Opfer durch Kind gerettet?

Täter fühlte sich verhext und stach zu

+
Zunächst muss die Schuldfähigkeit des Täters geklärt werden.

Halver - Ein 32-jähriger Asylbewerber aus Ägypten griff im Oktober 2014 im Asylheim am Bahnweg eine 44-Jährige aus Eritrea an und verletzte sie mit mehreren Schnitten am Kopf. Sie habe ihn verhext, behauptet er. Nun lautet die Frage, ob er schuldfähig ist, oder in die Psychiatrie muss.

Es war eine bizarre Situation: Mit kleinen Gesten suchte der zum ersten Mal lebendig werdende Angeklagte den Kontakt zur vierjährigen Tochter seines Opfers.

Die 44-Jährige aus Eritrea hatte die Kleine mit zu ihrer Zeugenaussage ins Landgericht gebracht. Dort wurde deutlich, dass das Kind möglicherweise entscheidend dazu beigetragen hat, ihre Mutter zu retten.

"Ich wollte sie am Bauch treffen"

Der Angeklagte gab darüber freimütig Auskunft: „Ich wollte sie mit dem Messer am Bauch treffen, aber sie hat die Kleine vor ihren Bauch gehalten. Ich habe eine leere Stelle gesucht ohne Baby.“

Nur ihr Gesicht sei frei gewesen, dort sei er dann abgerutscht mit dem Messer, wodurch mehrere Verletzungen entstanden. Durch den Anblick des Blutes zur Besinnung gebracht, griff er nach dem Kind: „Dann habe ich die Kleine genommen.“

Eine Polizeibeamtin, die in jener Nacht nach der Alarmierung im Asylheim ankam, fand genau diese Szenerie vor Ort: „Der Angeklagte saß mit der Tochter der Geschädigten auf dem Bett“, erinnerte sich die 34-Jährige. Auf dem Boden des Zimmers habe noch das blutige Messer gelegen.

Täter war Polizei bereits ein guter Bekannter

„Dass er äußerst wirr geredet hat, das war bei jedem Einsatz so“, erinnerte sich die Beamtin an weitere Fahrten an den Bahnweg, wo der Angeklagte nach dem Genuss von Alkohol immer wieder randaliert hatte: Teil der jetzigen Anklage sind auch die Zerstörung von Satellitenschüsseln und eine eingeschlagene Fensterscheibe, wobei am 7. Juli 2015 ein Schaden von 800 Euro entstand. Weil um ein Haar zwei Kinder von herabfallenden Scherben getroffen worden wären, waren diese ins Landgericht geladen worden. Ihrem Wunsch, dem Angeklagten nicht persönlich als Zeugen gegenüberzusitzen, wurde entsprochen.

Das Gericht stellte diesen Tatvorwurf vorläufig ein – im Vergleich mit dem gefährlichen Angriff auf die 44-Jährige fällt er nicht entscheidend ins Gewicht.

Schon 2014 verursachte der Angeklagte einen weiteren Sachschaden in Höhe von mehr als 4000 Euro, als er ein Bettgestell samt Lattenrost, ein Fenster, einen Feuerlöscher und anderes in der Einrichtung demolierte. Außerdem zerkratzte er ein Auto.

"Bete zu Gott, dass du nicht stirbst"

Schrecklich muss der Angriff am 24. Oktober gewirkt haben, bevor der Angeklagte zur Besinnung kam: Er trat zwei Türen ein, bevor er sein Opfer in dessen Zimmer erreichte. „Bete zu Gott, dass du nicht stirbst“, erinnerte sie sich an seine Worte vor dem Angriff. Natürlich wies sie den absurden Vorwurf, eine Hexe zu sein, von sich: „Er hat mir immer wieder vorgeworfen, dass ich ihn verhext habe – aber ich kenne mich damit überhaupt nicht aus.“

"Allah wird sich darum kümmern"

Der Angeklagte sei „kopfkrank“, und so habe sie ihm den dringenden Rat gegeben: „Sei vernünftig: Lass den Teufel nicht immer mit deinem Kopf spielen!“ Einig waren sich Täter und Opfer bei der Frage, ob die Sache erledigt sei: „Ich habe ihm verziehen, und Gott wird ihm auch verzeihen“, sagte die Eritreerin. „Ich lasse das für Allah. Er wird sich darum kümmern.“ Der Angeklagte sah das genauso: „Für mich war die Sache erledigt.“ Richter Dr. Christian Voigt konnte, wollte und durfte den Arm des weltlichen Gesetzes nicht gegen eine eher unsichere Intervention von Allah tauschen: „Aber für uns ist die Sache nicht erledigt.“

Der Prozess wird am Montag, 24. Oktober, ab 11 Uhr im Saal 247 des Landgerichts fortgesetzt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare