81-Jähriger mit vielen Schicksalsschlägen vor Gericht

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Halver/Lüdenscheid - Sichtlich erschöpft von einem Leben, in dem er es offenbar nicht immer leicht hatte, kam ein 81-jähriger Angeklagter aus Halver ins Amtsgericht Lüdenscheid.

„Ich kann nicht mehr“, erklärte er schon zu Beginn des Strafverfahrens wegen eines angeblichen Betruges. Die Staatsanwaltschaft warf ihm vor, einen Schädlingsbekämpfer bestellt zu haben, obwohl er im Februar 2017 hätte wissen müssen, dass er ihn nicht würde bezahlen können. 

Damals besaß er noch ein Mehrfamilienhaus in Lüdenscheid, in dem sich ein Marder auf dem Dachboden eingenistet hatte. Die Rechnungen der beauftragten Firma listeten den Einsatz von Schlagfallen sowie Ratten- und Mäuseködern gegen den „Schadnager“ auf. Mehrere Male waren die Experten demnach vor Ort gewesen, wofür sie – inklusive Mehrwertsteuer – 893,54 Euro verlangt hatten. 

Der Angeklagte konnte sich an den Einsatz nicht so recht erinnern und zitierte einen Zeugen, der ihm berichtet habe, dass sich in der Kampfzone gegen den Marder nichts getan habe.

„Die Investitionen nahmen kein Ende“ 

Zeitlich parallel zur Schadnager-Bekämpfung lief ein Enteignungsverfahren gegen den Angeklagten: Er habe sein Geld nach einem Brand in seinem Betrieb in Halver in Immobilien gesteckt, berichtete der 81-Jährige. „Ich habe ein 13-Familienhaus gekauft und mich dafür komplett verschuldet.“ 500 000 Euro habe er in die Sanierung des Hauses gesteckt. „Die Investitionen nahmen kein Ende.“ Als die laufenden Verbindlichkeiten aufgrund der dafür aufgenommenen Kredite nicht mehr durch die Mieteinnahmen gedeckt waren, wurden seine Häuser in Hagen und Lüdenscheid beschlagnahmt. Die Gerichtsvollzieherin fand Anfang 2017 darüber hinaus zwei Konten mit „null Euro“ und einen Twingo, Baujahr 2000. 

„Ich habe mein ganzes Leben niemanden belogen und betrogen“, versicherte der sichtlich angeschlagene Angeklagte, der an starker Atemnot litt. Mittlerweile habe er kein Einkommen mehr außer der Grundsicherung. Den ihm vom Gericht wegen des angeblichen Betruges zugesandten Strafbefehl könne der Halveraner deshalb nicht bezahlen. 

Der zeitliche Ablauf der Geschehnisse sprach allerdings auch für eine Einstellung des Strafverfahrens: Die Beschlagnahmung der Häuser lief zum Zeitpunkt der Auftragserteilung an den Schädlingsbekämpfer erst an. Eine eidesstattliche Erklärung über seine Zahlungsunfähigkeit gab der Angeklagte erst später ab. Es war auf diesem Hintergrund nicht nachweisbar, dass er die Schädlingsbekämpfer schon in dem Wissen bestellt hatte, dass er sie nicht würde bezahlen können.

Tränen zum Abschied

„Ich sehe das als eine vornehmlich zivilrechtliche Angelegenheit an“, erklärte der Sitzungsvertreter der Staatsanwaltschaft und beantragte die Einstellung des Strafverfahrens. Richter Thomas Kabus sah das ebenso und stellte das Verfahren ohne Auflagen ein: „Das muss zu dem Zeitpunkt alles zusammengebrochen sein“, nahm er den Betrugsvorwurf vom Tisch. Der Angeklagte brach zum Abschied in Tränen aus. „Dann kann ich gehen?“

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