckenhoff kann auf ein abenteuerliches und abwechslungsreiches Leben zurückschauen. Seit zwei Wochen arbeitet sie in Kierspe.

Kierspe - Eine Deutsche, die in Deutschland Asyl beantragen soll. Absurd? Doch genau dazu riet das Amt Ruth Deckenhoff. Die Werdohlerin könnte ein Buch schreiben, so abenteuerlich verlief ihr bisheriges Leben. Doch statt zur Tastatur greift die Friseurmeisterin lieber zur Schere – und das nun in Kierspe.

Es ist das helle, freundliche Lachen von Ruth Deckenhoff, das durch den Friseursalon „Die Meisterfriseure“ hallt. Die Frau strahlt Lebensfreude aus, trifft den Ton ihrer Kunden, hört zu und hat selbst viel zu erzählen. Dass die 55-Jährige heute an der Kölner Straße arbeitet, ist vielen Zufällen geschuldet.

Geboren und aufgewachsen ist sie in Lünen. In der Stadt am Rande des Ruhrgebiets hat sie auch ihre Lehre gemacht, ihre Familie gegründet und lange gearbeitet. Später zog sie dann nach Düsseldorf. Mittelpunkt ihres Lebens, das wird schnell klar, sind ihre drei Töchter.

Als die Mittlerer der drei nach Dänemark ging, um dort zu studieren, zog die Mutter samt jüngster Tochter mit. „In dem Land haben wir immer gerne Urlaub gemacht, dort zu leben, war immer ein Wunsch“, erzählt sie. Als ihre Zweitgeborene dann weiterzog ins spanische Valenzia, zogen Schwester und Mutter mit. Da erwies sich die Ausbildung, genau wie zuvor in Dänemark, als ausgesprochen hilfreich, denn Frisuren gibt es überall auf der Welt.

Die nächste Station auf der kleinen Weltreise von Ruth Deckenhoff war Gambia in Westafrika. Auch der Umzug in diese Stadt ist der mittleren Tochter geschuldet, die dort ihr Studium abschloss, die jüngste Tochter konnte dort ihre Schule abschließen. Wenn Deckenhoff von Gambia erzählt, dann leuchten ihre Augen. Dort hat sie gerne gelebt, dort wäre sie gerne geblieben. Gearbeitet hat sie auch dort in ihrem erlernten Beruf, vor allem in den großen Hotels. Daneben hat die 55-Jährige eine Sprachschule aufgebaut. „Das lief richtig gut“, sagt sie.

Doch 2017 war mit dem Glück in der Ferne Schluss – wortwörtlich von einem Tag auf den anderen. Durch einen Regierungswechsel stand das Land am Rande eines Krieges. Truppen des Nachbarlandes Senegal waren bereits einmarschiert. Letztlich ließ sich die militärische Auseinandersetzung noch abwenden. Doch für Deckenhoff kam diese erneute Wendung zu spät. Innerhalb von zwei Tagen hatte sie das Land mit der jüngsten Tochter verlassen. Die Mittlere war bereits vorher zurück nach Deutschland gezogen. Ziel der überstürzten Flucht war Werdohl. Dort wohnte die älteste Tochter bereits seit Jahren – und auch die mittlere war dort mit ihrem afrikanischen Mann heimisch geworden. Ruth Deckenhoff fand in der Nachbarstadt Neuenrade Arbeit – und hätte nun zur Ruhe kommen können.

Letztlich war es ein Anruf des Lohnbüros, das für ihren Arbeitgeber tätig war. „Das Finanzamt hatte keinen Eintrag gefunden. Da auch meine Papiere abgelaufen waren, musste ich mir neue ausstellen lassen“, erinnert sich die 55-Jährige, die nur noch ihren Ersatzreisepass besaß, den die Deutsche Botschaft in Gambia ausgestellt hatte – und der nur eine Gültigkeit von wenigen Tagen aufwies. Doch damit begann ein Albtraum, der erst durch eine engagierte Mitarbeiterin des Finanzamtes in Altena endete.

Denn auch im Computer des Einwohnermeldeamts war Ruth Deckenhoff nicht zu finden. In der Konsequenz verlor sie jeden Anspruch auf Leistungen, in ihrem Fall war das der Verlust der Kindergeldes für die jüngste Tochter. Auf dem Amt sei ihr schließlich geraten worden, doch Asyl zu beantragen.

„Insgesamt hat sich das alles so vier bis fünf Monate hingezogen. Und ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn sich die Mitarbeiterin des Altenaer Finanzamtes nicht so bemüht hätte“, erzählt Deckenhoff.

Als dann alles geklärt war, stand ein erneuter Umzug an – diesmal „nur“ nach Bochum. Dort konnte die Friseurmeisterin günstig einen Salon übernehmen. Doch die Sehnsucht nach den Töchtern war einfach zu groß. „Jetzt waren wir vier endlich wieder zusammen. In Bochum merkte ich, wie wichtig das für mich war.“

Dass sie schließlich wieder zurück nach Werdohl ziehen und in Kierspe arbeiten konnte, war einem Zufall zu verdanken.

Im Internet war Deckenhoff auf das Meisterfriseurmodell von Dagmar Saal-Dietrich gestoßen. Die Kiersperin hatte vor einigen Jahren die Idee, dass mehrere Friseurinnen unter einem Dach selbstständig tätig werden. So ganz geklappt hatte das damals nicht. Doch beim Telefongespräch zwischen den beiden Friseurinnen wuchs bei Saal-Dietrich der Wunsch, die alte Idee neu aufleben zu lassen – und bei Deckenhoff der Wunsch, in Kierspe zu arbeiten. Genau das tut sie jetzt seit Anfang des Monats. „Ich fühle mich sehr wohl hier“, sagt Deckenhoff abschließend.

Die Meisterfriseure

Ruth Deckenhoff arbeitet als selbstständige Friseurmeisterin in dem Salon „Die Meisterfriseure“ an der Kölner Straße 100 in Kierspe. Dort ist sie täglich außer montags anzutreffen. Terminvereinbarungen sind unter Tel. 0 23 59/72 26 möglich. Neben dem ganz normalen Alltagsgeschäft sieht Deckenhoff ihre Schwerpunkte in der Haarverlängerung und der Arbeit mit Perücken.

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