Den Tränen in den Augen folgt reichlich Zuversicht

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Die Familie Schulze packt an: Nach dem Abriss des 400 Jahre alten Gebäudes wird jetzt neu gebaut.

HALVER ▪ Das Haus ist komplett verschwunden. Dort, wo rund 400 Jahre lang ein Wohngebäude stand, liegt jetzt eine schwarze Plane, auf der sich ein paar Regenpfützen gebildet haben. Darunter befindet sich nur noch der Keller, das einzige, was geblieben ist. Die Familie Schulze hat beim Großbrand am 5. Mai ihr Zuhause verloren. Gemeinsam blicken sie aber bereits nach vorne.

Die Baugenehmigung für das neue Haus, das an gleicher Stelle errichtet werden soll wie das alte, liegt vor. „Wir wollen Weihnachten in den eigenen vier Wänden wohnen.“ Denn bis dahin soll der Rohbau stehen und das Dach drauf sein.

Große Anstrengungen warten noch, und reichlich aufregende Wochen liegen bereits hinter den Schulzes. Rückblick: Ein Großaufgebot von Feuerwehrkräften ist in Büchenbaum im Einsatz und versucht zu retten, was nicht mehr zu retten ist. In der Maschinenhalle legt ein technischer Defekt nicht nur dies Gebäude samt Fuhrpark und Werkzeug in Schutt und Asche, sondern Hitze und Flammen greifen auch auf das Dachgeschoss des Wohnhauses über. Nicht das Feuer, sondern vor allem das viele Löschwasser machen das gesamte Wohnhaus letztlich für immer unbewohnbar. Die gesamte Schadenshöhe liegt knapp unter der Millionengrenze.

Drei Rundballenpressen, ein Trecker, zwei Mähwerke sowie eine Menge Werkzeug mit einem Gesamtwert von 240 000 Euro muss Uwe Schulze ersetzen. Als Lohnunternehmer hat es den Vater von zwei Söhnen direkt vor der Erntezeit hart getroffen. Schnell musste er eine neue Rundballenpresse, einen Trecker und zwei Mähwerke wieder anschaffen. Weitere Käufe folgen in den nächsten Wochen und im Winter, wenn ein neuer Trecker her soll. Um den Lohnausfall noch irgendwie in Grenzen zu halten, wird mit der Hälfte der Maschinen zwei Drittel der bisherigen Arbeitsleistung erbracht. „Man macht nicht nach acht Stunden Feierabend“, erklärt ein sichtlich angeschlagene Familienvater. „Wir fahren zumindest mit Zwei-Drittel-Kraft.“

Es ist schwer zu sagen, wie sehr es an die Substanz geht. Seine Freundlichkeit hat Vater Uwe nicht verloren. Seine Frau Petra gibt sich ebenfalls locker, obwohl man erahnen kann, welche Spuren der Brand hinterlassen hat. „Am schlimmsten ist es, wenn die Sirenen gehen“, erklärt die Mutter von Tobias, 19, und Kevin, 16. „Die Bilder sind noch im Kopf“, schildert ihr Mann die Folgewirkungen. Die Jungs beschäftigt der Brand auch sehr, sie geben sich aber entspannt, doch gehen nicht ins Detail.

Beide freuen sich einfach darauf, in naher Zukunft nicht mehr ein Zimmer teilen zu müssen, wie bisher der Fall. Denn die Familie ist in der Nähe in einer Wohnung untergekommen. „Nur zum Schlafen sind wir da“, schildert Vater Uwe die Wohnsituation. Ansonsten müsste am Hof gearbeitet werden, auch sechs Milchkühe wollen weiter versorgt werden. Ein Wohnwagen dient tagsüber als Behelfswohnung für die Familie Schulze. Die 74-jährige Oma lebt mal mit in der Übergangswohnung, mal beim Cousin, mal im Apartment.

Bei einem Brand ist natürlich nicht nur der Schaden selbst, sondern auch die Folgekosten sind ausschlaggebend. „Meine Versicherung hat sich Mühe gegeben“, kann Uwe Schulze auf eine nahezu reibungslose Schadensabwicklung setzten. Die erste Zeit nach dem Brand zeigte zudem, was eine gute Nachbarschaft und Kollegen wert sind. Bei den Nachbarn sind nicht nur die aus der Wohnung später geholten Habseligkeiten wie Kleidung und Möbel gelagert, auch Geld wurde gesammelt – „damit wir die erste Zeit über die Runden kommen“. Die Belegschaft der Firma Volkenrath, wo Petra Schulze arbeitet, hat ebenfalls gespendet, der Chef hat den Betrag dann noch einmal verdoppelt, freut sich die Familie über die außergewöhnlichen Unterstützungen. Uwe Schulze: „Die Hilfsbereitschaft ging einem sehr nah.“

Im negativen Sinn ist dies auch bei einer Rechnung der Fall, die von der Familie beglichen werden musste. Für die fünfeinhalbstündige Absperrung der Straße vor dem Haus während der Brandbekämpfung forderte der Märkische Kreis insgesamt 1019,95 Euro. „Da fällt einem die Kinnlade runter. Die ziehen einem das Geld aus der Tasche“, ärgert sich das Brandopfer.

Zurück zum Positiven: Beim Rückbau des Hauses fanden sich reichlich fleißige Helfer. Zwei Wochen lang wurde alles noch Verwertbare rausgeholt und das Gebäude nach verschiedenen Baumaterialien entsorgt. Der Abriss selbst war dann in eineinhalb Tagen erledigt. Und das ging auch Petra Schulze sehr nah. „Was wir mühsam erhalten haben, das brennt in einer Stunde ab, das ist schon heftig. Als beim Abriss die letzte Mauer fiel, liefen mir die Tränen runter.“

Zuversicht schöpft die Familie aus den Zukunftsplänen. Das Wohnhaus mit angeschlossener Landwirtschaft soll mit einem großen Teil Eigenleistung neu gebaut werden. „Von der Versicherungssumme kriegen wir keinen Palast hergestellt“, weiß Uwe Schulze. Doch etwa die gleiche Wohnfläche mit einem selbst ausgewählten Zuschnitt der Räume wird es werden. Und mit dem provisorischen Bezug des neuen Zuhauses im Dezember will sich die Familie nach einem bewegten Jahr ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk selbst machen. „Wir freuen uns auf unser Haus.“ ▪ Marco Fraune

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