Sticker-Serie in Halver

Künstler hinter dem Aufkleber: Der Rapper, den Halver nicht vergisst

Sticker in Halver Musik Bisi
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Hip Hop: Jan Schulz alias Bisi ist der Rapper, der hinter den Stickern in Halver steckt, auf denen ein Koffer abgebildet ist.

Hinter manchen Aufklebern verbergen sich Künstler. Der Halveraner Jan Schulz alias Bisi ist einer davon. Sein Sticker brachte uns auf seine Spur, die bis nach Köln reicht. Er erzählt uns, wie er vom Posaunenspieler aus Oberbrügge zum Rapper wurde, über seine Drogenvergangenheit und was ihm am Ende geholfen hat.

Halver/Köln – Ein Koffer klebt an der Bushaltestelle Langenscheid. Er ist viel zu voll, geht nicht zu. Aber mit provisorischen Bändern hält er das Gepäck zusammen, das auf einer Reise nur belastet. Deswegen liegt er noch da. Deswegen ist auch schon jemand über ihn drüber gelaufen.

Sinnbildlich war es Jan Schulz, der die Spuren auf dem Koffer des Stickers hinterlassen hat – der 32-jährige Halveraner lebt mittlerweile in Köln. Er musste auf dem Weg zu sich selbst raus aus seiner Heimat. „Ich bin noch nicht angekommen“, sagt er im Gespräch immer wieder. Der Sticker, den die befreundete Künstlerin Anna Schattauer entworfen hat, symbolisiert seine Reise und die Vergangenheit, die er hinter sich lassen will – und muss.

Ziemlich viel Gepäck: Hinter diesem Sticker verbirgt sich der Rapper Bisi, ein Halveraner, der vor vier Jahren nach Köln zog, um neu anzufangen. Er erzählt von seiner Jugend mit Drogen, Psychiatrie und Hip-Hop.

Jan Schulz wächst in Halver auf, besucht die Grundschule West und danach die Realschule. Einige Jahre spielt er in Oberbrügge im Posauenchor. „Ich war auch ganz gut, würde ich behaupten“, sagt er und lacht. Aber irgendwann, mit zwölf Jahren, schätzt er, ist Posaune „so gar nicht mehr cool“. Er verfällt dem Hip-Hop. Dem Rap, den Beats, dem Lifestyle.

Nicht viel los für die Jugend in Halver

Er fängt an, Texte zu schreiben, zu rappen, Musik zu machen. Es wird sein Hobby und seine Freizeitbeschäftigung. Viel los ist in Halver für die Jugend damals nicht. Deshalb trifft er sich mit Freunden auf dem Dachboden, um Musik zu machen; Freestyle-Sessions. Er erinnert sich gerne zurück. Wenn auch nicht an alles. Sein Gefühl, wenn er heute in Halver ist, beschreibt er als bedrückend.

Jan Schulz kommt noch nach Halver, weil er Familie und Freunde hier hat. Das letzte Mal ist er Weihnachten hier. Auf einer Raucherrunde klebt er auch einige Sticker an die Laternen und Bushaltestellen. Sie haben eine klare Werbefunktion, sagt Jan Schulz, keine Frage. „Sie sind gemacht für die Laterne – in der Hoffnung, dass jemand darauf aufmerksam wird.“

Melodic Hardcore aus Lüdenscheid macht die Band Asking for a Surpise. Ein Sticker dazu hängt am Rewe.

Bei Hip-Hop denkt man zunächst an andere Symbole als einen Koffer. Eher an Waffen, Sex, Drogen und nackte Frauen. Dem Klischee entspricht Jan Schulz nicht. Wobei manche dieser Aspekte einen Teil von ihm ausmachen – solche, die im Koffer sind und er liegen lassen muss auf seinem weiteren Weg.

Es passiert, als viele seiner Freunde Halver verlassen, um in Köln zu studieren, und wieder andere beginnen, eine Familie zu gründen. Studieren kann er nicht, eine Familie gründen hat damals auch nicht ganz geklappt, sagt er. Er verliert sich zunehmend selbst aus den Augen, hatte andere Freunde; nicht nur gute. „Ich habe viel Mist gebaut.“

Drogen werden Teil seines Lebens

Drogen werden ein Teil seines Lebens. Speed, Ecstasy, Kokain – die harten Sachen. Es folgen Therapien, Depression, Aggression, wieder Therapien. Der Höhepunkt: Obdachlosigkeit, Psychiatrie. Jan Schulz kommt von seinem Weg ab und findet sich selbst erst im Amalie-Sieveking-Haus (psychiatrische Abteilung) in Lüdenscheid wieder.

