Wenn Integration selbstverständlich ist

Integration hat einen Namen: Mustafa Bayrak arbeitet seit 40 Jahren bei Jung, Boucke. Er und Ehefrau Aynur besitzen die türkische Staatsbürgerschaft – seine Söhne Ömer (rechts) und Ersim sind Deutsche. ▪ F. Zacharias

HALVER ▪ Es war ein Dienstjubiläum der besonderen Art, das jüngst in der Firma Jung, Boucke anstand: Der Chef war gekommen, Kollegen auch – und im Mittelpunkt stand ein Mann, der sich bei seiner Ankunft in Deutschland niemals hätte vorstellen können, in Halver in den Ruhestand zu gehen.

Mustafa Bayrak arbeitet seit nunmehr 40 Jahren bei Jung, Boucke – so lange, wie kein anderer ausländischer Mitarbeiter. Damit war Bayrak einer jener Gastarbeiter, die genau zehn Jahre nach der Unterzeichnung des so genannten Abwerbeabkommens mit der Türkei ins Land kamen.

40 Jahre – eine Zeit, in der der heute 62-Jährige die Deutschen und ihr Land kennen und schätzen gelernt hat. Hier kamen seine drei Kinder Ömer, Esra und Ersim zur Welt, hier fanden er und seine Familie schnell Freunde. Probleme mit Fremdenhass? „Hatte ich nie. Toi, toi, toi“, sagt Bayrak und klopft dreimal auf den gedeckten Wohnzimmertisch.

Dabei deutete im Jahr 1970 nichts darauf hin, dass der gelernte Goldschmied den größten Teil seines Lebens in Mitteleuropa verbringen würde. Er leistete gerade seinen Wehrdienst, als er einen Kameraden beim Ausfüllen eines Bewerbungsbogens beobachtete. „Ich fragte ihn, was er da machte, und er sagte, er wolle nach Deutschland gehen, um dort zu arbeiten. Daraufhin sollte er meinen Namen auch gleich eintragen.“ Zuvor hatte die Firma Heinrich Jung & Sohn, die 1994 mit der Firma Boucke fusionierte, eine entsprechende Liste in der Kaserne bei Ankara ausgehängt. „Das ging direkt über die Unternehmen“, erinnert sich Bayrak an jene Zeit.

Und so wunderte es aufgrund der Nachfrage an Arbeitskräften auch nicht, dass Bayrak schon ein Jahr später in Halver angestellt wurde. Und der damals 22-Jährige freute sich – trotz Samstagsarbeit und Zehn-Stunden-Tage. „Es war für mich vor allem ein Abenteuer“, erinnert sich der in Trabzon am Schwarzen Meer geborene Sohn eines Bankiers. Die Arbeit am Schmiedehammer, die ihm zugeteilt wurde, war zunächst Neuland. „Das war eine ganz andere Größe“, sagt Mustafa Bayrak, der ursprünglich das Handwerk des Goldschmieds gelernt hatte. „Nach maximal fünf Jahren wollte ich genug Geld beisammen haben, um in die Türkei zurückzugehen und dort ein Juweliergeschäft zu eröffnen“. Doch es kam anders.

Während eines Besuchs in der Heimat lernte er seine spätere Frau Aynur kennen, die sich, anders als ihr Ehemann, heute voller Schrecken an ihre ersten Jahre in Deutschland erinnert. „Ich wollte eigentlich in der Türkei bleiben. Die Wohnung unter dem Dach an der Lohstraße war ungewohnt. Ich war alleine, während mein Mann arbeitete, und kannte niemanden.“ Die türkische Gemeinde in Halver war damals noch klein, entsprechende Lebensmittelgeschäfte gab es nicht. „Ich habe die Vielfalt an Obst und Gemüse vermisst.“ Doch nicht zuletzt die freundliche Aufnahme durch die deutschen Nachbarn trug dazu bei, dass sich die Familie im Laufe der Jahre immer heimischer fühlte.

„1978 planten wir eigentlich zurückzukehren, aber die politische Lage in der Türkei ließ das nicht zu“, erinnert sich Aynur Bayrak. Und so gingen die Jahre ins Land. Die Kinder wuchsen in der deutschen Kultur auf, schlossen Freundschaften, integrierten sich – ohne das dieses Thema jemals auf der Tagesordnung gestanden habe. „Man versteht sich einfach“, sagt der jüngste Sohn Ersim und sein älterer Bruder Ömer betont: „Wir sind sicher nicht die einzige türkische Familie, die so ist wie sie ist.“ Die Bayraks sind gläubige Muslime – dass sie dennoch mit Menschen anderer Religionen eng befreundet sind, versteht sich eigentlich von selbst, muss heutzutage aber leider immer wieder betont werden. Und wie sehr Mustafa und Aynur Bayrak mittlerweile in Deutschland angekommen sind, verdeutlichen ihre Pläne für die Zeit des Ruhestands: „Wir sehen unsere Zukunft hier.“ ▪ Frank Zacharias

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