Kein Gas für den Halveraner Norden

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Halvers ländlicher Norden, Blick nach Westen über Edelkirchen hinweg. Die Versorgungstrasse würde abseits der Landestraße 528 über unbebautes Gebiet führen.

Halver - Die Goldadern liegen im Boden. Seit Jahrhunderten sichert Versorgungsinfrastruktur durch die Strom-, Gas- und Wasserleitungen Einnahmen und Entwicklung von Unternehmen und Kommunen. Aber klappt es mit der Vernetzung?

Der nördliche Außenbereich Halvers ist weitgehend abgeklemmt. Energiehungrige Betriebe im Wasserschutzbereich heizen mit Öl oder aus Gastanks. Schnelles Internet ist Glückssache. Wasser kommt aus unterschiedlichen Netzen mit aufwendigen Verbundlösungen. Und Energie, die dort schon jetzt und in Zukunft noch umfänglicher produziert wird, findet keine erforderliche Leitungskapazität. 

Mit Letzterem wird demnächst Schluss sein. In knapp sechs Wochen beginnt der erste Bauabschnitt der Enervie vernetzt. In der Hagener Straße liegen bereits die nötigen starken Kabel. Am Lieder-Baumarkt entlang der Landesstraße 528 soll der Graben zunächst bis Hürxtal führen.

Das Ziel liegt bei Ober Vahlefeld für eine kapazitätsstarke Aufnahme, rund vier Kilometer entfernt vom Lieder-Markt. Diese Leitung wird Enervie legen. Und zwar nicht teuer längs der Straße, sondern auf einer Alternativtrasse zu verminderten Kosten, durch freies Gelände mit geringerer Einbautiefe. 

Mehrere Versorger in einem Boot 

Der Clou dabei: Auch weitere Versorger steigen auf die Idee ein. Mit im Boot sitzen die Stadtwerke Halver als Wasserversorger, auch Innogy als Telekommunikationsunternehmen macht mit und nutzt die gemeinsame Grube für Glasfaser, um die Ortslagen anbinden zu können.

Berührt ist mehr oder weniger direkt der gesamte Halveraner Norden: Buschhausen, Kamscheid, Kreisch, Schöneberge, Dommelnheide, Glörfeld, Schöneberge und Edelkirchen rücken an die städtische Infrastruktur heran. Die Kosten sind nicht nur durch die neue Trassenführung geringer. Weil mehrere Interessenten sie sich teilen, wird das Projekt jetzt richtig interessant. Doch es gibt einen Haken.

Die Gasleitungen der Westnetz, als Gasversorger hervorgegangen aus dem RWE-Konzern, sind nicht dabei. Die Beteiligung des Energieversorgers würde nicht nur einen Teilnehmer mehr bedeuten und die weitere Verringerung der Kosten, sondern die Versorgung hochinteressierter Betriebe wie einer Großküche und eines landwirtschaftlichen Betriebes mit hohem Energiebedarf, der bis jetzt Öl verbrennt, um Wärme zu produzieren. 

Eine ganze Reihe privater Interessenten hat seinen Bedarf bereits per Unterschrift bekundet. Die Listen liegen nach AA-Informationen auch der Stadt Halver vor, unterschrieben unter anderem von Draut Foods, Catering-Unternehmen in Oberbuschhausen – wie auch Geschäftsführer Dimitrios Michailidis im Gespräch mit dem Allgemeinen Anzeiger bestätigt.

Gegenläufige Beschlüsse

Ob Westnetz nun noch auf den fahrenden Zug aufspringt, ist offen und eher fraglich. Gegenläufige Beschlüsse im Konzern sollen nach Informationen des AA zu erwarten sein. Wirtschaftliche Erwägungen sprächen gegen eine solche Investition „im sechsstelligen Bereich“, wie es auf Anfrage heißt. Die Entscheidungen fielen dort im Asset-Management, doch nach aktuellem Stand sei ein solches Engagement „einfach unwirtschaftlich“, sagt Johanna Glaser aus der Unternehmenskommunikation von Westnetz. 

Sollte es dabei bleiben, wäre der Graben für eine Gasversorgung in Halvers Norden aber verschüttet. Ein neuer Anlauf würde den gleichen Betrag kosten wie das Gemeinschaftsprojekt, verbunden mit neuen längerfristigen Baumaßnahmen. Hintergrund des Desinteresses von RWE Westnetz an einem solchen Engagement könnte auch sein, so vermuten Fachleute, dass die sogenannten Konzessionsverträge zwischen Stadt Halver und Westnetz in etwa drei Jahren auslaufen. Diese Konzessionsabgaben zahlen Energieversorger an die Kommune als Miete dafür, dass sie städtisches Gelände für ihre Leitungen und Leistungen nutzen dürfen. 

Welches Gas fließt durch die Rohre? 

Das Aneinanderrücken von Stadtwerken Lüdenscheid (Bestandteil der Enervie-Gruppe) und der Stadt Halver bei der Neustrukturierung der Stadtwerke Halver allerdings könnte dafür sprechen, dass Halver künftig Gas der Lüdenscheider Stadtwerke in den Leitungen bevorzugen könnte. Für Westnetz dürfte das kein Anlass sein, auf nur noch wenige Jahre in das Projekt im Norden Halvers zu investieren. 

Ob diese Einschätzung so zutrifft, ist bislang unbelegt. Sollte sie stimmen, könnten sich unter Umständen auch die Stadt Halver beziehungsweise die Stadtwerke in der Pflicht sehen. Um die Gasversorgung im nördlichen Außenbereich für die Zukunft herzustellen, könnten auch Leerrohre in dem Graben reichen, der im Frühjahr ausgehoben wird. Wer auch immer über diese Leitungen Gas pumpen will, müsste diese Abgaben an die Stadt Halver zahlen.

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