Wenn die große Freiheit lockt

Peter und seine Familie schwören auf ihren vor 19 Jahren erworbenen und aus Beständen der ehemaligen DDR-Volksarmee stammenden „IFA W 50, Baujahr 85“, der die Familie mehrmals in Nordafrika begleitete. Zweiter von rechts ist Reinhold Korte, der Organisator des Treffens.

Rönsahl - „Wenn dich das Fernweh einmal gepackt hat und die Abenteuerlust erwacht ist, dann gibt es zumeist kein Halten mehr. Irgendwann gewinnt die Sehnsucht nach fernen Ländern, das Verlangen, die Lebensart der Menschen, die dort leben, kennen zu lernen und dabei auch die eigene Anpassungsfähigkeit an neue Situationen zu testen, die Oberhand.

Von Rainer Crummenerl

Wenn du in sozial geordneten Verhältnissen lebst mit festem Job und sicherem Auskommen erleichtert das die Sache ungemein. Irgendwann kannst du nicht mehr widerstehen, packst deine Koffer- und auf geht’s.“

Jörn aus Düsseldorf weiß, wovon er redet. Der Mittsechziger ist einer aus der bunt zusammen gewürfelten Gruppe, die sich am verlängerten Wochenende auf dem alten Zeltplatz auf der Gathe zusammen gefunden hat. Denn dort findet in uriger Umgebung jenseits jeglichen Komforts ein Treffen der besonderen Art statt. Dazu eingeladen hat die „dzg“, die Deutsche Zentrale der Globetrotter, mit Sitz in Berlin, genauer gesagt, deren Gründungsmitglied Reinhold Korte, der – selbst eingefleischter Weltenbummler und von früher Jugend an auf allen fünf Kontinenten zuhause – seit etlichen Jahren einen kleinen Kotten in der Nähe von Rönsahl bewohnt und von hier aus unter anderem Kanureisen in alle Welt organisiert.

Jörn und einige andere sitzen bereits zu früher Tageszeit auf Klappstühlen oder Baumstümpfen rund ums im gebührenden Abstand zum Baumbewuchs ringsum rasch in Gang gebrachte Lagerfeuer. Dünner Rauch steigt aus der Glut empor, legt sich wie ein zarter Schleier um das Geschehen und bildet den passenden Rahmen für abenteuerliche Geschichten, wie sie in traditioneller Weise immer die Runde machen, wenn sich Weltenbummler treffen.

Zumindest einmal im Jahr ist das der Fall. Die Anzahl derjenigen, die den Weg ins kleine Dorf am Rande des Sauerlandes gefunden haben, ist mit gut einem Dutzend nicht allzu groß. „Noch nicht“, wie Reinhold Korte sagt. „Denn wenn sich das hier erst einmal unter unseren rund siebenhundert Mitgliedern herumgesprochen hat, wer weiß, was demnächst dann hier abgehen kann.“

Dass Masse bekanntlich nicht auch gleichbedeutend sein muss mit Klasse, machen die Anwesenden deutlich. Sie kommen aus unterschiedlichen Gegenden, vornehmlich aber aus NRW, und sind natürlich – dem Ehrenkodex entsprechend – sämtlich „auf der eigenen Achse“ angereist. Da die Wetterprognosen zur Zeit nur Gutes versprechen, ist die Stimmung dementsprechend.

Nachdem Jörn die spitzen Metallstäbe eines selbst konzipierten und besonders leicht aufzubauenden Grills in den Boden gesteckt und damit die Vorfreude auf entsprechende Gaumenfreuden geweckt hat, machen bald die ersten abenteuerlichen Geschichten die Runde.

Jörn gerät ins Schwärmen, wenn er von seinen vielen Fahrten mit seiner „Ente“, Baujahr 1986 erzählt, die er damals für schlappe 250 DM auf einem Schrottplatz in Lyon erworben und mit dem Geschick des Tüftlers umgebaut hat. Als möglicherweise „kleinstes Wohnmobil der Welt“ mit integriertem Bett auf einem abmontierbaren Anbau ausgestattet, begleitet sie ihren stolzen Besitzer seitdem überall in Europa und hat ihn bisher noch nie im Stich gelassen hat.

Jörn erzählt von vielen erlebnisreichen Reisen nach Indien, mal mit einem alten Daimler, dann mit einem VW-Bus und zuvor mit einem von der Autobahn-Fernmeldemeisterei ausgemusterten alten Opel-Blitz, den er für 450 Mark ersteigert hatte und der im bevölkerungsreichen Land am Ganges einiges Aufsehen erregt hatte.

Er lobt die einzigartige Gastfreundschaft der Menschen in der Türkei, da geriet ein Überfall im Osten des Landes zur Nebensache: „Ich habe immer meine Gitarre dabei und auch Flöten als kleine Geschenke. Musik ist eben international und vielerorts ein Türöffner“, weiß der Mann, der für seinen in Deutschland betriebenen Musikalienhandel auch geschäftlich unterwegs ist und somit das Angenehme mit dem Nützlichen verbindet.

„Mich packt das Reisefieber alle drei Monate. Gerade kommen meine Frau und ich von einem Trip durchs Baltikum zurück, davor hat meine Frau beim Chorfestival im schwedischen Umea mitgemacht. Für uns geht es immer um „Entschleunigung, um Abstand vom Alltagsgetriebe“, sagt Klaus aus Montabaur. Der mit 76 Jahren Älteste in der Runde schwärmt von vielen für relativ kleines Geld unternommenen Abenteuerreisen, die ihn – mal auf der traumhaft schönen alten Seidenstraße in Pakistan, ein anderes Mal in Goa, in Indien, Thailand oder beim Gletscherfliegen in Nepal unterwegs – zum Fan asiatischer Kulturvielfalt werden ließ. „Irgendwann will ich mit meinem Ford Ranger-Pick-Up auf dem Landweg von Thailand nach Deutschland fahren, und wer weiß, vielleicht gelingt das ja schon Ende dieses Jahres“.

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