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Umbau von altem Bahnhof: Erinnerungen kommen hoch

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Von: Thilo Kortmann

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Monika Meier mit dem Modell des alten Bahnhofs in Anschlag. Die Nachbildung ist ein Geschenk von Michael Gedigk, Mitglied des Modelleisenbahnclubs Halver.
Monika Meier mit dem Modell des alten Bahnhofs in Anschlag. Die Nachbildung ist ein Geschenk von Michael Gedigk, Mitglied des Modelleisenbahnclubs Halver. © Thilo Kortmann

Es hört sich an wie ein Traum, wenn Monika Meier über ihre Kindheit erzählt. Aber es ist kein Traum, sondern reale Vergangenheit. „War das herrlich und spannend. Das war ein großer Abenteuerspielplatz“, erinnert sie sich an den Ort, an dem sie als kleine Monika tobte und spielte.

Mit Abenteuerspielplatz meint sie allerdings nicht einen der städtischen Spielparadiese – die gab es damals auch noch nicht – sondern ihr Elternhaus damals in den 1950er und 1960er Jahren. Es war der damalige Bahnhof an der heutigen Wipperstraße 7 in Anschlag. Früher wohnte Monika Meier mit ihren Eltern und Geschwistern im Bahnhof. Ihren Eltern gehörte der Bahnhof. Sie hatten ihn kurz vor der Stilllegung gekauft. An die Entfernung der Gleise erinnert sie sich noch sehr gut, vielleicht auch weil sie zuvor so gerne auf diesen gespielt hatte. Besonders lebendig und aufregend sei die Kindheit am Bahnhof gewesen, erzählt Meier. „Es war immer was los. Ständig kamen Bauern vorbei. Die Genossenschaft verlud hier ihre Waren auf die Waggons“, erklärt sie.

Damals habe es noch eine Brücke gegeben, die über die Gleise nach Anschlag geführt habe. Zur Freude auch der Kinder. „Wir haben nicht nur gerne auf den Bahngleisen gespielt. Auch auf der Brücke haben wir Kinder oft gespielt. Zum Leid und Sorge der Erwachsenen, denn das war nicht ganz ungefährlich“, erzählt sie und lächelt. Sie blättert in den vielen alten Fotos auf dem Wohnzimmertisch im Haus am Höveler Weg. Dort lebt Meier jetzt mit ihrem Ehemann.

Andreas Raffelsieper zeigt auf die Stelle, wo sich damals der Eingang zum Bahnhof befand.
Andreas Raffelsieper zeigt auf die Stelle, wo sich damals der Eingang zum Bahnhof befand. © Thilo Kortmann

Die Zeit am Bahnhof ist zwar schon rund 40 bis 50 Jahre her; Meier erzählt davon als wäre es gestern gewesen. Ihre Mutter Luzia führte im Bahnhof eine Gastwirtschaft und der Vater Hermann arbeitete bei der Gesenkschmiede Schürfeld, nicht weit vom Bahnhof entfernt. „Freitag briet meine Mutter immer Koteletts für den Gesangsverein. Das war bei allen sehr beliebt“, erinnert sich Monika Meier.

Es habe auch noch, sagt sie, einen regen Austausch mit dem Gesangsverein aus Kreuzberg gegeben, gegenseitig hätten sich die Sänger besucht. „Die aus Kreuzberg kamen auch zum Kotelett-Essen“, erzählt Meier. Es habe damals so oder so viele Verbindungen und Austausch mit Kreuzberg gegeben, fügt sie hinzu. Heute seien das ja Welten zwischen den Nachbarorten, „in dem einen wird Karneval gefeiert, in dem anderen nicht“, sagt sie und lächelt. Wenn sie erzählt, dann kann man kaum glauben, dass das Leben dermaßen pulsierte im heute eher schläfrigen Anschlag. Bis auf das Seminarzentrum und einige Landwirten mit Hofverkauf gibt es im Vorort sonst keine Angebote mehr.

Für Aufregung sorgen höchstens noch die vielen schnellfahrenden Motorradfahrer im Sommer. Das sah in den 1960er Jahren noch ganz anders aus: „Wir haben auch auf dem Gelände der Molkerei in der Nachbarschaft gespielt. Auf den Rändern der Milchbottiche haben wir balanciert“, erinnert sich Meier und grinst. Molkerei? „Ja, direkt nebenan. Da gab es eine Molkerei für die Milch der heimischen Kühe“, erzählt Meier, die viele Jahrzehnte als Kindergärtnerin im Kindergarten St. Nikolaus gearbeitet hat und vor wenigen Monaten erst in Rente gegangen ist.

