Fichtensterben

Verzweifelte Waldbesitzerin: „Wir haben den Wettlauf verloren“

Nur noch zusehen kann Erika Voswinckel dabei, wie der Harvester die Bäume ihres Waldes abholzt.
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Nur noch zusehen kann Erika Voswinckel dabei, wie der Harvester die Bäume ihres Waldes abholzt.

Die Fichten, die dem Borkenkäfer zum Opfer fielen, haben eine Geschichte. Wer hat sie einst gepflanzt und warum? Wir haben hat mit einer Waldbesitzerin gesprochen, die ihre Sicht auf die Situation erzählt – über die Vergangenheit und Perspektiven sowie über Schuld. Hätte man das alles kommen sehen müssen? 

Halver - Es gibt Dinge, die kann man nicht beschreiben. Etwa das Gefühl, wenn der Harvester durch den eigenen Wald fährt und jede Minute zwei Bäume absägt als wären es Zahnstocher. Fichten, die die Vorfahren einst gepflanzt haben – mit gutem Gewissen. Erika Voswinckel kennt das Gefühl. In Worte fassen? Unmöglich. Nur so viel: „Irgendwann kann man das nicht mehr aushalten.“

Die Halveranerin gehört zu einer Familie, die es schon seit tausend Jahren in Halver gibt. Die 55-Jährige lebt auf dem Gut Voswinckel, mitten auf der Grenze zu Wipperfürth; erstmals 1350 urkundlich erwähnt. Umgeben war es jeher von Wäldern und Feldern. Bald wird ein großer Teil davon fehlen. Zwei Jahre noch, dann werden die Fichten Geschichte sein.

Erika Voswinckel ist eine der rund 340 Waldbesitzer in Halver.

Es war nach Orkan Kyrill im Jahr 2007, als sich die ersten Waldbesitzer umbrachten. Jetzt passiert es wieder hier und da, sagt Erika Voswinckel. Extremfälle. Aber auch Astrid Becker, Geschäftsführerin der Forstbetriebsgemeinschaft Halver, sagt: „Ich habe schon den einen oder anderen im Wald weinen sehen.“

Es ist nicht so, als hätten die Waldbesitzer nicht gekämpft und Dinge ausprobiert. Hinterher ist man eben immer schlauer. Hätte man 2018 gewusst, wie die kommenden drei Jahre verlaufen, hätte man damals ganze Parzellen entfernt, sagt Voswinckel. Aber man scheute sich vor diesem Schritt, vor dem Eingriff in die Natur. Der Mut fehlte. „Jetzt ist das vorbei, weil wir wissen, dass wir den Wettlauf verloren haben. Es ist nur noch ein Hinterherlaufen.“ Es konnte keiner kommen sehen, sagt Erika Voswinckel.

Erst recht nicht ihr Großvater, auch nicht ihr Vater oder Onkel. Sie waren es, die die Fichten, die heute das Gut umgeben, angepflanzt haben. Die 45 Hektar Wald bestehen bis auf 8 Hektar aus Fichten. Das taten die Vorfahren damals mit gutem Gewissen; und mit allem Wissen, das sie hatten. Die Fichten waren ein guter, schnell wachsender Rohstoff, den man nach dem Krieg brauchte. Es waren andere Zeiten, aber die Fichten passten in die Region, zum Klima, zum Leben. „Wir haben kein Recht, den Finger zu erheben“, sagt die Waldbesitzerin. Das tut sie auch nicht. Aber sie hat aufgegeben, um den Bestand zu kämpfen. Sie weiß, dass der Borkenkäfer überall ist. Versteckt unter der Rinde sitzen die Käfer und ihre Larven – mehrere Generationen in einem Baum. 100 000 Käfer an einem Stamm, der 20 Meter in die Höhe ragt. Auch an denen, die gesund wirken. Rund um die Stämme verteilt liegt Bohrmehl von den zahlreichen Löchern der Borkenkäfer, Die Rinde rieselt ab. „Das ist der absolute Kollaps.“

Keine Kunst, sondern die Gänge der Borkenkäfer auf der Rinde.

Der Wald hat tiefe Wunden. Rund um die Wege, die von den Maschinen teilweise tiefe Spalten haben, stehen nur noch Baumstumpfe, einzelne Stämme liegen quer. Wie nach einem Krieg. Anders kann man es nicht beschreiben, auch Erika Voswinckel nicht. Aber die Halveranerin sieht mehr. Ein grüner Teppich zwischendrin. Ein Miniaturwald. Junge Fichten, die teilweise neben den meterhohen Stapeln von Baumstämmen wachsen. Aber sie haben keine Chance mehr. Das weiß sie selbst. Zumindest nicht alleine. Aber an vielen Stellen in ihrem Wald funktioniert die Naturverjüngung wunderbar, sagt die 55-Jährige. Aber wenn der Harvester in die Bestände fährt, beginnt es wieder von vorn.

Eine Rolle, die man von den Pioniergehölzen nicht erwartet hat, könnten dabei auch Birken spielen. An manchen Stellen des Waldes sieht man das dort, wo Kyrill wütete. Wenn die Birken kommen, und das werden sie, dann wachsen sie schnell. Unter ihnen könnte ein Schutzraum für Fichten und andere Baumarten entstehen – aber auch ein Alcatraz, wie Voswinckel es nennt.

Die Schweine werden es lieben, aber die Jägerin weiß, keiner käme durch. Manche überlegen, die befallenen Fichten stehen zu lassen. Aber sie wären eine Gefahr, könnten fallen, weil sie vollkommen vertrocknet sind. Das Holz muss weg. Aber für welchen Preis? Waren es sonst bis zu 90 Euro pro Festmeter, bekommt man heute viel, wenn es 5 Euro sind. Eigentlich zahlt man nur drauf.

Ich habe schon den einen oder anderen im Wald weinen sehen.

Astrid Becker, Forstbetriebsgemeinschaft Halver

Viel Holz ist schon weg. Teilweise standen sechs Sattelschlepper mit Seecontainern rund um das Gut. Der Blick in die Landschaft hat sich längst verändert. Und einen Blick auf neue Wälder wird Erika Voswinckel hier nicht mehr erleben. Welche Bäume werden es sein, die die Landschaft, die Kultur, im Sauerland prägen werden? Eine Mischung, so viel ist klar.

Mittlerweile gibt es ein Konzept. Erika Voswinckel bekommt es bald – sie ist gespannt. Aber manche grundsätzliche Probleme werden bleiben. Wer bewässerst die jungen Bäume, welche auch immer es sein mögen? Wer schützt sie vor Rehen? Zäune? Wer zahlt das alles? Wer soll das alles machen?

Eine Frage aber ist zentral für Erika Voswinckel: Worum geht´s eigentlich? „Wir müssen anders denken“, sagt sie. Sie ist ab von dem Gedanken an einen Wald, der wirtschaftliche Interessen verfolgt. Nussbäume findet sie interessant. Walnüsse, Haselnüsse, Maronen. Ernten wird sie nichts mehr. Aber geht es noch darum? Was um die Menschen herum passiert, ist der Wandel des Klimas. Direkt vor der Haustür, hier in Halver, sagt Erika Voswinckel. „Wir sind Teil des Klimaproblems. Was wir sehen, ist ein Resultat.“

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