Überfüllte Praxen in Halver und Schalksmühle

Coronavirus: So sieht es bei Ärzten und in Apotheken aus

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Halver/Schalksmühle - In Arztpraxen und Apotheken werden dieser Tage viele Vorsichtsmaßnahmen getroffen, um die Versorgung der Patienten weiter gewährleisten zu können, aber auch die Sicherheit des Personals aufgrund des Coronavirus nicht zu vernachlässigen.

Vieles bleibt so, wie es immer war. Aber auch vieles hat sich verändert im Praxisalltag in Halver. Sprechstunden bei den Ärzten finden noch statt. Aber die meisten Praxen versuchen, Patienten nicht gemeinsam im Wartezimmer sitzen zu lassen. Stattdessen werden Termine genau getaktet. 

So zum Beispiel in der Zahnarztpraxis von Dr. Lars Twork. Älteren Patienten, deren Behandlung nicht notwendig oder dringend sei, wurde ein neuer Termin angeboten, um sie in der Praxis erst gar keiner eventuellen Gefahr auszusetzen. Aber „Zahnschmerzen gibt es immer“, sagt eine Praxismitarbeiterin. Und deshalb werde die Praxis auch nicht geschlossen. 

Mundschutz bleibt auf, keine Zeitschriften mehr 

Dafür wird jedoch mehr desinfiziert. Türen bleiben nach Möglichkeit geöffnet, ansonsten werden die Klinken stündlich desinfiziert. Zeitschriften gibt es keine mehr im Wartezimmer und sowohl Arzt, als auch Arzthelferinnen lassen ihren Mundschutz nicht nur während der Behandlung auf. Desinfiziert werden allerdings nicht nur die Hände der Patienten, sondern auch deren Münder. Mit einer speziellen Lösung werden Bakterien und Viren zum Großteil abgetötet. 

Grundsätzlich seien sowohl sie als auch die Patienten entspannt. Und nicht nur darüber, auch über ihren Chef freuen sich die Mitarbeiterinnen. Nur Frauen arbeiten in der Praxis und haben auch fast alle Kinder. Die Betreuung zu organisieren sei nicht einfach. „Aber wir haben einen coolen Chef.“ Er kümmere sich um alles und habe versprochen, für alles eine Lösung zu finden. 

In der Zahnarztpraxis von Dr. Thomas Bongard hat sich ebenfalls einiges im Ablauf verändert. „Wir haben gehofft, dass wir einigermaßen durchkommen“, sagt der niedergelassene Arzt. Doch angepasst an die aktuelle Lage wurden nicht nur Hygienemaßnahmen verschärft. Auch Patienten, die leichte Symptome zeigen, schickt er nach Hause. Alle laufenden Behandlungen mache Bongard zu Ende, aber alles, was nicht notwendig ist, wird verschoben. „Wir kommen Patienten sehr nah“, sagt er. 

Das Bohren als Risiko beim Zahnarzt

Ein Risiko, dass es nur beim Zahnarzt gibt, ist das Bohren und die dabei entstehenden Aerosole, in denen Viren besonders lange überlebensfähig seien. Dafür gibt es zwar extra Schutzbrillen, aber sie sind nicht mehr lieferbar. Das Wartezimmer ist nicht mehr besetzt. Patienten werden dazu aufgefordert, draußen zu warten. An der frischen Luft sei das Risiko geringer, sich zu infizieren, als in einem geschlossenen Raum, sagt Bongard. Für ihn ist es zudem nicht ausgeschlossen, dass es über kurz oder lang nur noch eine gebündelte Notfallbehandlung geben wird. Er wartet auf klare Anweisungen des Gesundheitsamts. 

In der Alte-Hirsch-Apotheke in Halver sorgen Plexiglasscheiben nun für so wenig Kontakt wie möglich zwischen Kunde und Apotheker.

In der Frauenarztpraxis von Dr. Chon-Mi Natascha Bodien findet die Sprechstunde noch statt. „Wir versuchen, das Wartezimmer so leer wie möglich zu halten“, heißt es vonseiten einer Mitarbeiterin. Die Patienten, sagt sie, seien sehr gespaltet. Die eine Hälfte sei sehr entspannt, die andere wiederum sei sehr verängstigt. Die Frauen, die in der Praxis arbeiten haben zum Teil Kinder, deren Betreuung sichergestellt werden muss. In einigen Fällen konnten die Männer Homeoffice machen.