Der Bahnhof in Anschlag war Anfang des 20. Jahrhunderts ein wichtiger Verteilerbahnhof. In den Weltkriegen wurde dieser bombardiert.
Der Bahnhof in Anschlag war Anfang des 20. Jahrhunderts ein wichtiger Verteilerbahnhof. In den Weltkriegen wurde dieser bombardiert. © Thilo Kortmann

Monika Meiers Erinnerungen an die Zeiten ihrer Kindheit sind eine Zeitreise in ein Anschlag, das kaum wiederzuerkennen ist. Damals war der Bahnhof an der Grenze zum Bergischen Land ein wichtiger Verteilerbahnhof in Richtung Wipperfürth und Radevormwald. Es wurden heimische Produkte wie Kartoffeln oder Schmiedewaren ins Rheinland und Ruhrgebiet transportiert. Heute ist von der damaligen Nutzung nur noch rudimentär etwas zu erkennen, aus dem Bahnhof ist ein Wohnhaus für mehrere Familien mit großem Garten geworden.

Teile des Bahnhofsgeländes vermietet als Stellflächen für Campingwagen

„Dort sind die Gleise verlaufen“, sagt Andreas Raffelsieper und zeigt auf die leichte Senkung im Rasen des jetzigen Gartens. Und dort wo die Garagen jetzt ständen, war früher ein Pinkelhäuschen für die Bahnarbeiter, sagt Raffelsieper. Er ist der Bruder von Monika Meier und heute Miteigentümer. Die anderen beiden Geschwister seien ausbezahlt, sagt er. Er und seine Schwester Monika vermieten den Hauptteil des ehemaligen Bahnhofs als Wohnraum für drei Familien.

Teile des großflächigen, unbewohnten Bahnhofsgeländes vermietet Raffelsieper als Stellfläche für Campingwagen. Der 52-Jährige bewohnt die Bahnhofsräume der damaligen zweiten Klasse und deren Wartehalle. Erinnerungen an Zeiten, als Passagiere nicht erst im Waggon, sondern schon am Bahnhof in erste und zweite Klasse unterteilt wurden. Die hohen Decken mit Holzbalken und der hallenartige Raum machen die auf den Zug wartenden Besucher noch fühlbar. Heute ist sie ein Allzweckraum: Partyzimmer, Werkstatt und Aufenthaltsraum zugleich.

Heute ist der alte Bahnhof in Anschlag ein Mehrfamilienhaus. Die Gleisführung ist nur noch schemenhaft erkennbar.
Heute ist der alte Bahnhof in Anschlag ein Mehrfamilienhaus. Die Gleisführung ist nur noch schemenhaft erkennbar. © Thilo Kortmann

„Ich mag die Atmosphäre dieses alten Raums sehr. Hier mache ich viele unterschiedliche Dinge“, sagt er und lächelt. An der Wand hängt noch eine Holztafel, die an das regen Bahnhofsleben vor rund 70 Jahren schließen lässt. Es ist eine Gedenktafel des Liederkranz Anschlag, dem heimischen Männergesangsverein. „Und dort dahinten wurden die Waren auf- und abgeladen“, sagt der Halveraner und zeigt auf die noch gut erkennbare Verladerampe.

Die Zu- und Abfahrt mit großem Kopfsteinpflaster, das sich in den Jahrzehnten nicht verändert hat, holen zudem längst vergangene Zeiten wieder hervor. Und nicht nur die: Es gibt auch immer noch unterirdische Relikte, die nicht ganz ungefährlich seien können und heute immer noch gefunden werden. Diese manchmal noch explosiven Reste verdeutlichen die wichtige Bedeutung des Verteilerbahnhofs.

Ende der 1960er wurden die Gleise in Anschlag entfernt.
Ende der 1960er wurden die Gleise in Anschlag entfernt. © Thilo Kortmann

„Es war damals im Krieg ein wichtiger Bahnhof. Dieser wurde im ersten und zweiten Weltkrieg bombardiert“, weiß er. Eine Fünf-Zentner-Bombe sei vor Jahren gefunden worden, erklärt der 52-jährige. Oder auch eine Mörsergranate sei mal aufgetaucht. Jedes Mal musste ein Kampfmittelräumdienst aus einer nahe gelegenen Großstadt wie Dortmund anrücken. Vor fünf Jahren noch sei das der Fall gewesen. Gut erinnert sich Raffelsieper an den Umbau des Bahnhofs zum Mehrfamilienhaus Ende der 70er und 80er Jahre. „Das war eine ganz schöne Mache. Ich habe damals meinem Vater beim Umbau mitgeholfen. Ich war zehn Jahre alt.“

Letzte Fahrt mit einem Zug in Anschlag

Ein Highlight seiner Jugend war die letzte, kurze, symbolische Fahrt einer Lokomotive direkt vor dem Bahnhof. Kurz bevor die Gleise entfernt wurden. „Ich durfte als kleiner Junge noch einmal auf einem Zug hier direkt vor dem Bahnhof mitfahren. Es war die letzte Fahrt eines Zugs in Anschlag“, erzählt er und seine Mimik verrät, dass er stolz darauf ist und dass damals, als er noch ein Kind war, ein Traum wahr geworden war.

Auch Monika Meier hatte als junge Frau einen Traum mit Bezug zum Bahnhof. „Ich habe davon geträumt, dass man einen Güterzug samt Waggon in ein Café umwandelt und auf das Gelände stellt“, erzählt sie. Bislang ist der Traum nie wahr geworden. Erfüllen kann er sich noch auf ihrem ehemaligen Abenteuerspielplatz. Platz ist genug.

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