Interview

Zoff an Weihnachten: Wie wir die Feiertage friedlich überstehen

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Kommunikation bei Familienzoff – darauf kommt es laut Jochen Becker von der Awo-Familienberatung an. Das gilt auch für Unstimmigkeiten an Weihnachten.

Halver - Weihnachten gilt nicht nur als Fest der Liebe, sondern auch als eine Zeit, in der mehr gestritten wird.

Jochen Becker von der Awo-Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche kann das nicht bestätigen, wohl aber, dass Kommunikation bei Familienzoff das beste Gegenmittel ist. Im Gespräch mit AA-Redakteur Johannes Opfermann ging Jochen Becker auf Anlässe für Streitereien und Lösungen ein.

An Weihnachten gibt es in Familien angeblich häufiger Streit. Inwieweit stimmt das überhaupt? 

Jochen Becker: Das ist eine schwierige Frage. Aus der Beratungspraxis können wir in der Familienberatungsstelle nicht bestätigen, dass es an Weihnachten signifikant mehr Streit gibt. Wenn zu einem Fest – das gilt auch für Jubiläen und Geburtstage – Familien aufeinandertreffen und damit Menschen, die sich lange nicht gesehen haben, kann es allerdings schwierig sein, gegenseitige Erwartungshaltungen zu formulieren und diesen dann auch gerecht zu werden. 

Was sind denn die Anlässe für Streit bei Familienfeiern, insbesondere an Weihnachten? 

Becker: Es geht oft darum, wen lade ich ein, wer kommt dazu, in welchem Rahmen findet das Ganze statt und welche Geschenke werden organisiert. An Weihnachten stellt sich auch die Frage, welche Familie man zuerst besucht, die eigene oder die des Partners. Und ab wann feiern wir als Paar allein? 

Das gilt auch häufig für Familienfeiern. Wichtig ist dabei, wie ich mich darüber austausche. Viele unserer Klienten beschreiben Weihnachten allerdings als eher positiv, das Thema Streit spielt keine große Rolle. Gerade zu Weihnachten reißen sich viele zusammen, damit es gar nicht erst dazu kommt. 

Natürlich kann es dann auch dazu kommen, dass Unausgesprochenes herausbrechen kann. Wichtig ist, die eigene Wahrnehmung und Bedürfnisse äußern zu können. Je mehr offen bleibt, desto eher besteht das Risiko, dass es zu Missverständnissen und Streit kommt. Wenn alles besprechbar ist für die Menschen, die gemeinsam Weihnachten oder andere persönliche Feste feiern, spricht nichts dagegen, dass alle eine schöne Zeit miteinander haben. 

Warum reißt man sich gerade an Weihnachten zusammen? 

Becker: Ein besonderes Motiv besteht immer darin, Weihnachten für die Kinder positiv zu gestalten. Das ist in vielen Familien der Fall. Den Kindern soll eine Kultur vermittelt werden, dass Weihnachten eine Zeit des Friedens ist, man gemeinsam spielt und isst, sich nicht nur streitet. Aber auch da können die Vorstellungen schon mal unterschiedlich sein. 

Wie schaffen es getrennte Paare, Weihnachten im Sinne der Kinder zu gestalten? 

Becker: Wenn Eltern sich trennen, ist es sehr schwierig, eine Lösung zu finden, wo die Kinder Weihnachten verbringen. Denn beide Elternteile würden gerne das ganze Fest mit den Kindern verbringen, und die Kinder gern mit beiden Eltern. Die Lösungen können ganz unterschiedlich sein: Es gibt getrennte Paare, die für die Kinder gemeinsam Weihnachten feiern können, andere finden eine Lösung, dass die Kinder ein Jahr hier, ein Jahr dort das Fest verbringen. 

Wichtig ist, dass es transparent geregelt ist. Wir versuchen da auch, allen Parteien mit Verständnis zu begegnen und begleiten bei der Suche nach Lösungen. Die Weihnachtszeit gerade bei getrennten Paaren zu regeln, ist eine wichtige Aufgabe. 

Über Dinge sprechen und sie transparent regeln ist also die Lösung. Gibt es Strategien, um einen Streit abzuwenden, wenn ich merke, dass doch ein Reizthema hochkommt? 

Becker: Wir betrachten das auch aus der Perspektive der Kinder. An deren Geburtstag und an Weihnachten muss es um sie gehen und darum, dass sie ein schönes Fest haben. Dann muss man sich fragen, was man selbst dafür tun kann, um bestimmte Themen zu vermeiden, etwa politische Diskussionen oder alte Familienstreitigkeiten. An Weihnachten sind bisher wenige Probleme gelöst worden. 

Man sollte auch hier vorher abklären, was man sich wünscht und was nicht. Das kann man auch ganz locker kommunizieren, ungefähr so: Wir freuen uns auf Weihnachten. Uns ist wichtig, eine schöne Zeit zu verbringen und nicht gemeinsam zu streiten. Aber aus der Tatsache, dass wenige Menschen das zum Thema machen, entnehme ich, dass Streit an Weihnachten nicht so ein großes Thema ist. 

Und wenn es doch Streit gibt? 

Becker: Auch wenn man sich über etwas gestritten hat, kann man trotzdem ein schönes Weihnachtsfest verbringen, solange es in einem gewissen Rahmen abläuft und nicht zu einem großen Streit ausartet. Ich glaube Streit gehört auch zu Weihnachten dazu. Man streitet sich ja mit Menschen, die einem wichtig sind und denen man mitteilen möchte, was einem selbst wichtig ist. Streit ist also nicht zwingend etwas Negatives. Wer streitet, hat sich was zu sagen.

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