Wortgewitter von Volker Pispers

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... hundsgemein...

Halver -  In gut drei Stunden machte Kabarettist Volker Pispers am Mittwochabend in der Aula des Anne-Frank-Gymnasiums seinem Unmut über die Befindlichkeit der Nation Luft.

Von Monika Salzmann

Einseitige Schuldzuweisungen im Ukraine-Konflikt? Lässt er nicht gelten. Deutschland geht’s gut, die Wirtschaft brummt? So ein Quatsch! Die Arbeitslosenzahlen sind frisiert – allesamt! Und die Medien? Bauschen Nichtigkeiten zu Skandalen auf, um von den eigentlichen Skandalen der Welt abzulenken. Siehe Ebola… Was ist denn mit den unzähligen Malaria- und Tuberkulose-Toten im Jahr? Über die berichtet niemand. Dass bei Malaria/Tuberkulose die meisten Todesfälle vermeidbar sind, ist doch der eigentliche Skandal.

In einem Moment noch charmant lächelnd wie der Kumpel von nebenan, im nächsten schon bitterböse und hundsgemein ließ er seinem lachenden, vom Wortgewitter schier schwindeligen Publikum im restlos ausverkauften Saal kaum Zeit, das eine zu verdauen, bevor er das nächste Übel bei der Wurzel packte. Wahnwitzig, was er alles in sein fortwährend aktualisiertes Programm „Bis Neulich…“, gleichsam ein Kabarettprogramm in Progress, hineinpackte! Angefangen bei der Religion, auf die er gut und gerne verzichten könnte, bis zur harschen Kapitalismus-Schelte, bei der das Lachen im Hals gefror.

„Wir kaufen Dinge, die wir nicht brauchen, mit Geld, was wir nicht haben, um Menschen zu beeindrucken, die wir nicht leiden können“, lautete seine nüchterne Bilanz. Überzeugt, dass Kabarett eine Art moderner Ablasshandel ist, erteilte Pispers weder Politik noch Gesellschaft, weder Wirtschaft noch Religion Absolution. Mit Merkel hatte er sich mehr schlecht als recht abgefunden: „Angela Merkel ist unschlagbar. Sie ist der FC Bayern der deutschen Politik. Nur ohne Pep“, stichelte er lapidar. Seine Erklärung: „Das ist wie bei der Lindenstraße. Irgendwann gehört sie einfach dazu.“ Gauck und von der Leyen („Das ist Strauß in hübsch. Die ist eiskalt.“), Bonzen, politischer Einheitsbrei und problematische Hinterlassenschaften von Rot-Grün wie Hartz IV boten da weit größere Angriffsflächen. Mit gewagten Rechenoperationen, die unter anderem auf geschönte Arbeitslosenstatistiken und Altersarmut abzielten, brachte der Düsseldorfer seine Zuhörer ins Grübeln. Geistig hielt er auf Trab, von der ersten bis zur letzten Minute seines geballten Drei-Stunden-Power-Programms. Ob man ihm nun zustimmte oder an manchen Stellen gern widersprochen hätte: Er brachte die Dinge ins Rollen, stieß Gespräche an und riss mit seinen pointengespickten Statements aus wohliger Gleichgültigkeit.

Viele unbequeme Wahrheiten sprach er an, bedachte die Folgen und malte düstere Zukunftsszenarien aus, respektlos, direkt und ohne Tabu, mal witzelnd, mal mit brutaler Härte. Seine Spezialität: Das genüssliche Sezieren von Promi-Zitaten. Sogar Fußball-Kaiser Franz Beckenbauer bekam da wegen der Wüsten-WM in Katar („Ich habe noch keinen einzigen Sklaven in Katar gesehen.“) seine Watschen. Komplexe Zusammenhänge vom Steuersystem bis zur Schuldenkrise entwirrte, erklärte und sezierte Pispers auf seine unvergleichliche, didaktisch hervorragend aufbereitete Art und Weise. „Das Schlimmste für uns Deutsche ist, wenn wir aussterben und es ist noch Rente übrig“, hieß es am Ende.

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