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Sturm Antonia hält Anwohner wach: Schlimme Erinnerung ans Hochwasser

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Von: Sarah Lorencic

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Das Wasser der Volme sucht sich seinen Weg. In dem Waldstück liegen noch immer zehn Heuballen, die das Hochwasser im Juli anspülte.
Das Wasser der Volme sucht sich seinen Weg. In dem Waldstück liegen noch immer zehn Heuballen, die das Hochwasser im Juli anspülte. © Sarah Lorencic

Wenn es nachts regnet, schläft Ute Schnettker nicht mehr. Früher war das anders. Aber seitdem das Hochwasser vom 14. Juli 2021 die Siedlung Loewen in Oberbrügge überschwemmte, geht es vielen Anwohnern so.

Oberbrügge – Seit mehr als 60 Jahren wohnt eine Seniorin, die namentlich nicht genannt werden möchte, in der ehemaligen Arbeitersiedlung. Sie hat Angst, sagt sie. Obwohl im Juli niemand zu Schaden kam. Sie selbst musste im Sommer mit einem Boot aus ihrem Wohnhaus gerettet werden. Erinnerungen, die bleiben. „Meine Tasche ist gepackt“, erzählt sie am Montagmorgen auf der Brücke bei den Schrebergärten einer Nachbarin. Sie kommt gerade von ihrer vierten Corona-Impfung bei Dr. Rüdiger, erzählt sie. Corona, Hochwasser, jetzt drei Stürme in wenigen Tagen – und Tief Antonia bringt das Wasser wieder nach Oberbrügge und weckt Erinnerungen.

Als „vielleicht ja traumatisiert“ bezeichnet sich Ute Schnettker. Sie erinnert sich noch, wie sie ihren Mann im Juli bat, das Auto aus der Garage zu holen und es an einem sicheren Ort zu parken. In der kurzen Zeit, die er weg war, kam die „erste Welle“, kurz darauf „die zweite“, erzählt die Oberbrüggerin. Und als „die dritte“ kam und das Wasser alles einnahm, stand sie im Keller einfach da. „Ich konnte mich nicht mehr bewegen.“ Schockzustand. „Ich war wie paralysiert.“ Bleiben war keine Option mehr. Die Evakuierung folgte. Am nächsten Morgen wieder zurück: „Da war das ganze Wasser einfach weg.“ Es ging wie es kam. Hochwasser kennt man in der Siedlung. Aber so wie im Juli war es noch nie. Und seitdem kennen die Anwohner das Wasser eben nicht mehr. Sie wissen es nicht mehr einzuschätzen.

Die Schrebergärten in Oberbrügge stehen wieder unter Wasser.
Die Schrebergärten stehen wieder unter Wasser. © Sarah Lorencic

Der Volme-Pegel steigt in der Nacht zu Montag auf knapp 1,60 Meter. Die Feuerwehr Halver ist in Alarmbereitschaft. Am Morgen gegen 7.30 geht das Wasser langsam wieder zurück. Das THW rückt zu einem Einsatz im Bereich Herweger Schleifkotten aus und pumpt stundenlang Wassermassen ab. In den Gärten der Siedlung und auch in den Schrebergärten steht das Wasser am Montag zum Teil knietief. Aber es ist ruhig. Am zunächst sonnigen Morgen lockt das viele Enten und Fischreiher an. Die Natur übernimmt.

Denn bisher hat der Mensch hier noch nicht reagiert. Seitens der Stadt wurde die Volme in der Siedlung noch nicht wieder hergestellt. Das angespülte Geröll, die entstandenen Erd- und Steinhaufen blockieren noch immer den Weg. Im Waldstück hinter der Siedlung liegen noch immer zehn Heuballen, die angespült wurden. Einer lag im Juli im Garten von Vanessa Reikowski. Und er ist wohl der einzige, der weggeräumt wurde. Verstehen können das die Anwohner nicht. Ein Stück weiter entlang der Volme wurde der Flusslauf wiederhergestellt. In der Siedlung, durch die und in der mehrere Gewässer ineinander fließen, nicht. „Viel zu tun“, sagt Vanessa und hat Verständnis.

Dauerhaft markiert: Bis zur Linie an der Hausfassade stand im Juli das Wasser. Obwohl es ein Jahrhunderthochwasser war, hat man Angst vor einer Wiederholung.
Dauerhaft markiert: Bis zur Linie an der Hausfassade stand im Juli das Wasser. Obwohl es ein Jahrhunderthochwasser war, hat man Angst vor einer Wiederholung. © Sarah Lorencic

Die Seniorin, die ihre Tasche gepackt hat, schaut mit Bedenken täglich auf die Wettervorhersage auf ihrem Tablet, erzählt sie: Regen, Regen. „Nicht nochmal.“ Obwohl es ein Jahrhunderthochwasser war, denken manche Anwohner ein halbes Jahr später wieder an das Schlimmste. „Es prägt einen“, sagt die Nachbarin zur Seniorin. „Machen Sie sich keine Sorgen.“

Die kleine Schlemme ist derweil wieder ein reißender Bach. Das Wasser kommt wieder aus den Gewässern, vom Regen, aber auch von unten. „Wir sind nah am Grundwasser gebaut“, sagt Ute Schnettker. Wenn man hier ein Loch gräbt, ist es sehr schnell sehr feucht. Hinter den Häusern zeigt die Anwohnerin die Halver-eigene Mecklenburgische Seenplatte. Das Überschwemmungsgebiet. Das viele Wasser beunruhigt. Schäden sind zum Teil noch nicht wieder repariert oder Wohnungen gerade frisch renoviert.

Ute Schnettker ist dankbar für die Hilfe, die es nach dem Hochwasser gab. Ihr war es unangenehm, erzählt sie. Hilfe anzunehmen, nach etwas Bargeld zu fragen. Aber Geld heilt keine Wunden.

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