Vor 100 Jahren beginnt Einstau der Talsperre

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Leiten das Team, das sich um Talsperre und Forstbetrieb kümmert: Peter Braches und Friederike Mürkens. ▪

KIERSPE ▪ 100 Jahre ist es her, dass mit dem Einstauen der Kerspe-Talsperre begonnen wurde. Noch heute leistet diese Sperre ihren nicht unerheblichen Beitrag zur Versorgung der Stadt Wuppertal mit Trinkwasser. Zehn Mitarbeiter der Wuppertaler Stadtwerke, die seit einigen Jahren unter „WSW Energie und Wasser AG“ firmieren, stellen diesen Service Tag für Tag sicher.

Anfang des 20. Jahrhunderts gab es Wuppertal noch gar nicht. Die damals eigenständigen Städte Elberfeld, Barmen, Ronsdorf, Cronenberg und Vohwinkel wurden 1929 unter dem Namen Barmen-Elberfeld zur Großstadt – später umbenannt in Wuppertal. Vor allem die Textilindustrie und die damit einhergehenden Bleichen benötigten so große Wassermengen, dass die Brunnen der Region nicht mehr ausreichten, diesen Bedarf zu decken. Und die Wupper selbst fiel aus, weil sie durch die Abwässer der Stadt und Gewerbebetriebe massiv belastet war.

Auf der Suche nach einem Standort für eine Talsperre wurde man rund 40 Kilometer entfernt von Barmen fündig. Vier Jahre dauerten die Bauarbeiten der Mauer, hinter der sich heute rund 15 Millionen Kubikmeter Wasser stauen – zumindest dann, wenn die Anlage komplett gefüllt ist. „Die Bruchsteine zum Bau der Mauer kamen aus Steinbrüchen der Region, Kalk und Sand wurden aus dem Kölner Raum geliefert. Alle Materialien wurden mit der Kleinbahn bis an die Baustelle geliefert, wo sie von rund 400 Bauarbeitern, die vor allem aus Kroatien und Italien kamen und auf der Baustelle in Baracken lebten, verbaut.

Doch zuvor musste die Stadt Barmen zahlreiche Haus- und Hofbesitzer entschädigen, die ihre Heimat verlassen und sich in der Nähe ansiedeln mussten. Das ursprüngliche Gelände entspricht der heutigen Schutzzone 1, die leicht an dem sie umfassenden Zaun zu erkennen ist. Bis weit nach dem zweiten Weltkrieg wurden weitere Grundstücke, vor allem am Bachlauf entlang, hinzugekauft.

Als die Mauer vor 100 Jahren fertiggestellt und mit dem Einstau begonnen wurde, konnten die Verantwortlichen zuschauen, wie sich die damals größte deutsche Talsperre füllte. Wie gut gewählt der Platz war, zeigte sich bereits im Frühjahr des kommenden Jahres. Denn im April 1913 war die Sperre komplett gefüllt. Der Kiersper Heimatverein verfügt in seinem Archiv über eine Statistik die ausweist, dass sich am 4. August des Jahres 1913 rund 10,45 Millionen Kubikmeter Wasser in der Sperre befanden, von denen Barmen an diesem Tag 55 200 Kubikmeter erhielt, weitere 25 200 Kubikmeter wurden in die Volme geleitet, um deren Wasserstand zu regulieren und weitere 7200 Kubikmeter gingen an die Pulvermühlen. Nach weiteren Unterlagen des Heimatvereins bekam die Stadt Barmen im ersten Jahr des Bestehens der neuen Talsperre rund 8,9 Millionen Kubikmeter Wasser – zu einem Wasserpreis von einem Viertel Pfennig.

Mittlerweile sind nicht nur solche Preise Geschichte, sondern auch die Wasserabgaben an die Wupper und Pulvermüller.

Die Talsperre hat aber in den Jahren ihres Bestehens nicht nur Geschichte geschrieben, sondern sie auch ge- und verborgen. Die Errichtung der Mauer war von der Firma Dyckerhoff & Widmann so fachgerecht ausgeführt worden, dass eine grundlegende Sanierung erst 1992 erfolgen musste – und auch diesmal erhielt die Firma Dyckerhoff & Widmann den Zuschlag. Damals musste das gesamte Wasser abgelassen werden. Zu Tage kamen zwei alte Brücken und etliche Kalandersteine, mit denen in den Pulvermühlen gearbeitet wurden. Auch zwei historische Rennöfen konnten damals von der Universität Münster geborgen werden.

Heute kümmern sich zehn Mitarbeiter um den Betrieb der Talsperre und den Forstbezirk, der innerhalb der Umzäunung liegt. Zum Zuständigkeitsbereich des Leiters der Wassergewinnung Peter Braches gehört auch die Herbringhauser Talsperre und das dort errichtete Wasserwerk, wo auch aus dem sogenannten Rohwasser der Kerspe-Talsperre Trinkwasser für Wuppertal wird.

Um die Versorgung der bergischen Stadt jederzeit gewährleisten zu können, muss die Mauer jeden Tag – innen und außen – inspiziert werden, eine Arbeit, um die sich eine sechsköpfige Rufbereitschaft kümmert. Denn letztlich reicht das in Hochbehältern gespeicherte Wasser nur einen Tag, um die Großstadt mit ihren 350 000 Einwohnern mit Wasser zu versorgen.

Insgesamt stehen drei Talsperren – Kerspe, Herbringhausen und Große Dhünn – sowie das Wasserwerk Benrath mit seinen Pumpanlagen zur Verfügung, um Wuppertal mit Wasser zu versorgen. „Das Wasser aus den verschiedenen Talsperren wird gemischt, um einen möglichst immer gleichen Geschmack zu gewährleisten“, erklärt Friederike Mürkens, die für den Bereich Wassergewinnung zuständig ist.

Entnommen werden der Kerspe-Talsperre rund zehn Millionen Kubikmeter im Jahr. Aus dem Einzugsgebiet laufen in einem Durchschnittsjahr rund 20 bis 28 Millionen Kubikmeter Wasser zu, von denen rund 60 Prozent gespeichert werden können.

Doch in niederschlagsarmen Jahren sah die Statistik auch schon mal ganz anders aus. So fiel die Sperre in den Jahren 1957 und 1959 nahezu trocken. Mittlerweile ist aber der Verbrauch in Wuppertal so stark gesunken, dass diese Gefahr kaum noch besteht. Zum einen verliert Wuppertal deutlich an Einwohnern, zum anderen sinkt der Pro-Kopf-Wasserverbrauch seit Jahren deutlich. ▪ Johannes Becker

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