Prozess vor dem Landgericht Hagen

Schwere Einbruchsdiebstähle im MK: Kindheit der Angeklagten im Fokus - „Koks macht vieles erträglicher“

Im Prozess stand die schwierige Kindheit der Angeklagten an diesem Prozesstag im Vordergrund.
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Im Prozess stand die schwierige Kindheit der Angeklagten an diesem Prozesstag im Vordergrund.

Wer sind die beiden Menschen, die in Hagen wegen schwerer Einbruchsdiebstähle auf der Anklagebank sitzen? Auch diese Frage müssen die Richter beantworten, bevor sie ihre Urteile fällen.

Märkischer Kreis – Beide waren offenbar schwierige Kinder. Im Grundschulalter kam der 30-Jährige aus Russland nach Deutschland. Gesamtschulen in Kierspe und Lüdenscheid kamen gegen seine zerstörerischen Neigungen nicht an: „Scheiße gebaut – Schlägereien“, fasst er seine Situation vor dem ruhmlosen Abgang von der Gesamtschule zusammen.

Mit 14 nahm er „alles außer harten Drogen“, mit 16 kam Kokain dazu - „bis heute“. „Koks macht auch vieles erträglicher“, erklärt er im Gerichtssaal. Finanziert habe er seinen erheblichen Bedarf schon immer mit Einbrüchen. Heroin habe er erst in der Haft kennengelernt. Dass er den Drogenentzug in einer geschlossenen Einrichtung nicht durchgestanden hat, erklärt er mit der Entfernung der Klinik von zuhause. Und er schildert den Richtern, wie sehr die Erfahrung eines erzwungenen Drogenentzugs die sozial extrem schädliche Vorsorge beflügelt – schlimmstenfalls in Form von Einbrüchen: „Wenn Sie drogenabhängig sind und den Entzug schon einmal hinter sich haben, dann sorgen Sie dafür, dass Sie immer Geld in der Tasche haben.“

Nur einmal hätten sie gemeinsam in einer akuten Notlage gesteckt, ergänzt seine Mitangeklagte. „Wir waren auf der Suche nach Geld, Stoff – es war abends, es war kalt.“ Die Richter möchten wissen, in welcher Verfassung die beiden während der Einbrüche waren: „Nüchtern oder drauf? Das kann ich nicht sagen für jeden Einbruch“, erklärt die 24-Jährige.

Dort, wo andere einen Vater haben, hat sie eine Leerstelle: „Ich kenne meinen Erzeuger. Er ist Alkoholiker.“ Nach einem sexuellen Missbrauch durch ihren Stiefvater sei sie mit sechs Jahren in ein Heim gekommen.

Mit 13 entdeckte sie die Drogen. Auf den ersten Joint folgten Erfahrungen mit Aufputschmitteln, Kokain und Amphetamin.

Ein amtlich verordneter Auslandsaufenthalt für schwer erziehbare Kinder auf Mallorca bleibt ohne Wirkung: „Ich habe nur Mist gebaut.“ Das Jugendamt nimmt ihr die Tochter sechs Wochen nach der Geburt weg, was die junge Frau mit exzessivem Alkohol- und Kokainkonsum beantwortet. „Mir war alles egal.“

Und so trafen sich schließlich zwei Menschen mit einem immensen Finanzbedarf für Drogen, den sie gemeinsam mit den Erlösen aus ihren Einbrüchen zu decken suchten. Einiges spricht dafür, dass die jetzt angeklagten Einbrüche in Kierspe, Meinerzhagen und Lüdenscheid nur die Spitze eines Eisbergs waren. Den 30-jährigen Angeklagten erwartet ein weiteres Strafverfahren in Stuttgart.

Der Fall

Ein 30-jähriger Angeklagter und seine 24-jährige Mittäterin aus Remscheid müssen sich wegen vier Wohnungseinbruchsdiebstählen in Kierspe, Lüdenscheid und Meinerzhagen vor dem Landgericht Hagen verantworten. Die Beute nutzten sie zur Finanzierung ihrer Drogensucht.

Fortsetzung

Der Prozess wird am 28. September mit den psychiatrischen Gutachten über die Angeklagten fortgesetzt. Voraussichtlich werden auch die Plädoyers gehalten.

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