Borkenkäfer nicht zu stoppen

Kulturlandschaft wird abgefahren 

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Halver – Ein Lkw fährt aus dem Wald. Ein banaler Satz. Gerade sechs Wörter. Doch dahinter steckt eine forstwirtschaftliche Katastrophe und ein ökologischer Neubeginn.

Seit zwei Monaten fahren täglich 35 Züge mit zwölf Meter langen See-Containern, voll mit Fichtenholz aus den Wäldern Halvers, Richtung Überseehäfen. In jedem Container steckt ein Stück Kulturlandschaft. Drei Harvester-Teams sorgen im Schichtbetrieb für Nachschub. Bei Sonnenaufgang geht es los. Bis in die späte Nacht brummen die Dieselaggregate und fallen die Fichtenstämme. Die Landschaft rund um die Stadt verändert ihr Gesicht, und zwar schneller und nachhaltiger als es sich viele vorstellen können. 

Demnächst sind die Bestände an der Herpine dran. Die Rampe, um das Holz über die Gleise der Schleifkottenbahn zu schaffen, wird schon angelegt. Auch für den Kletterwald sucht man nach Lösungen. Der Borkenkäfer ist überall. Und die Fichte als Baumart wird es wahrscheinlich in wenigen Jahren überhaupt nicht mehr geben. Doch sie trifft es nicht allein. 

Wenn Fachleute wie Jörn Hevendehl, Leiter des Regionalforstamtes Märkisches Sauerland, Klaus Brunsmeier vom BUND, Astrid Becker als Geschäftsführerin der Forstbetriebsgemeinschaft oder André Stinka, umweltpolitischer Sprecher der SPD im NRW-Landtag, über das Szenario im Wald reden, geht es überhaupt nicht um die Frage des „Ob“. Es geht darum, den wirtschaftlichen Totalschaden zumindest zu lindern und Wege aufzuzeigen, was mit den Kahlflächen passieren soll. Doch genau weiß das noch keiner. 

Beim Ortstermin auf Einladung von Gordan Dudas (MdL/SPD) ging es um die vielen Facetten, die dieser Umbruch mit sich bringt. „Es ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zum heutigen Tage davon auszugehen, dass im nördlichen und mittleren Forstamtsbereich die Baumart Fichte bis auf wenige Rudimente für die Holzwirtschaft, Tourismus und Wald-erleben verloren geht.“ Und: „Auch die Hauptbaumart Buche zeigt aktuell im Nordbereich erhebliche Vitalitätsverluste.“ Das sind zwei der Kernsätze im Ausblick Hevendehls auf die kommenden Jahre. 

Der Gewinn der rund 4000 meist kleineren Eigentümer (durchschnittlich zehn Hektar) liegt bei null, der Verlust des Vermögensbestandes bei 110 Millionen Euro. Die Kosten für eine Wiederbewaldung lägen bei 22 Millionen Euro, der gesellschaftliche Verlust des Bruttoinlandsprodukts betrage etwa 650 Millionen Euro. 

Der Verlust der Speicherleistung an CO2 belaufe sich auf 6 Millionen Tonnen. Jeweils 23 000 Hektar Nadelwald und Laubwald stehen im Bereich des Regionalforstamts. Im Norden (Letmathe/Menden) geht Hevendehl von einem Verlust der Fichte schon in diesem Jahr aus. 2021 wäre der mittlere Streifen von Halver/Schalksmühle bis Balve betroffen. Der Süden mit Meinerzhagen, Kierspe und Plettenberg steht vor dem weitreichenden Abgang 2023, womit 50 Prozent der grünen Lunge für die kommende Menschheitsgeneration ausfallen dürften. 

Interessant wieder in wirtschaftlicher Sicht ist das, was Fachleute „Kalamitätsmengen“ nennen. Mit aktuellem Stand sind das kreisweit 1,2 Millionen Festmeter Fichte. Fast 2 Millionen dürften es bis zum Jahresende sein. Sowohl Bürgermeister Michael Brosch wie auch Umweltpolitiker Stinka denken darüber nach, insbesondere Hackschnitzel zum Heizen einzusetzen. Aus Brunsmeiers Sicht gehören solche Anlagen in jede Schule und an jede Kita. Auch für Fernwärmeanlagen sei Holz als regionaler und sauberer Brennstoff ohne große Transportwege nutzbar. Zu allererst müsse Holz aber in der Bauwirtschaft eine größere Rolle spielen, da hier die größte CO2-Bindung erfolge – sinnvollerweise auch mit Unterstützung aus öffentlichen Mitteln. 

Gravierendes Problem bereits jetzt und zunehmend ist die Wiederaufforstung der riesigen Flächen, war sich die Runde beim Ortstermin einig. Die Waldbesitzer ohne eigene Einnahmen könnten diese Aufgabe nicht ohne die bewährte fachliche Unterstützung der Forstämter stemmen. Und doch gibt es mit dem Waldbaukonzept ein Patentrezept, welche Baumarten mit den steigenden Temperaturen, dem fehlenden Wasser und den inzwischen gekippten Böden besser zurechtkommen als die Fichte. 

Vorstellbar ist neben der Naturverjüngung eine anfangs zurückhaltende Beförsterung, um mit den Pflanzen zu arbeiten, die sich im veränderten Klima bewähren. Die Buche beispielsweise sei in der Lage, ihr Genmaterial im Verlaufe der Jahre anzupassen. Sie und die Eiche könnten die Pflanzen der Zukunft werden. Den wirtschaftlichen Erfolg des Nadelholzes allerdings würden sie nicht erbringen. Die langfaserige Fichte sei begehrt für Papier und im Baubereich, die Laubbaumarten mit kurzen Fasern dagegen nur bedingt verwertbar. 

Werde aber aufgeforstet, müsse man im Vorfeld ein massives Problem angehen. So lange der Verbiss der Jungpflanzen durch Rehwild nicht gebremst werde, seien die Bemühungen blanke Geldverschwendung. Die Jäger, mahnte Stinka an, müssten ihrer Aufgabe der Reduzierung des überhöhten Wildbestandes endlich nachkommen.

Eines aber war am Dienstag für alle Beteiligten klar. Was jetzt passiere, sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe für Dekaden. „Was wir jetzt tun, tun wir für unsere Enkel“, sagt der Politiker.

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