Sticker-Serie in Halver

Rassismus am Laternenpfahl: Was Sticker-Botschaften auslösen

Rassismus am Laternenpfahl, Sticker, Halver
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Am Tortenatelier klebt dieser Sticker an einem Blumenkasten. Er ist etwas größer als eine Zwei-Euro-Münze. Die Botschaft jedoch ist groß und stellt sich gegen die restlichen Aufkleber, die in diesem Teil der Serie behandelt werden.

Auf der Suche nach Stickern in Halver findet man eine Bandbreite an Botschaften. Die Aufkleber aus diesem Teil der Serie mussten nach Hinweis der Redaktion von der Stadt entfernt werden.

Halver – Die Laternenpfosten in Halver sind politisch. Sie schreien Botschaften an die Fußgänger. Ob sie wollen oder nicht.

Unweit der Moschee hängen an einer Straßenlaterne gleich mehrere Aufkleber. Die Aufschriften positionieren sich gegen Kopftücher, gegen den Islam und gegen Terrorismus – als sei es eins. Gleich am Eingang zum Rathauspark kleben die schwarzen oder auch pinken Sticker. Sie sind manchmal unscheinbar, manchmal auffallend. Menschen laufen daran vorbei, vielleicht auch oft unbemerkt. Aber die Botschaften sind klar.

In Knallpink soll es Frauen mit Kopftuch ansprechen: „Gegen die Pervertierung von Werten. Das Kopftuch ist kein Symbol der Freiheit.“

Wen sollen solche Botschaften treffen? Muslime. Also haben wir das Gespräch gesucht.

Fatma Günal ist Muslima. Eine junge Frau, die vor wenigen Wochen Mutter wurde. Wir sprechen nicht das erste Mal miteinander über das Thema Kopftuch und Ausländerfeindlichkeit. Sie wiederholt sich, wenn sie sagt, sie fühlt sich reduziert auf ihr Kopftuch und ihren Glauben. „Gegen die Pervertierung von Werten“, heißt es auf einem Sticker zum Thema Kopftuch.

Kopftuch aus freier Entscheidung

Hintergrund: Viele Muslima sagen, es ist ihre freie Entscheidung, ein Kopftuch zu tragen. Und auch, dass es für sie eine Art Freiheit bedeutet. Der Wert der Freiheit soll jedoch nicht verdreht werden, sagt der Sticker aus. Denn für viele Nicht-Muslime ist klar, dass das Kopftuch per se ein Zeichen der Unterdrückung und des Patriarchats ist. Für Fatma Günal ist es das nicht. Für die meisten Frauen mit Kopftuch ist es das nicht. Es ist ein Vorurteil.

Für sie und die Frauen, die ebenfalls ein Kopftuch tragen, ist es ein Teil ihrer Religion, kein Symbol. In keine Richtung. Das ist für viele schwer zu verstehen, viele glauben es einfach nicht. Das größte Problem ist der Generalverdacht. Für Fatma Günal ist das schwer zu ertragen. Immer dann, wenn von „islamistischem Terror“ die Rede ist, fühlt sie sich angegriffen und merkt Blicke wieder intensiver. Zu den Stickern sagt sie: „Das ist doch Volksverhetzung. Nicht-Muslime haben ohnehin schon ein schlechtes Bild von Muslimen. Und so wird es nur noch verstärkt“, sagt Günal.

Wir fühlen uns nicht mehr wohl in Deutschland.

Fatma Günal

„Wir fühlen uns nicht mehr wohl in Deutschland, und auch nicht mehr sicher.“ Ihr Mann lässt sie nicht mehr alleine mit dem Kind spazieren gehen. „Ich habe Angst.“ Es ist nicht unbedingt Abgrenzung, die sie in Halver oder im Umkreis erlebt. Es ist ein deutschlandweites Abgrenzen.

