Abschied von Schulbusfahrerin

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Für Elfriede Wohlgemuth ist das Busfahren zur Leidenschaft geworden. Schweren Herzens verabschiedete sie sich gestern von ihrem Beruf und den Schulkindern. ▪

KIERSPE ▪ Es gibt Schulkinder, die im ersten Schuljahr im Bus hinter Elfriede Wohlgemuth Platz genommen haben und sich heute bereits im Vorruhestand befinden.

50 Jahre lang hatte sie das Lenkrad des Busses fest in der Hand und sorgte dafür, dass Kiersper Schulkinder rechtzeitig und sicher in der Bismarckschule und der Gesamtschule ankommen. Gestern holte Elfriede Wohlgemuth ihre kleinen Fahrgäste zum letzten Mal ab. Sichtlich schwer fiel der 71-Jährigen der Abschied von ihrem Beruf – und vor allem von ihren Buskindern. „Die Kinder kamen gestern und heute schon alle mit Geschenken in den Bus“, erzählt Elfriede Wohlgemuth. Sie weiß immer ganz genau, welche Mädchen und Jungen sie morgens abholen muss, wer frei hat oder krank ist: „Ein Junge fehlt heute Mittag, dem wird heute ein Gips abgenommen.“

Die Grundschüler der Bismarckschule hatten für ihre Schulbusfahrerin einen besonderen Abschied vorbereitet. Ein märchenhaftes Theaterstück rund um ein magisches Märchenbuch brachte die Theater-AG auf die Bühne. Anschließend sangen die Kinder noch das Schulbuslied. „Heute ist ein Tag des Abschieds. Jemand geht – oder eher: Jemand fährt“, sagte Schulleiter Ekkehard Haas, der sich mit einem großen Blumenstrauß für die langjährige Treue bedankte.

Zwar könnte die 71-Jährige rein rechtlich noch weiter fahren, doch die Richtlinien der MVG lassen das nicht zu. Eigentlich ist dort bereits mit 70 Jahren das Ende der Fahrer-Karriere erreicht, doch mit einer Ausnahmegenehmigung konnte Elfriede Wohlgemuth noch ein Jahr länger lenken und schalten.

Zum Busfahren kam die Kiersperin durch ihren Mann Wilhelm Wohlgemuth, der das gleichnamige Busunternehmen 1960 gründete. Drei Jahre später nahm dann seine Frau, die auch den Lkw-Führerschein besitzt, erstmals hinter dem Steuer Platz. Dass der Beruf für Elfriede Wohlgemuth zur Leidenschaft wurde, verrät auch ihre Tochter Susanne Rösges: „Ich wäre fast im Bus geboren worden“, sagt sie und lacht. An einem Montag sei sie zur Welt gekommen. „Und bis zum Samstag habe ich noch die Schulkinder gefahren“, sagt Elfriede Wohlgemuth.

Die sieben Busse des Kiersper Unternehmens fahren neben dem Linienverkehr und dem Schulkindertransport zwar auch auf Fernreisen bis nach Polen, Tschechien oder auch in die Ukraine. Doch bei solchen Touren kann die Seniorchefin nicht hinter dem Steuer sitzen, denn dazu fehlt ihr der Führerschein für die großen Busse. „Ich bin jetzt aber noch nicht im Ruhestand“, betont Elfriede Wohlgemuth. In Zukunft wird sie in der Geschäftsführung der Firma, die heute von Sohn Bernhard Wohlgemuth geleitet wird, mitarbeiten. Ihre Freizeit verbringt sie in ihrem großen Garten. Auch verreisen möchte die 71-Jährige: Eine Flusskreuzfahrt auf der Donau von Passau nach Budapest soll es sein. „Das habe ich schon dreimal gemacht – da ist es wunderschön“, schwärmt sie.

Ihre Schulbusstrecken wird ab heute ihr Sohn übernehmen. Doch bevor Elfriede Wohlgemuth ihre Buskinder ein letztes Mal nach Hause brachte, hatte auch sie noch eine Überraschung dabei: Popcorn und Bonbons flogen zur Begeisterung der Kinder durch das Foyer der Bismarckschule. ▪ cra

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