Ein Heer von Geistern, Hexen und Dämonen

Papst Silvester I.

HALVER - Jetzt heißt es wieder Abschied nehmen vom alten Jahr. Während Weihnachten ein besinnliches, leises und sehr feierliches Fest ist, wird Silvester laut, schrill und bunt gefeiert. Der 31. Dezember trägt zwar den Namen des Papstes Silvester, ist aber ein Festtag ohne christlichen Ursprung. Das Kirchenjahr beginnt am ersten Advent; Silvester und Neujahr haben darin keine Bedeutung. Erst der 6. Januar, der Tag der Heiligen Drei Könige, der auch Epiphanie, „Erscheinung“, genannt wird, ist wieder ein kirchlicher Feiertag.

Auch ohne religiösen Bezug ranken sich um die Feiern zur Jahreswende viele alte Riten und Bräuche. Waren es doch von jeher geheimnisvolle, sagenumwobene Tage in den beiden Wochen „zwischen den Jahren“. Warum aber nennen wir die Zeit, in der wir uns gerade befinden, „zwischen den Jahren“?

Für unsere Vorfahren bestand nach der Wintersonnenwende ein Zeitloch. Jetzt gab es die Schalttage, die einst die Kluft zwischen dem alten Mondjahr von 354 Tagen und dem neuen Sonnenjahr mit seinen 365 Tagen überbrückten. Das empfand man als eine mystische Zeit außerhalb des Jahreslaufs. Auch für das frühe Christentum stand jetzt die Zeit gewissermaßen still. In Rom wurde das Geburtsfest Jesu am 25. Dezember gefeiert, in der Ostkirche jedoch überwiegend erst am 6. Januar, dem „Tag der Erscheinung des Herrn“. Auch der Jahresanfang, der im gregorianischen Kalender seit 1582 auf den 1. Januar fiel, schwankte zuvor lange zwischen dem 25. Dezember und dem 6. Januar.

Die letzten sechs Nächte im alten und die ersten sechs Nächte im neuen Jahr waren nach alter Überlieferung die „Rauhnächte“. Vorchristlicher Aberglaube und uraltes Brauchtum mystifizieren diese zwölf Nächte, in deren Mitte, nämlich zu Silvester, ein wildes Heer von Geistern, Hexen und Dämonen durch die Luft tobt und jeden mitreißt, der ihm begegnet. Die wütende Schar will den Übergang stören und sich in das neue Jahr einnisten. Man musste Fenster und Türen verschließen, man musste Speiseopfer darbringen und Lichter anzünden. Nur so konnte man das Heer der Bösen besänftigen.

Besonders in ländlichen Gebieten war der Gedanke verbreitet, dass die zwölf Tage von Weihnachten bis Dreikönig das Wetter der folgenden zwölf Monate anzeigen. Jeder Tag stand für einen Monat des kommenden Jahres. Noch heute soll es Bauern geben, die sich in dieser Zeit das Wetter aufzeichnen, um eine Prognose für das neue Jahr zu haben.

Die letzte Rauhnacht vom 5. zum 6. Januar war vor allem wichtig, um Überflüssiges, Altes oder Belastendes aus dem vergangenen Jahr endgültig abzuwerfen. Vielleicht kommt daher auch der Brauch, spätestens am 6. Januar den Christbaum und jede Weihnachtsdekoration zu entsorgen. Eine Schrift aus dem 16. Jahrhundert erteilte den Ratschlag, in der letzten Rauhnacht eine Zeit lang alle Fenster zu öffnen, um die bösen Geister hinaus zu schicken und die guten herein zu bitten.

Im süddeutschen Raum galt der Vorabend von Dreikönig als „Perchtenabend“. Der Feiertag selbst wurde mit Maskenumzügen begangen. Felder besprengte man mit Weihwasser, damit die Erde fruchtbar und ertragreich sei. Den lärmenden Perchtenläufen – die Wilde Jagd darstellend mit der Percht als Wintergöttin – setzte die Kirche im Mittelalter die Umzüge der Sternsinger entgegen.

Über die Herkunft und Bedeutung des Wortes „Rauhnacht“ streiten sich die Etymologen. Teils wird die Meinung vertreten, wegen der mit Fell bekleideten Dämonen, die in diesen Nächten ihr Unwesen treiben, spiele das mittelhochdeutsche Wort „ruch“, was soviel wie „haarig“ bedeute, eine Rolle. Eine andere Herleitung des Wortes Rauhnacht geht vom traditionellen Beräuchern der Viehställe am Neujahrstag mit Weihrauch durch den Priester aus.

Mancherorts galten die Rauhnächte als derart gefährlich, dass sie mit Fasten und Beten begangen wurden. Im Haus durfte keine Unordnung herrschen. Es wurde keine Wäsche gewaschen und vor allem spannte man keine Wäscheleinen, da sich in diesen die „wilde Jagd“ verfangen könnte.

Weit verbreitet war das Befragen von Orakeln in dieser Zeit. Besonders die Nacht vom 31. Dezember zum 1. Januar hatte die stärkste Wahrsagewirkung. Das Bleigießen im Silvesterbrauchtum erinnert noch daran. Während das allerorts beliebte Feuerwerk und Böllerschießen in der Silvesternacht früher den bösen Spuk der Dämonen, Teufel und Hexen vertreiben sollte, ist die Farbenpracht am dunklen Himmel heute ein Ausdruck der Vorfreude auf das neue Jahr.

von Hans-Jürgen Kammenhuber

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare