Gespräche zu möglichem Medizinischem Zentrum

Medizinisches Versorgungszentrum - was ist möglich?

+
Thomas Gehring (links) und Bürgermeister Michael Brosch sprechen über Ideen zu einem Medizinischen Versorgungszentrum.

Halver - Da sich insbesondere in der Hausarztversorgung künftige Engpässe abzeichnen, beschäftigt sich die Stadt Halver damit, wie man dem entgegenwirken kann. Im Gespräch ist dabei die Schaffung eines sogenannten Medizinisches Versorgungszentrums (MVZ).

Um was es dabei geht, erklären Bürgermeister Michael Brosch und Thomas Gehring, Fachbereichsleiter Bürgerdienste, im Gespräch mit Redakteur Johannes Opfermann.

Es gibt Überlegungen, mit einem sogenannten Medizinischen Versorgungszentrum künftigen Lücken in der Versorgung entgegenzuwirken. Wie ist da der aktuelle Stand? 

Michael Brosch: Wir haben die Idee eines Medizinischen Versorgungszentrums im Rahmen der Regionale 2025 eingereicht. Vorangegangen waren Überlegungen der Bürgermeister der Kommunen Oben an der Volme zu der sich verändernden medizinischen Versorgung. Denn bei der Altersstruktur der Ärzte, bei der Suche nach Nachfolgern kommen Probleme auf uns zu, mit denen wir uns befassen müssen.

In Gesprächen mit den Praxen hier in Halver – und wir wollen hier auch nur für Halver sprechen – hat uns auch die Ärzteschaft bestätigt, dass man hier gute Arbeit leistet, aber die kommenden Probleme ebenso wahrnimmt. Wir versuchen, da als Stadt rechtzeitig gegenzusteuern. Thomas 

Gehring: Das MVZ steht auf dem Ideenzettel für die Regionale und wird zunächst in das Rahmenhandlungs- und Zielkonzept eingearbeitet werden. Das soll im Herbst vorgestellt werden und geht dann in die Räte der einzelnen Kommunen. Es könnte dann in der letzten Ratssitzung in diesem Jahr zur Abstimmung stehen. Wenn es beschlossen wird, geht es Anfang 2020 in den Regionale-Beirat. Der entscheidet dann, ob das Gesamtkonzept mit seinen Ideen den ersten Stern bekommt. Erst danach geht es an die weitere Planung und Umsetzung. 

Bei einem solchen Projekt wie zum Beispiel einem MVZ muss das auch mit spezialisierten Partnern geschehen. Wie könnte so ein MVZ aussehen? 

Brosch: Es gibt dann schnell die Sichtweise, dass damit ein großes Haus mit vielen Quadratmetern gemeint ist, aber so wollen wir das nicht verstanden wissen, sondern insbesondere organisatorisch. Man muss nicht auf der grünen Wiese etwas Neues erfinden, sondern mit den vorhandenen Strukturen arbeiten. Denn die Praxen, die wir in Halver haben, sind auch gut über das Stadtgebiet verteilt. Das ist für die Bürger besser, als alles an einer Stelle zu zentralisieren. 

Gehring: Einen Bau irgendwo im oberen Volmetal wollen wir zwar auch nicht ausschließen, aber genauso könnte ein MVZ ein Büro sein, das Ärzte dahin entsendet, wo sich zum Beispiel kein Nachfolger für eine Praxis finden lässt. Unter dem Dach eines MVZ müsste sich der einzelne Arzt vielleicht auch nicht selbst um die Abrechnung kümmern. 

Was für unterschiedliche Modelle für ein MVZ gibt es? 

Brosch: Es gibt Beispiele aus dem Kölner Raum, die sehr groß strukturiert sind und fast NRW-weit ihre Akquise machen. Ich stelle es mir irgendwo in der Region Oben an der Volme in einer Größe vor, die die örtlichen Besonderheiten ganz gut abdecken kann. Es könnte den südlichen oder den ganzen Märkischen Kreis abdecken. 

Auch Kreisgrenzen sind für mich dabei nicht zwingend, aber wenn es zu groß wird, wäre es zu unpersönlich. Eine Kooperation mit einem Krankenhaus wäre hier sicher überlegenswert, um neben des hausärztlichen auch den fachärztlichen Teil abzudecken. Eine Zusammenarbeit im Pflegebereich und mit Sanitätshäusern ist denkbar. Man muss schauen, welche Konstruktion für einen Ort passt. 

Ist die ärztliche Versorgung auch in den Bürgermeistersprechstunden ein Thema? 

Brosch: Ja, das taucht häufiger auf. Bei den Fachärzten wird ein fehlender Orthopäde vor Ort genannt, aber noch häufiger ein Kinderarzt. Das ist sicher ein Thema, das die Menschen bewegt. 

Ich höre von den Bürgern auch, dass es nicht ganz so einfach ist, wenn ein Kind jahrelang zu einem Kinderarzt in Lüdenscheid gegangen ist, mit 18 Jahren dann zu einem Hausarzt in Halver zu wechseln. Da bekommt man nicht unbedingt den Hausarzt seiner Wahl, da gibt es schon Engpässe.

Ist die Versorgung im hausärztlichen oder im Facharztbereich prekärer? 

Brosch: Die akutere Situation ist im Hausarztbereich. Hier haben wir laut KVWL den Status „von Unterversorgung bedroht“ erreicht. Hier ist der Handlungsbedarf am größten. Da gibt es auch Zuschüsse der KVWL, etwa für die Übernahme einer Praxis. 

Im Facharztbereich dagegen haben wir im Mittelbereich Lüdenscheid, zu dem Halver gehört, Versorgungsquoten von deutlich über 100 Prozent, sodass in einzelnen Disziplinen gar keine Zulassungen mehr möglich sind und es entsprechend auch keine Fördermöglichkeiten gibt. 

Gehring: Das mag den Halveranern anders erscheinen, denn die Fachärzte sind überwiegend nicht hier ansässig, sondern in Lüdenscheid. Bis dorthin zwölf Kilometer zu fahren, gilt in der Bedarfsplanung aber als zumutbar. Man könnte bei einem MVZ allerdings überlegen, ob eine Zusammenarbeit mit Fachärzten möglich ist, die dann stundenweise auch in Halver vor Ort sein könnten. 

Nachfolger für vorhandene Praxen zu finden, gestaltet sich ohnehin sehr schwierig? 

Gehring: Die Ärzte sagen, dass es lange dauert, um junge Kollegen für eine Übernahme zu finden. Das hat unterschiedliche Gründe. Einer ist das finanzielle Risiko einer Praxisübernahme. Es spielt ebenso eine Rolle, dass sich insbesondere junge Ärztinnen – und Frauen sind bei den Medizinabsolventen in der Mehrheit – aber auch junge Ärzte heute eine andere Work-Life-Balance, also mehr Zeit für Kinder und Familie wünschen und nicht in Vollzeit eine Hausarztpraxis führen möchten. 

Und im Rahmen eines MVZ ließe sich eine Nachfolge dann leichter organisieren?

Brosch: Das Ziel ist nicht ein MVZ, sondern eine gute medizinische Versorgung im südlichen Märkischen Kreis, insbesondere in Halver zu gewährleisten. Ein MVZ wäre nur ein Instrument, um das zu erreichen. Das Wichtigste wird sein, viele Praxen möglichst in eigener Zuständigkeit für die Menschen vor Ort zu erhalten. 

Es gibt aber keinen Automatismus, dass ein junger Arzt auf einen alten folgt und dessen Praxis weiterführt. Das Beste wäre, wenn es durch die Konstruktion MVZ einfacher gelingt, eine Praxisnachfolge hinzubekommen, weil man junge und ältere Ärzte früh zusammenbringt und für beide Seiten den Übergang behutsam hinbekommt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare