Ein Besuch vor dem harten Lockdown

Zwischen Normalität und Pandemie in der Kindertagespflege

Kindertagespflege Halver Tagesmutter Corona
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Der Schokokeks muss erst in die Milch. Das ist für Maxim (rechts) ganz klar. Zusammen machen die Kinder in der Tagespflege Zauberwald eine Kekspause.

Ein Besuch bei einer Tagesmutter in Halver zeigt, dass es in Corona-Zeiten nicht ganz so einfach ist. Dennoch bemühen sich Frauen um die Kinder der Halveraner und tun alles, was möglich ist. Ein Einblick in die Zeit vor dem harten Lockdown.

Halver – Hinter dem bunten Zaun scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Im Zauberwald gibt Tagesmutter Nadezda Neumann seit diesem Jahr dafür alles. Vier Kinder betreut sie fünf Tage in der Woche von 7 bis 19 Uhr. Zwölf Stunden ihres Tages passt sie auf andere Kinder auf, die noch nicht im Kindergarten sind. Im Januar soll ein fünftes Kind die Tagespflege komplett machen. Wir haben sie vor dem harten Lockdown besucht.

Eigenen Wohnraum für Kinder umgebaut

Während viele Tagesmütter und -väter ihre eigenen Wohnräume für die Betreuung nutzen und die Tagespflege integrieren, hat die Halveranerin Nadezda Neumann das Erdgeschoss ihres Hauses extra für die Tagespflege umgebaut und wohnt selbst mit ihrem Mann und ihren drei Kindern im Obergeschoss.

So gibt es einen Turnraum mit Rutsche, Bällebad und viel Platz für den Frühsport. Ein Schlafzimmer, in dem fünf kleine Gitterbetten stehen. Ein großes Spielzimmer, gefüllt mit Spielzeug und Büchern. Und es gibt eine Küche, in der der Esstisch gerade mal 50 Zentimeter hoch ist. Auf bunten Stühlen in Kindergröße wird hier gefrühstückt, Essen vorbereitet, Mittag gegessen und auch mal eine Keks-Pause eingelegt.

Hilfe beim Gummistiefel anziehen.

Zwei Kinder kommen schon morgens zu Nadezda Neumann und werden mittags wieder abgeholt, ein Kind bleibt bis nachmittags und das vierte kommt erst mittags und bleibt dafür bis abends. Die Zeiten zeigen, wie flexibel eine Tagespflege sein kann. Anders als im Kindergarten können sich die Tagespflegepersonen den individuellen Wünschen der Eltern anpassen.

Für sie ist es eine Berufung

Die Halveranerin hat sich mit der Ausbildung zur Tagesmutter einen Herzenwunsch erfüllt, sagt die 28-Jährige. Sie hat selbst drei Kinder, die mit sieben, zehn und elf Jahren schon alle in der Schule sind. Sobald sie zuhause und die Hausaufgaben erledigt sind, kommen auch sie runter in den Zauberwald und spielen gerne mal mit den Kindern oder lesen ihnen ein Buch vor. Es ist familiär. Für sie ist das ihre Berufung.

Erst im vergangenen Jahr hat sie die Ausbildung zur Tagespflegeperson gemacht. Im Januar konnte Neumann endlich mit den ersten Kindern starten – doch dann kam Corona und der erste Lockdown. Bis Anfang Mai musste sie schließen. Wieder alles auf Null. Mit der Eingewöhnung der Kinder musste sie von vorne beginnen.

Die Eltern waren Anfang des Jahres sehr zurückhaltend.

Loredana Kruse, Awo-Beraterin für den Bezirk Halver

Keine Frage, Nadezda Neumann war verunsichert. Sie hatte alles frisch eingerichtet, investiert und war voller Tatendrang in ihrer neuen Selbstständigkeit. Mit Corona hatte niemand gerechnet. Bis zu 3000 Tagesmütter könnten ihren Job verlieren, prognostiziert der Bundesverband für Kindertagespflege – daran hängen 15 000 Betreuungsplätze. Nadezda hatte Glück. Aber wie Awo-Beraterin Loredana Kruse, zuständig für die Tagespflege in Halver, sagt, gibt es auch Tagespflegepersonen in Halver, die nicht ein einziges Kind bekamen. Und weil die Tagesmütter – Tagesväter gibt es in Halver nicht – selbstständig sind, verdienen sie ohne Kinder kein Geld.

„Die Eltern waren Anfang des Jahres sehr zurückhaltend“, sagt Loredana Kruse. So bleiben viele Plätze offen. Jetzt läuft es langsam wieder an und es gibt einige Anmeldungen für Januar. Das ist eher untypisch, weil im August meist der Wechsel oder Neuzugang der Kinder stattfindet, angelehnt an den Kindergarteneintritt.

Eltern dürfen die Räume nicht betreten

Nadezda Neumann hatte Glück. Und auch in Corona-Zeiten macht ihr der neue Job viel Spaß, etwas anderes kann sie sich nicht mehr vorstellen. Aber auch in der Tagespflege gelten Regeln. Die Eltern dürfen, wie auch in den Kindertagesstätten, nicht die Einrichtung betreten, sondern müssen die Kinder an der Tür abgeben und abholen. Beim Öffnen der Tür gilt eine Maskenpflicht für Eltern und Tagesmutter.

Dina wird von ihrer Mutter am Mittag abgeholt.

Als die zweijährige Dina sich wehtut, nimmt Nadezda Neumann sie sofort auf den Arm, tröstet sie und streichelt ihr über die Wangen, wischt ihre Tränen weg.

Im Alltag gibt es in der Tagespflege keinen Abstand. In der Tagespflege sind vor allem sehr kleine Kinder im U3-Bereich. Ohne körperliche Nähe geht es nicht. Angst hat Nadezda Neumann keine – nur vor dem erneuten Lockdown. Der ist für sie nicht gut, aber auch nicht für die Familien, denen sie mit ihrer Arbeit eine große Hilfe ist.

Beratung in Halver möglich

Weil es in Halver kein Beratungsbüro der Awo gibt, nutzt die Beraterin Loredana Kruse sobald es wieder möglich ist das Bürgerzentrum. Dort wird sie immer mittwochs von 9 bis 11 Uhr eine Sprechzeit anbieten, um auch den Halveraner Familien kurze Wege bieten zu können, wenn sie sich über eine Tagespflege für ihr Kind informieren möchten. Wer jetzt schon Informationen möchte, kann sich an Loredana Kruse per E-Mail an loredana.kruse@awo-ha-mk.de wenden.

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