Sticker-Serie in Halver

Sticker in Halver: Fußballfans markieren ihr Revier 

Gar nicht gut für Halver: „Alle Knappen sind Hurensöhne“. Das geht in Richtung aller Schalke-Fans und hängt
an der Bushaltestelle am ZOB an der Bahnhofstraße.
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Gar nicht gut für Halver: „Alle Knappen sind Hurensöhne“. Das geht in Richtung aller Schalke-Fans und hängt an der Bushaltestelle am ZOB an der Bahnhofstraße.

Keine Sticker hängen so hoch oben wie die von Fußballvereinen. Kleben sie in greifbarer Nähe, sind sie selten unbeschädigt. Fragt man die Fans, geht es nur um eines: Reviermarkierung.

Halver/Kierspe – Fußball ist für viele nicht nur Sport. Es ist mehr als nur eine Flucht aus dem Alltag, mehr als Gemeinschaft. Wir haben dazu und zu den Stickern in Halver mit den ansässigen Fanklubs von Schalke und Dortmund gesprochen: den Kerspe-Knappen und den Volme Supporters Kierspe, in denen jeweils auch Halveraner Mitglied sind.

FC Schalke 04: Fußball ist eine Religion

Klaus Müller hält von dem ganzen Geklebe nichts, sagt er im Gespräch. Der 1. Vorsitzende des Schalke-Fanklubs Kerspe-Knappen mit 254 Mitgliedern sagt klar: „Dat is nich unsere Welt.“ Schalke jedoch schon. Der Fußballverein prägt den Kiersper bereits sein ganzes Leben. Seine Eltern kommen aus Gelsenkirchen-Schalke, an Müllers Sprache erahnt man es schon. Sein Vater, Anton Müller, hat mit den damaligen Spielern zusammen auf der Zeche gearbeitet.

Aufgezeichnet ist seine Liebe zum Verein auch in dem Buch „100 Schalker Jahre“. In der Arena, die einst „Auf Schalke“ hieß und von Fans noch immer so genannt wird, gibt es auch eine Kapelle. „Mein Enkel wurde da getauft“, erzählt Klaus Müller. Ehrensache. Sticker hat der Fan auch im Repertoire. Allerdings welche vom Fanclub fürs Auto und solche, die man auf Bekleidung nähen kann. Das wilde Bekleben in der Öffentlichkeit findet Klaus Müller Quatsch. Er hat schon häufig beobachtet, wie zwei Männer aufeinandersteigen, um einen Sticker von den Borussen zu überkleben. „Muss dat sein?“, fragt er. „Wir sind für Fair Play“, sagt der Vorsitzende des Fanclubs. „Uns geht et um Leistung.“ Wenn die andere Mannschaft besser ist, dann ist das so. Selbst, wenn es Dortmund ist. Aber am Derby-Tag steht BVB für „bald verliert Borussia“, sagt er.

Flotter Dreier mit Kaugummi: Am Bächterhof hatte erst der 1. FC Köln keine Chance, dann auch Gladbach nicht.

Als Schalker hat man es derzeit nicht leicht. „Wir kriegen et von allen Seiten“, sagt der Knappe und lacht. Aber das hält man aus – „dafür sind wa ja Schalker“. Über Sprüche wie „Die Schwächsten zuerst schützen – Spahn will Schalker Spieler sofort impfen“, kann er gut lachen. An Spielern hängt man als Fußballfan ohnehin nicht. Die kommen und gehen, singt man in der Kurve. Schalke ist eine Idee, die die Sehnsucht nach Gemeinschaft erfüllt, heißt es in dem Buch „100 Schalker Jahre“. Eine Gemeinschaft, die auch Klaus Müller immer aufs Neue begeistert. Unternehmer stehen neben Arbeitern. Unterschiede werden bei Schalkern nicht gemacht. Alle sind gleich. Für den Kiersper ist Schalke seine Religion. „Wir leben für unseren Verein, wir glauben an Blau-Weiß.“ Da überrascht seine Kritik, dass Baptisten in die Kirche dürfen, er aber nicht ins Stadion, wenig. „Unfair“, sagt er, wenn auch mit einem zwinkernden Auge.

BVB 09 - Beim Derby fehlt die Leidenschaft

Beim Stichwort Glauben sagt auch Fabian Schölzel klar: „Der BVB ist meine Religion.“ Fußball, erklärt der 1. Vorsitzende des BVB-Fanklubs Volme Supporters, bestimmt sein Leben und das seiner Freundin. Nicht nur Wochenenden, auch Urlaube passen sie stets dem Spielplan des Vereins an. Seit Corona-bedingt kein Stadionbesuch mehr möglich ist, stellt sich ihnen die Frage: „Was machen wir jetzt samstags?“ Haus und Garten werden seitdem gepflegt, aber der Fußball fehlt. Es sind nichtmals die Spiele an sich, sondern die Gemeinschaft und Atmosphäre, wenn alle zusammenkommen. „Das trifft uns sehr“, sagt Schölzel. Spiele im Fernsehen zu verfolgen, ist nicht dasselbe. „Die Leidenschaft fehlt.“

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Auch jetzt beim Derby – ein richtiges Derby ist es ohne Fans nicht. Grundsätzlich ist man in dem Klub ebenfalls für Fair Play und hält nichts von Ausschreitungen. Aber hier und da verbale Sticheleien in Richtung der Schalker Arbeitskollegen gehören dazu. Mit Schalke-Fans redet er auch, sagt er und lacht. Der Fanklub hat eigene Sticker. Die kleben jedoch nicht in Halver – das hat einen Grund: „Wir kleben unsere Sticker eher bei Auswärtsspielen.“ Und warum macht man das? „Na ja, es ist eine Art Reviermarkierung.“ Eine Erklärung dafür, dass Gladbach-Sticker zerstört werden, hat er auch: „Es gibt nur eine Borussia.“ Das Neueste: Der BVB kriegt auch noch den Trainer der anderen Borussia. Aber das Bild des „bösen Fans“ will Schölzel nicht verkörpern. Das sind die Supporters auch nicht, sagt der Borusse. Auch gegen die Mütter der Schalker würde man nichts sagen, verspricht er und bezieht sich auf den Sticker, auf dem „Hurensöhne“ steht. Die Gemeinschaft, die man als Fan lebt und liebt, tragen sie auch nach außen, in dem sie soziale Projekte unterstützen. Sei es mit Spendenaufrufen oder Manpower. „Der Fußball steht an erster Stelle“, sagt Fabian Schölzel. „Aber wir wollen auch etwas zur Gesellschaft beitragen.“

Was der Dortmunder dem Schalker wünscht

Selbst für Schalke haben sie etwas übrig. Was wollen sie den Knappen mal sagen? Es tut uns leid, dass die Schalker so weit unten sind.“ Vieles sei schief gelaufen, „der Fisch fängt immer oben an zu stinken“. Die Klubführung des FC habe vieles falsch gemacht. „Dortmund hatte das vor Jahrzehnten auch mal – auch ihr kommt da wieder raus“, sagt Fabian Schölzel.

Die Sticker-Serie

Teil 1: Rassismus am Laternenpfahl
Teil 2: Der Rapper, den Halver nicht vergisst (Musik & Drogen)
Teil 3: Wie Fußballfans ihr Revier markieren
Teil 4: Staatsschutz nimmt Sticker in den Blick

Weitere Teile zu verschiedenen Themen folgen.

Wenn auch Sie Sticker in Halver finden, schicken Sie uns doch ein Foto an aa@mzv.net.

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