Wenn man Ausgrenzung erlebt

Das geht nicht spurlos an ihr und ihren Freunden sowie Verwandten vorbei. „Früher war das anders.“ Die Halveranerin ist hier aufgewachsen, ging hier zur Schule. Jetzt erlebt sie ganz persönliche Ausgrenzung: Ihr Mann studierte viele Jahre, ist heute Ingenieur. Eine Anstellung findet er nicht. Seit vier Jahren. „Wir denken, dass das auch am Namen liegt.“ Dass hier solche Sticker kleben, sollte verboten werden. „Das muss doch nachverfolgt werden, woher kriegt man solche Sticker überhaupt? Aber die Behörden schauen weg.“

Am Rathauspark: Der Sticker zeigt die Flagge der Terrororganisation Islamischer Staat in veränderter Form. Die Aufschrift heißt auf Deutsch „Wir f*cken Ziegen“. Die Zeichnung bildet den Vorgang zudem abstrakt ab.

Ist das so? Wir konfrontieren Bürgermeister Michael Brosch mit der Aussage: Er ist geschockt, als wir ihm die Aufschriften zeigen. „Freiheit statt Islam“, „Das Kopftuch ist kein Symbol der Freiheit“, „Wir f*cken Ziegen“. Er distanziert sich stark von den Botschaften, die Unbekannte hinterlassen haben. Und es ärgert Brosch, denn die Sticker sind oft so unscheinbar, dass sie erst spät ins Auge fallen. Werden sie entdeckt oder gemeldet, entfernen sie die Mitarbeiter des städtischen Bauhofs.

Sticker mit Rasierklingen

Vor einem Jahr sorgte ein Fall im Nachbarkreis, in Marienheide, für Aufsehen. Rund um die Lingesetalsperre wurden Sticker mit rechtsradikalen Parolen gefunden. Hinter den Aufklebern waren Rasierklingen versteckt. Wer sie abknibbeln wollte, lief Gefahr, sich zu verletzen. Der Staatsschutz nahm die Ermittlungen auf. Es sei wegen Verbreitung rassistischen Gedankenguts Anzeige gegen Unbekannt gestellt worden. Hinsichtlich der aufgedruckten Inhalte nahm die Polizei in Gummersbach eine Strafanzeige wegen des Verdachts der Volksverhetzung auf. Darüber berichtete die ansässige Zeitung „Oberberg Aktuell“.

Das erste Mal ist es nicht, erzählt Michael Brosch. Das Problem mit Stickern, vor allem aus der rechtsradikalen Szene, ist bekannt. Rund ums Anne-Frank-Gymnasium habe es bereits häufiger Probleme gegeben. Und auch vor der Tür des Rathauses gibt es Botschaften. Es kleben zwar keine Sticker an der Wand, aber dafür liegen Steine vor der Eingangstür. Auf dem ersten Blick denkt man an die bunt bemalten Steine, die gefunden und wieder versteckt werden. Sie sind eigentlich nett. Vor dem Rathaus liegen jedoch mitunter Hakenkreuze.

Wer klebt diese Sticker an die Laternen und wer legt diese Steine vors Rathaus? Michael Brosch vermutet, dass es aus den Nachbarstädten kommt. Er nennt Radevormwald und die dort größere Szene, die rechtsradikales Gedankengut vertritt.

Nazi-Hotspot in Radevormwald?

Die Parole „Freiheit statt Islam“ stand ebenfalls auf Plakaten der ehemaligen Partei ProNRW, die laut Verfassungsschutz Vorurteile über Muslime verbreitet, um Ängste zu wecken. Sie vertrat rechtsradikale Ansichten, hat sich 2019 aufgelöst und in einen Verein umgewandelt.

Enge Kontakte gab es bis 2012 nach Radevormwald. Dort gibt es den Freundeskreis Rade, eine Neonazi-Kameradschaft aus etwa 20 Personen. Die Kameradschaft soll Adolf-Hitler-Geburtstage feiern, Propagandamaterial verteilen und öffentliche Einrichtungen mit rechtsextremen Symbolen wie zum Beispiel Hakenkreuzen verunstalten.

Sticker werden entfernt

Das Einzige, was die Stadt Halver machen kann, ist, die Sticker und mitunter auch Schmierereien an Bushaltestellen & Co. zu entfernen.

Die Sticker-Serie

Teil 1: Rassismus am Laternenpfahl
Teil 2: Der Rapper, den Halver nicht vergisst (Musik & Drogen)
Teil 3: Wie Fußballfans ihr Revier markieren
Teil 4: Staatsschutz nimmt Sticker in den Blick
Weitere Teile zu verschiedenen Themen folgen.

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