Als Treiber auf der Jagd

Müde, schmutzig, glücklich - als Treiber auf der Drückjagd

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Vielseitig: der Drilling mit Läufen für Schrot und Kugel.

Halver - Redakteur Florian Hesse nahm als Treiber an einer Drückjagd im Osten von Halver an der Grenze zu Brügge teil und gibt seine Eindrücke wieder..

Die Wettervorhersage für den Tag der Drückjagd war keine Prognose, sondern eine Drohung: Starkregen, und zwar ganztags. Gedrückt hat sich trotzdem keiner. Und zur Belohnung blieb’s dann auch bei Nieselregen und 9 Grad. Das ist okay für Januar. 

Alle vier Reviere im Osten Halvers haben sich für diesen Donnerstag zusammengetan. Es ist Drückjagd auf Sauen. Wildschweine nennen sie Nichtjäger im normalen Sprachgebrauch, doch unter den rund 60 Menschen, die sich um 10 Uhr auf der Streuobstwiese bei Ostendorf treffen, sind keine Zivilisten. Außer mir jedenfalls. 

Jagdherr im Revier an der Grenze zu Brügge ist Dirk Düppe, der mir vorgeschlagen hat, meinen Arbeitstag doch mal etwas anders zu gestalten – als Treiber auf der Drückjagd. Was das ist, kann sich jeder vorstellen. Für den absoluten Laien aber eine kurze Erklärung. Das Wild soll nicht getrieben, sondern aus der Deckung „gedrückt“ werden, dorthin, wo Schützen Position bezogen haben. Auch unter den Drückern sind Schützen, die Waffen tragen.

In einer Kette ins Gelände

Dann geht’s los in einer Kette ins Gelände. Auf den ersten Blick hört sich das nicht wild an. Aber im Wald an der Stadtgrenze zu Brügge ist dieses Gelände schon mal an keiner Stelle gerade. Es geht rauf, oder es geht runter. Dazwischen gibt es nichts. Das führt dazu, dass ich den Weg in Richtung Vömmelbach in kürzester Linie nehme. 

Treiber vor Borkenkäfer- und Kyrillbrache.

Gefühlt 50 Prozent Gefälle, schlammiger Boden, Rutsch auf dem Hosenboden und Stopp mit den Füßen im Morast. Ich sehe aus wie die sprichwörtliche Sau, hinter der wir her sind. Zweite Eigenart der schönen Landschaft rund um Halver: die vielen Kyrill-Brachen, wo sich die Natur von selbst verjüngt. Die Fichten sind inzwischen mannshoch und wachsen dicht, das Birkengestrüpp zwingt immer wieder zu Umwegen. 

Jäger und Treiber kommen an Stellen, an denen die anderen 364 Tage des Jahres wohl kaum jemand gewesen sein dürfte. Das muss man mögen. Ich mag das jedenfalls und die besondere Atmosphäre der Jagd. Und diese Jagd ist, wie die meisten Dinge in Deutschland, gesetzlich durchreglementiert. Düppes Tochter Frauke funktioniert Papas Pick-Up erstmal um zum mobilen Büro. Vorzulegen sind Jagdschein und Schießausweis und „Hundegeld“, quasi der Beitrag zur Versicherung für die Tiere, falls sie verletzt werden.

Drückjagd im Osten von Halver

Die Begegnung mit einer Sau kann teuer werden – daher auch die Westen für die Hunde, die sie nicht nur für die Schützen sichtbar machen, sondern auch mit Kevlar verstärkt sind, um sie vor den Zähnen der Schweine zu schützen. 

Die Waffen der Wildschweine

Waffen nennen die Jäger die mächtigen Eckzähne. Gut fünf Zentimeter lang sind sie beim etwa 70 Kilo schweren Keiler, der am Ende neben einer Bache und drei Stück Rehwild auf der Strecke liegt. Zu den Regelungen bei der Jagd gehört auch die obligatorische Einweisung durch den Jagdherrn: Jeder ist für seinen Schuss selbst verantwortlich, kein Schuss ohne sicheren Kugelfang. Frei ist an diesem Tag eigentlich alles bis auf Böcke. Bei den Sauen müssen die Jäger sicher sein. Die sogenannten führenden Bachen sind die Köpfe der Rotte und sollen nicht geschossen werden. Kommen sie um, geht die Steuerung verloren, und die weiteren Tiere vermehren sich ohne Leitbache völlig unkontrolliert. Und das ist nicht gewünscht. Unter günstigen Bedingungen kann sich der Bestand über das Jahr verdreifachen. Angesichts der Afrikanischen Schweinepest, die Deutschland erreichen könnte, bedeutet jedes Tier mehr auch mehr Risiko. 

Auch für die Bauern sind die Sauen ein jährlich wiederkehrendes Problem. Die zum Teil erheblichen Schäden im Mais können sie dem Pächter in Rechnung stellen, und wenn die Rotten durchs Grünland pflügen, drehen sie über Nacht große Flächen auf links. Doch daran denke ich nicht ununterbrochen in den zweieinhalb Stunden zwischen Grünewald, Vömmelbach und Ostendorf, wo es auch ringsum knallt.

Drückjagd in vier Revieren – am vergangenen Donnerstag herrschte Hochbetrieb in den Wäldern im Osten der Stadt.

Gejagt wird in Brügge Richtung Raffelnberg, in der Eigenjagd Schmitz, in Winkhof und bei Berge. Zwei Bundes- und zwei Landesstraßen grenzen die große Fläche ein. Schilder weisen an den Zufahrten auf die revierübergreifende Jagd hin, die nicht zuletzt aufgrund der Hunde auch weithin zu hören ist. Die erst zwei Jahre alte Dackeldame Hummel dürfte auf ihren kurzen Beinen gut zwölf Kilometer an diesem Tag gemacht haben, überwiegend mit Vollspeed und dort, wo garantiert kein Mensch hinkommt: im Unterholz und Gestrüpp, dem jungen Dschungel, den Jäger Dickung nennen. Am Ende des Tages ist alles gut gegangen, sagt Düppe zufrieden beim Legen und Verblasen der Strecke und Ehrung der erfolgreichen Schützen. Für die meisten der Teilnehmer geht’s noch zum Schüsseltreiben. Der schreibende und fotografierende Jagdgast geht nach Hause. Müde. Schmutzig. Glücklich.

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