Wilfried Schmickler redet wie ein Wasserfall

Kabarett auf höchstem Niveau: Wilfried Schmickler begeisterte sein Publikum in der ausverkauften AFG-Aula. ▪ Weber

HALVER ▪ In den Kellern der Parteizentralen, fürchtet Wilfried Schmickler, werde der Nachwuchs für Bundestag und Ministerien inzwischen gezüchtet. Dabei werde Wert darauf gelegt, dass die jungen Polit-Stars „reden wie ein Wasserfall, ohne etwas zu sagen“. „Reden wie ein Wasserfall“ – das trifft auch auf Schmickler selbst zu. Aber „ohne etwas zu sagen“?

Der mehrfache Kleinkunst-Preisträger hatte am Donnerstagabend bei seinem Auftritt in der Aula des Anne-Frank-Gymnasiums viel zu sagen. Was die Qualität der Schmickler’schen Beiträge angeht, bot sich die Anspielung des Kölners auf das parallel laufende Fernsehprogramm als Vergleich an: „Bei Sat.1 läuft angeblich Fußball, aber in Wahrheit spielt der VfB Stuttgart.“ Der stark abstiegsbedrohte schwäbische Verein trat im „Cup der Verlierer“, der Europa-League, an. Wilfried Schmicklers Auftritt dagegen war, um im Bild zu bleiben, Champions League. Und zwar, wenn der FC Barcelona in höchster Spiellaune mitspielt.

Ganz aktuelle Entwicklungen wie Verteidigungsminister zu Guttenbergs Rückgabe seines Doktortitels verwob der in Anzug mit Hosenträgern samt T-Shirt gekleidete Schmickler mit Spitzen gegen Politik und Wirtschaft. Dem sozial engagierten 56-Jährigen war es ebenso ein Gräuel, wenn Staatsfinanzen dadurch saniert werden, dass „denen weniger mehr gegeben wird, bei denen nichts zu holen ist“, wie die von 16 Kultusministern in verschiedene Richtungen gesteuerte Bildungslandschaft der Bundesrepublik. „Hauptfach Kuddelmuddel, erste Fremdsprache Kauderwelsch“, fasste Schmickler kurz und knackig zusammen.

All diese Gedanken trug der zweifache Gewinner des Deutschen Kleinkunstpreises mit atemberaubender Geschwindigkeit vor, gleich, ob in Prosa oder in Versform vorgetragen. Zeit zum Durchatmen blieb dem Publikum in der AFG-Aula nur bei Schmicklers Liedern, von denen eines mit dem Titel „Weiter“ („Weiter, weiter, es läuft immer weiter – und irgendwann vor die Wand“) dem aktuellen Programm des Kabarettisten den Titel gibt.

Doch gesprochene und musikalische Beiträge machten nur einen Teil dieses Schmickler-Abends aus. Es war das Mienenspiel: die unveränderliche Ernsthaftigkeit, während einzelne Zuschauer vor Heiterkeit kaum mehr an sich halten konnten; die weit aufgerissenen Augen, als hätte Schmickler dieses oder jenes zuvor noch nie so gesehen; die herunterhängenden Mundwinkel, denen Schmickler nur selten gestattete, sich zu einem Lächeln nach oben zu bewegen.

Dieses trug er – und trugen die vielen Besucher – dann aber nach einem gelungenen Kabarettabend offen zur Schau. ▪ Axel Krüger

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