Suchtkranke müssen lange auf Beratungstermin warten

- Foto: Nougrigat

HALVER -  Von der allgemeinen Beratung direkt in die Entgiftung gehen, das war früher der Regelfall, wenn Drogensüchtige den Entschluss gefasst haben, sich helfen zu lassen. Heute ist das allerdings anders: Bis zu sechs Wochen beträgt aktuell die Wartezeit für einen Beratungstermin. Eine lange Zeit für Süchtige oder deren Angehörige, gerade angesichts steigender Suchtzahlen.

Von Benny Finger

In Halver hatten im vergangenen Jahr 28 Personen den anonymen Service der Drogenberatungsstelle, kurz Drobs, in Anspruch genommen. Die Hälfte davon hatte es nicht bei einem einmaligen Gespräch mit den Mitarbeitern belassen, sondern hatte auf der Suche nach dauerhafter Hilfe mindestens dreimal Kontakt mit der Beratungsstelle aufgenommen.

Mit 53 Prozent lag der Anteil der Opiat-Konsumenten, dazu gehören unter anderem Heroin oder auch Morphium, in Halver am höchsten. 27 Prozent waren wegen des Konsums von Cannabis, sieben Prozent wegen Alkohol zur Drobs gekommen, um sich beraten und helfen zu lassen.

Sieben süchtige Halveraner konnten in externe Abteilungen weiter vermittelt werden. Drei davon kamen in stationäre Entgiftungen, während den anderen Rehabilitationsmaßnahmen zugewiesen wurden. Dies geht aus dem Jahresbericht der unabhängigen Beratungsstelle hervor.

„Früher gab es eine große Heroin-Szene. Heute dagegen ist das Angebot an Drogen viel differenzierter und somit auch die Konsumfelder weit verzweigt“, erklärt Stefan Tertel, Geschäftsführer der Drobs, auf Anfrage des Allgemeinen Anzeigers. Gerade der Vorstoß der chemischen Drogen sei ein nicht zu unterschätzender Faktor dabei.

Vier bis sechs Wochen Wartezeit

Der Bedarf an Beratung sei seitdem deutlich gestiegen. „Vier bis sechs Wochen Wartezeit sind aktuell nötig, bis man einen Beratungstermin bekommt“, sagt Tertel. Im vergangenen Jahr war die Anzahl der Drogentoten im Märkischen Kreis auf insgesamt neun Opfer angestiegen. In Halver gab es laut aktueller Zahlen keinen Toten zu beklagen.

Ein großes Problem, besonders im südlichen Märkischen Kreis, dazu gehört Halver, ist laut Tertel, dass es viel zu wenig Substitutionsplätze gibt. Hierbei handelt es sich um ein Programm, bei dem die Drogensüchtigen während ihres Entzuges von einem Arzt betreut werden. Der Mediziner verschreibt dabei Ersatzstoffe –zum Beispiel Methadon anstatt Heroin – und kontrolliert regelmäßig die Gesundheit des Patienten. Ein Arzt benötigt dafür eine 40-stündige Zusatzqualifikation.

Tertel sieht "großen Ausbaubedarf"

„Hierbei besteht großer Ausbaubedarf“, meint Tertel. Der südliche Märkische Kreis benötige eigentlich doppelt so viele Ärzte mit Zusatzqualifikation. Zum Vergleich: In Halver besitzt kein Mediziner diese ergänzende Ausbildung. Er vermutet, dass sich viele Ärzte nicht trauen, süchtige Patienten zu behandeln. Sie fürchten um ihren Ruf. „Mediziner haben Sorge, dass andere Patienten fern bleiben könnten. Man muss jedoch betonen, dass Sucht ebenfalls eine anerkannte Krankheit ist“, macht Tertel deutlich.

Als Vorzeigemodell nennt der Geschäftführer der Drobs den Standort Iserlohn. Dort gibt es eine eigene Methadon-Ambulanz sowie eine Schwerpunkt-Ärztin, die sich ausschließlich um Süchtige kümmert. Betroffene aus Halver müssen aktuell nach Schwerte fahren, um eine solche Ambulanz aufzusuchen. Eine Zweigstelle der Drogenberatung in Halver ist aus finanziellen Gründen nicht geplant.

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