Fehlverhalten im Wald

Warten auf verletztes Reh: Jäger wird beim Ansitz oft gestört

Jäger Sascha Friedrich wartet auf einer Lichtung in der Wilden Ennepe auf ein Reh
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Jäger Sascha Friedrich wartet auf einer Lichtung in der Wilden Ennepe auf ein Reh, das verletzt ist. Aber die Ansitze werden immer wieder gestört. Das Reh hat er immer noch nicht wiedergesehen.

Meist sind die Hochsitze im Wald leer. Aber wer denkt, sie werden nciht genutzt, täuscht sich. Der Jäger Sascha Friedrich wartete voller Hoffnung im Ansitz auf ein verletztes Reh. Dann kletterte jemand die Leiter zu ihm hoch.

Halver – Sascha Friedrich lag auf der Lauer. Sechs Mal. Ansitze nennt man das im Fachjargon unter Jägern. Der 42-Jährige hat auf ein Reh gewartet, das er Anfang Mai zum ersten Mal sah, aber „es hat schwer gehumpelt“, erzählt der Jäger. Seine Aufgabe ist es nun, zu schauen, ob er das Reh erlegen muss oder nicht. „Vielleicht wurde es von einem Auto angefahren“, aber das ist nur eine Vermutung von Friedrich. Auch, ob das weibliche Tier trächtig ist, weiß er noch nicht. Dann wäre die Situation noch einmal eine andere. Erlegen käme dann nicht mehr infrage.

Viel Zeit hat der Jäger investiert. Besser gesagt: Er hatte es vor. Denn zu Ende bringen konnte er von den sechs Ansitzen nur zwei. Bei den vier anderen blieb er nicht lange alleine. Spaziergänger kamen vorbei und wollten über die Lichtung gehen, auf der Sascha Friedrich das Reh erwartet hatte. Beim nächsten Mal ging ein Vater mit seinen zwei Kindern durch das Waldstück und „brüllte durch die Gegend“. Der Höhepunkt: „Sie wollten auch noch den Hochsitz erklimmen.“ Sascha Friedrich ist erstaunt.: „Irre, was man momentan alles im Wald erlebt.“ Er kann verstehen, dass in Zeiten von Corona nicht viel übrig bleibt, was man machen kann. „Aber man muss sich im Wald benehmen.“

Auf dieser Lichtung erwartet Sascha Friedrich das verletzte Reh. Normal sind sie standorttreu, sagt er. Aber wenn zu viel im Wald los ist, kommen sie nicht.

Vor allem momentan. Die Jungtiere von Hasen und Bodenbrütern liegen in den Feldern und Wäldern, auch die Ricken werden bald ihre Kitze bekommen, sagt Friedrich. Wer die trächtigen Tiere jetzt aufscheucht, gefährdet sie. Sie brauchen jetzt jede Kraft für die Geburt. Und vor allem Ruhe. Schon, um ihr Fressen wiederzukäuen. Bei zu viel Verkehr im Wald, der abseits der Wege und mit Krach stattfindet, sind die Tiere gestresst, laufen vielleicht gehetzt durch den Wald.

Auf der Lauer liegt Sascha Friedrich gewissermaßen auch auf der Arbeit. Bald werden die Kitze in den Wiesen liegen. Aber auch die Landwirte werden ihre Felder mähen. Wenn es soweit ist, rufen sie den Jäger an. Friedrich wird dann seinen Arbeitsplatz spontan für zwei bis drei Stunden verlassen und die Felder absuchen und Kitze, die eventuell auf den Feldern versteckt liegen, an den sicheren Waldrand bringen.

Brut- und Setzzeit: Kitze nicht aufheben

Dabei gibt es einiges zu beachten, denn die Kitze, die keinen Eigengeruch haben, dürfen nicht den eines Menschen annehmen. Handschuhe und viel Gras sind nötig, um das Kitz umzusetzen, damit das Muttertier es nicht abweist. Der Arbeitgeber weiß Bescheid, sagt Sascha Friedrich. Ähnlich wie bei Feuerwehrmännern, die plötzlich den Bürostuhl verlassen, akzeptiert man auch die Aufgabe eines Jägers.

Oft haben Menschen ein falsches Bild von dem Hobby, das doch viel mehr ist, als man denkt, sagt Friedrich. Das Bild des bösen Jägers, der nur Tiere jagt und erschießt, ist falsch. Jäger kümmern sich um die Tiere – sorgen sich. Wenn sie schießen, hat das mit der Regulierung des Tierbestandes oder mit Krankheiten zu tun.

Die Arbeit mit Landwirten und Förstern ist eng. Auch die Pflanzenwelt hat ein Weidmann stets mit im Blick. Nicht zuletzt muss er für Schäden auf landwirtschaftlichen Flächen – etwa durch Wildschweine – aufkommen. Als Hüter der Balance werden sie bezeichnet. Aber ja, Sascha Friedrich genießt es auch, stundenlang auf dem Hochsitz zu warten, die Natur zu genießen und Tiere zu beobachten – wenn sie sich denn blicken lassen.

Auch die Aufklärung über das richtige Verhalten im Wald gehört zu den Aufgaben eines Jägers. Eine Herausforderung in Corona-Zeiten. Was allen bleibt, ist das Appellieren und Aufmerksammachen, wenn sie jemanden treffen. Weil Sascha Friedrich aber meist früh morgens oder abends spät im Wald unterwegs ist, hat er in Schilder investiert. Im Gebiet Wilde Ennepe, das er pachtet, hat er mehrere Hinweise aufgestellt: Keinen Müll liegen lassen – den er auch oft aufsammeln muss –, auf den Wegen bleiben und den Wald in Ruhe genießen.

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