Telefonsprechstunde eingeführt

In der Hausarztpraxis von Dr. Hans-Joachim Rüdiger wurde eine Telefonsprechstunde eingeführt. In der Zeit von 11 bis 12 Uhr führt der Internist eine Anamnese und Beratung am Telefon durch, um den Patientenverkehr in der Praxis zu minimieren. Vor allem montags riefen viele an, um sich eine Krankmeldung zu verschaffen. Kontakt hatte die Praxis bisher auch mit einer Person, die im Kontakt mit einer infizierten Person war. Für diese Person, die die Praxis trotz Verdacht und Hinweisschildern an der Tür betreten hat, gab es ein Isolierzimmer. 

Insgesamt wurden in der Praxis drei Abstriche von Personen genommen, die eventuell an Covid-19 erkrankt sein könnten. Die Tests sind jedoch alle negativ ausgefallen. „Wir haben es mehr mit grippalen Infekten zu tun“, sagt Kirsten Paulmann. Auch fiebrige Patienten gebe es nur vereinzelt. Jeden, der die Praxis beritt, bitten die Mitarbeiterinnen darum, die Hände zu desinfizieren. Spender mit Desinfektionsmittel stehen dafür bereit. Das Wartezimmer wird regelmäßig gelüftet und die Türklinken werden stündlich desinfiziert. 

Viele Patienten riefen aber auch einfach nur an. Nichtmals, weil sie krank sind, sondern, weil sie Angst haben, krank zu werden. „Sie wollen wissen, wie sie sich schützen können“, sagt Paulmann. Viele Menschen wüssten auch nicht, ob sie zur Risikogruppe gehören. Das Praxisteam, bestehend aus Kirsten Paulmann und Tanja Still, bemüht sich, den Patienten zu helfen und sie zu beruhigen, wenn es nötig ist. „Bis jetzt hat alles gut geklappt“ sagt Paulmann. „Wir sind ein eingespieltes Team.“ 

Kein Impfstoff mehr gegen Lungenentzündung

Nur auf Anfragen bezüglich der Pneumokokken-Impfung hat das Team keine guten Nachrichten. Der Impfstoff gegen die Lungenentzündung ist aktuell nicht mehr zu kriegen. Einen Engpass an Medikamenten gibt es in den Halveraner Apotheken derzeit noch nicht. Doch die Mitarbeiter an den drei Standorten fühlen sich teilweise mit anderen Risiken konfrontiert. 

Bei der Alten Hirsch-Apotheke in Halver wurden die Hygienestandards deutlich angehoben. Im Laden hängen Hinweisschilder aus, die darauf verweisen, dass die Kunden mindestens anderthalb Meter Abstand zueinanderhalten sollen. Zudem weisen Hinweisschilder darauf hin, wie man sich richtig die Hände reinigt. Eine drastischere Maßnahme sind Plexiglasscheiben, die bald zwischen Kunde und Apotheker stehen werden. In den kommenden Tagen werden die Scheiben mit einer integrierten Durchreiche vor den einzelnen Verkaufstheken angebracht. 

Von derlei Plänen sieht dieRats-Apotheke derzeit noch ab. „Wir haben viel zu tun, aber das liegt zusätzlich auch an der Grippewelle. Darüber redet derzeit nur keiner mehr“, so Inhaber Horst Jakobi, der Ende dieses Monats mit seinem Team nach Werdohl umziehen wird. 

Praxisalltag in Schalksmühle

Den Umständen entsprechend ruhig verlief der Praxisalltag bei Zahnärztin Dr. Karin Aulmann. Viele Patienten hätten in den vergangenen Tagen ihre Termine angesagt. Doch auch am Wippekühler Weg hat das Coronavirus seine Spuren hinterlassen. „Wir haben die Desinfektionsmaßnahmen erhöht. 

So wurden zum Beispiel alle Türen und Griffe gesäubert. Zudem tragen wir nun überall in der Praxis Mundschutz und Schutzbrille.“ Des Weiteren, erklärt die Medizinerin, wurde die Stuhlzahl im Warteraum reduziert und man versuche, die Patienten direkt in die Behandlungszimmer zu schicken. „Für uns gilt größte Sorgfaltspflicht.“ 

Für Karin Aulmann bedeuteten die ersten Tage unter den Eindämmungsmaßnahmen auch viel Zeit am Telefon. So musste unter anderem geklärt werden, ob die Praktikanten überhaupt noch in der Praxis bleiben dürfen. 

