Zwischen Leidenschaft und Auflagen: Hoffnungen und Sorgen junger Landwirte

Tim Voswinckel mäht Kleegras auf dem Feld bei Escha. In der Wurzelmasse können bis zu 200 Kilogramm Stickstoff je Hektar gebunden sein, der von den Folgekulturen genutzt werden kann.
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Tim Voswinckel mäht Kleegras auf dem Feld bei Escha. In der Wurzelmasse können bis zu 200 Kilogramm Stickstoff je Hektar gebunden sein, der von den Folgekulturen genutzt werden kann.

Am Mittwoch und Donnerstag (23. und 24. Juni) fanden die Deutschen Bauerntage statt. Eines der Themen war die Zukunft der Landwirtschaft. Wir haben dazu mit einem jungen Familienbetrieb aus Halver gesprochen. Sie erzählen uns von ihren Sorgen, aber auch von ihrer Leidenschaft.

Halver – Zuerst die Kühe, dann das Frühstück. Morgens um sechs Uhr klingelt der Wecker bei Familie Voswinckel. Eine Viertelstunde später stehen Mutter Kerstin und ihre beiden Söhne Tim und Michael im Stall. Rund 150 Milchkühe werden gemolken. Morgens und abends. 365 Tage im Jahr.

Für die 48-Jährige ist Landwirtin ihr Traumberuf, sie kann sich nichts anderes vorstellen, sagt sie. „Ich bin Landwirtin aus Leidenschaft.“ Ihren Söhnen geht es genauso, ihr Herz schlägt für die Landwirtschaft trotz aller Probleme, die der Beruf mit sich bringt. In die Zukunft blicken sie mit Sorgen.

Michael Voswinckel kennt jede Kuh beim Namen.

Neue Auflagen machen es dem Familienbetrieb schwer. Zum einen geht es um politische Entscheidungen, zum anderen um gesellschaftliche Erwartungen. Düngeverordnung, Insektenschutzgesetz, niedrige Milch- und Fleischpreise – „die Auflagen gehen an der Realität vorbei“, sagt der 28-jährige Michael Voswinckel. Auflagen umzusetzen, koste auch Geld, sagt seine Mutter Kerstin. „Wir müssen Kredite aufnehmen, wir leben nicht im Wunderland.“ Tim Voswinckel ergänzt: „Andere kaufen sich ein Haus, wir kaufen neue Güllefässer.“

Ein weiterer Sorgenpunkt in Halver ist der Umgang mit landwirtschaftlichen Flächen. 3944 Hektar Fläche werden in der Stadt im Grünen landwirtschaftlich genutzt. 140 bewirtschaftet die Familie, die ihren Betrieb am Langenscheid seit 1970 führt. Ein Großteil der Flächen ist gepachtet und umgeben von Industrie. Unter anderem dienen die Felder neben Escha und dem Märkischen Werk der Futtermittelproduktion, die Kuhweiden grenzen an das Industriegebiet Oeckinghausen. Die zunehmende Ausweitung der Industrie- und Wohngebiete bereiten den Landwirten Zukunftsängste. Grünflächen, die meist gepachtet sind, sind ihr Lebensunterhalt – Wiesen für die Kühe und für die Futterproduktion.

Es liegt nicht in ihrer Hand, was mit ihrer Arbeitsgrundlage passiert. „Uns sind die Hände gebunden, man nimmt uns immer mehr weg“, sagen die Landwirte. Neben Escha bewirtschaften die Voswinckels derzeit drei Hektar, vor einigen Jahren waren es vier. Was wenig klingt, ist ein schleichender Prozess, der sich in Deutschland täglich ausbreitet. Das neu geplante Gewerbegebiet in Oeckinghausen-Süd sehen sie kritisch, auch wenn es nur rund zehn Hektar groß wäre. Auf die Größe komme es nicht an, sondern auf den anhaltenden Trend: Vor 15 Jahren hatte Halver noch 101,5 Hektar landwirtschaftliche Flächen mehr.

Kerstin Voswinckel, Mutter von Tim und Michael Voswinckel, füttert die Rinder mit frischem Kleegras. Für sie keine Arbeit, sondern Leidenschaft.

Was bereits zehn Hektar Grünfläche fürs Klima bringen, darauf weisen Schilder hin, die hat der Landwirtschaftliche Ortsverband Halver vor rund einem Jahr aufgestellt. Eines solcher Schilder steht auf der Wiese des Märkischen Werks, die die Voswinckels pachten. Zehn Hektar Grünland beispielsweise binden 60 Tonnen CO2 und setzen 40 Tonnen Sauerstoff wieder frei. Dass mit Wiesen und Feldern natürlich CO2 gebunden wird, sollte die Kampagne der Landwirte verdeutlichen.

„Ich sehe mich auch als Naturschützer“, sagt Tim Voswinckel. Der 22-Jährige hat erst vor wenigen Tagen seine Prüfung bestanden und ist jetzt staatlich geprüfter Agrarbetriebswirt. Auch in der Schule war Thema, welche Rolle Landwirte in der Zukunft spielen und welchen Beitrag sie leisten – aber auch schon immer geleistet haben, wie Kerstin Voswinckel ergänzt. „Aber das sehen viele Menschen nicht. Wir sind oft nur die Bösen“, sagt sie. So berichtet der frischgebackene Agrarwirt, dass er beim Gülleausbringen beschimpft werde. Und dass Menschen echauffiert reagierten, wenn man sie bittet, die Hunde nicht auf die Nutzflächen zu lassen.

Mangelnder Respekt, fehlende Toleranz, oft auch Unwissenheit – und zugleich hohe Ansprüche, die schwer umzusetzen seien. Aufklärungsarbeit ist wichtig geworden. Die Schilder sollen dabei helfen, das Ansehen der Landwirte zu verändern. Ihren Optimismus verlieren sie nicht – trotz allem, sagen die Voswinckels. In Corona-Zeiten haben sie neue Hoffnung geschöpft. Viele Spaziergänger seien am Hof vorbeigekommen und haben sich interessiert, mal einen Liter Milch mitgenommen und Fragen gestellt. Die ernst gemeinte Frage, welche Kuh Schokomilch gibt, klingt wie ein Witz, ist aber keiner und bringt Michael Voswinckel zum Nachdenken.

Kontakt mit den Menschen

Die beiden jungen Landwirte wissen, es gibt noch viel zu tun. In Sachen Aufklärung, aber auch für die Landwirte eine bessere Honorierung. Investitionen und Modernisierungen gehören in der Landwirtschaft dazu. „Wir sind immer am Ball geblieben“, sagt Kerstin Voswinckel. Ob größere Ställe oder neue, moderne Landmaschinen. Viele, die das nicht gemacht haben, hätten heute Probleme, sagt sie.

Ein Familienbetrieb soll der Hof bleiben, sagt die Mutter. Aber dann müssten auch alle davon leben können. Rund 35 Cent gibt es momentan für den Liter Milch. „Gut leben kann man davon nicht mehr“, sagt Tim Voswinckel.

Auf dem Bauerntag hielt auch Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Rede. Sie sagte, man habe die Sorgen der Landwirte „sehr, sehr ernst“ genommen. Im Klimaschutzgesetz habe man einen „tragbaren Kompromiss“ gefunden. Wichtig sei jetzt, appellierte die Kanzlerin, dass junge Menschen übernehmen, Traditionen halten und Neues entwickeln. „Das verlangt viel Einsatz, aber es gibt auch Chancen.“ Daher wolle sie junge Menschen ermutigen. Der Dialog mit der Gesellschaft müsse gehalten werden. „Ich bin sehr an der Akzeptanz der Landwirte interessiert.“ Junge Menschen zu motivieren, Landwirt zu werden, scheint jedoch in der Realität schwierig. Die Abschlussklassen bei Tim Voswinckel waren nicht gut besucht. Der Nachwuchs fehlt, ist sich die Halveraner Familie einig. Wenig Geld, kaum Urlaub, schlechtes Ansehen. „Wenn sich nichts in den kommenden 20 Jahren ändert, wird der Beruf aussterben“, glaubt Michael Voswinckel. Ihren Kindern würden die Brüder nach jetzigem Stand von dem Beruf abraten. „Geht es so weiter, hat die kommende Generation der Landwirte ein Problem.“

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