Er kommt wieder auf die Beine – das ist die Kurzfassung, sagt er. Er findet einen Job in Halver und eine kleine Wohnung. Aber: „Ich hatte einen Ruf weg. Ich konnte mich verändert haben, wie ich nur wollte.“ Er musste gehen.

Hard Rock: Dieser Sticker zeigt ein Album der deutschsprachigen Rockband Major Erd.

Was er weiß, ist, dass er Musik machen will. Das – was man ihm hier sagt – nichts ist, womit man Geld machen kann. Und er weiß auch: In Halver wird das nicht funktionieren. Er geht nach Köln –das ist vier Jahre her. Jetzt macht er wieder Musik mit seinen alten Freunden und Weggefährten. Bekam man diese Drogen in Halver? Jan Schulz lacht. Ja. Auch heute, sagt er. „Heute bekommen noch viel jüngere Menschen viel härtere Drogen in Halver.“ Das hört er von alten Bekannten. Er muss sich selber schützen, erklärt der 32-Jährige. Aber er versucht, diesen jungen Leuten zu helfen, wenn es irgendwie geht. Ihm halfen die Therapien, die Tatsache, alles verloren zu haben, und am Ende vor allem seine Familie, Freunde – und Glück muss es auch gewesen sein, vermutet er.

Drogen-Konsum in Corona-Krise

Die Grenzen waren dicht. Der Flugverkehr kam zum Erliegen. Straßen waren wie leer gefegt. Für den Drogendeal auf der Straße keine guten Bedingungen. Doch der Handel mit illegalen Drogen ging weiter, wie ein Bericht der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EMCDDA) nahelegt. Beschlagnahmungen legen den Schluss nahe, dass vor allem der Seeweg ungebremst weiter genutzt wurde, um Kokain in die Europäische Union einzuführen. Beispielsweise seien Kokainfunde im Hafen der niederländischen Stadt Rotterdam auf ähnlich hohem Niveau gewesen wie im Vorjahr. Während beim Handel mit Cannabis teilweise eine Zunahme während der Corona-Krise zu verzeichnen war, sei die Nachfrage nach synthetischen Drogen stark eingebrochen. Wie eine Studie der Universität Amsterdam ergeben hat, wurde durch die starke Zunahme von Einsamkeitsgefühlen mehr Cannabis konsumiert. Dazu ist es wichtig, zu wissen, dass der Verkauf von Cannabis in den niederländischen Coffeeshops auch im Lockdown möglich war. Quelle: drugcom.de

Heute erzählen seine Songs seine Geschichte. Er rappt nicht über „postpubertäre Männerfantasien“, sagt er. „Viele finden meine aktuelle Mucke zu weich, weil ich nicht von Waffen und Drogen rappe. Ich habe aber genug gesehen und einfach keine Lust mehr, mich damit zu beschäftigen.“ Er will Herzen erreichen. „Für mich ist es Stärke, Schwäche zu zeigen.“ Sein bekanntester Song ist „Zuckerwatte“ mit mehr als 70 000 Hörern auf Spotify. Fragt man ihn, welcher sein Lieblingssong ist, nennt er „Falsch“: „Eigentlich immer traurig, aber Grinsen im Gesicht, weil ich will, dass man mich mag, aber glücklich bin ich nicht.“ Das ist ein Vers aus dem Song, der so weitergeht: „Zu oft zerrissen wie ein Blatt Papier – doch was macht das schon?“ Er thematisiert vieles in seinen Liedern, wird auch gesellschaftskritisch. Aber nie mit erhobenem Zeigefinger, sagt er. „Auch ich mache Fehler.“ Es ist vielmehr auch immer eine Kritik an ihm.

Techno: Das Royal Bambi ist ein Club in Dortmund, der House, Techno und Minimal spielt – mit Cocktailbar.

Hauptberuflich ist Jan Schulz im Online-Marketing tätig. Sein Traum ist es, von der Musik zu leben. Aber nicht das große Geld, sondern die kleinen Gefühle zählen. Momentan arbeitet er an einem Song, der thematisiert, dass er so weit gegangen ist, dass er nicht mehr zurück kann. Grundsätzlich sei es schwer, während Corona kreativ zu werden. Und ohne Auftritte können Musiker ohnehin nicht von ihrer Musik leben. 2020 sollte sein Jahr werden – dann begann die Pandemie.

Die Sticker-Serie

Teil 1: Rassismus am Laternenpfahl
Teil 2: Der Rapper, den Halver nicht vergisst (Musik & Drogen)
Teil 3: Wie Fußballfans ihr Revier markieren
Teil 4: Staatsschutz nimmt Sticker in den Blick
Weitere Teile zu verschiedenen Themen folgen.

Wenn auch Sie Sticker finden, schicken Sie und doch gerne ein Foto an aa@mzv.net.

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