Einen Ansturm hat Dr. Peter Pychy, Facharzt für Allgemeinmedizin, in seiner Praxis an der Sterbecker Straße in den vergangenen Tagen nicht erlebt. Seine Patienten seien sehr diszipliniert und gut informiert. „Sie nehmen vorher Kontakt zu uns auf, um viele Dinge bereits im Vorfeld abzufragen.“ Die Entscheidung, ob ein Abstrichtest auf Corona gemacht wird, könne so schon vorab getroffen werden. 

Kein Schutzmaterial mehr

In der Praxis seien die Hygienemaßnahmen deutlich erhöht worden – so weit es geht, betont der Arzt. Denn ihm seien Schutzmaterial wie Gesichtsmasken und Mäntel ausgegangen. „Das ist ein großes Problem. Ich hoffe, dass hier nicht ein Infizierter hereinkommt und ich dann ohne Schutz vor ihm stehe.“ Der Grund für die Versorgungslage sieht Peter Pychy darin, dass primär Kinderärzte und Notfallpraxen mit diesen Materialien ausgestattet wurden. „Mein Lieferant hat mir Nachschub zugesagt, doch auch er wartet auch die Zustellung.“ Hausbesuche führt der Allgemeinmediziner – etwa in Senioreneinrichtungen – weiterhin durch. „Wir können ja jetzt nicht einfach alles einstellen.“ 

Sein Praxis-Team gehe mit den Maßnahmen souverän um. „Sie sind alle sehr robust.“ Unter den Kollegen finde immer ein intensiver Informationsaustausch zu den neusten Entwicklungen statt. 

Ruhiger als erwartet gestaltet sich nach Worten von Peter Kopycki, Arzt in der Gemeinschaftspraxis Lüsebrink an der Volmestraße, der dortige Alltag. „Der Märkische Kreis hat klar geregelt, dass er bei Verdachtsfällen selber Abstriche vornimmt.“ Die meisten Patienten würden sehr bedacht mit dem Thema Coronavirus umgehen. Doch es gebe auch ängstliche Menschen. Von denen müssten sich aber nur die wenigsten Sorgen machen. 

Viele Patienten aus Italien

„Wir haben viele Patienten aus Italien, die sich bei ihren Besuchen eventuell auch in Infektionsgebieten aufgehalten haben. Doch die Leute machen sich weniger über sich, als über ihre Verwandten in ihrem Heimatland Gedanken. Viel Verständnis für Bedenken hat Peter Kopycki bei Berufstätige, die viel Kontakt zu anderen Menschen haben – wie Zugbegleiter oder Kantinenmitarbeitern – und deren Verwandte Vorerkrankungen aufweisen. 

In der Praxis wurden die Hygienemaßnahmen deutlich verschärft. Zu diesen gehören Gesichtsmasken, mehrfaches Hände waschen, genügend Abstand zu Patienten oder Husten in die Armbeuge. „Nicht mehr ganz so problematisch gestaltet sich der Nachschub an Schutzmaterial“, sagt der Mediziner. Auch Hausbesuche würden wie im normalen Alltag durchgeführt, allerdings bei Patienten, die regelhaft Besuch vom Arzt bekommen.

Trend zum Umdenken

Vor allem hat Peter Kopycki aber den Trend zum Umdenken bei den Leuten festgestellt. „Viele kommen zu uns, um sich über ihren Impfstatus, etwa gegen Pneumokokken oder auch gegen Grippe, zu informieren. „Sie reagieren nicht panisch, aber sie fragen jetzt nach.“ Panik bricht bei der Hirsch-Apotheke in Schalksmühle nicht aus, aber es wurden im Verlauf der vergangenen Tage die Hygienestandards hochgesetzt. 

Es dürfen sich nur vier Kunden im Verkaufsraum aufhalten, zudem ist per Absperrband genau geregelt, wie groß der Abstand zwischen dem Kunden und der Verkaufstheke sein muss. „Die Leute sind allerdings weiterhin noch unvorsichtig und uneinsichtig. Viele sind sich dem Ernst der Lage noch nicht bewusst. Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch eine Grenzschließung in Deutschland erlebe. Das gibt mir zu denken“, erklärt eine Mitarbeiterin.

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