Sexueller Übergriff auf eine Schlafende

- Symbolbild

HALVER - „Keinen Zweifel“, dass ein 22-Jähriger aus Halver eine widerstandsunfähige Person sexuell missbrauchte, hatte am Mittwoch das Erweiterte Schöffengericht des Amtsgerichts Lüdenscheid. Es verurteilte den jungen Mann „mit großen Bedenken“ zu einer Haftstrafe von einem Jahr und acht Monaten, die zur Bewährung ausgesetzt wurde.

Von Thomas Krumm

„Mit einem Geständnis wäre es einfacher gewesen, für einen minderschweren Fall zu argumentieren“, bedauerte der Vorsitzende Richter Jürgen Leichter in seiner Urteilsbegründung das Aussageverhalten des Angeklagten. Das Gericht rang sich dennoch zu einer Einstufung des Übergriffs als „minderschwerer Fall“ durch. Dadurch verschob sich die Mindeststrafe von zwei Jahren auf ein Jahr.

Die Geschichte vor dem Urteil war so bizarr, dass Richter Jürgen Leichter an eine Juristenweisheit erinnern musste: „Unvorstellbare Dinge sind alltäglich im Strafrecht.“

Alles fing mit dem gemütlichen Beisammensein zweier Pärchen am Abend des 30. August 2013 in der Wohnung des Angeklagten in Halver an. Man trank in Maßen und hatte Spaß. Der 22-Jährige und seine Freundin gingen schließlich ins Schlafzimmer, das Gästepärchen übernachtete auf einer Couch im Wohnzimmer. Dort kam es zur Überzeugung des Gerichts in den frühen Morgenstunden zu einem „beischlafähnlichen Eindringen“ des Angeklagten in den Mund der schlafenden Geschädigten. Verteidiger Björn Syring hätte dieses Geschehen gerne für unmöglich erklärt und griff zu aussagekräftigen Bildern: „Ich packe auch keinem schlafenden Krokodil ins Maul, weil ich weiß, was da passieren kann.“ Da auch sein Mandant die Vorwürfe rundweg bestritt, fiel die Aussage der Hauptbelastungszeugin sehr umfangreich aus. „Sie schilderte absolut konstant eine Vielzahl von Details dieses Abends“, stellte Staatsanwältin Ina Pavel fest. Zu diesen Details gehörten weitere sexuelle Handlungen, deren Schilderung der schriftlichen Urteilsbegründung überlassen bleiben mag. Als das 20-jährige Opfer des Übergriffs aufwachte, sprang der Angeklagte zunächst davon. In der Dunkelheit des nächtlichen Wohnzimmers kam er allerdings noch einmal zurück und setzte sein Treiben fort.

In Missbrauchsprozessen stehen die Opfer den Tätern zumeist alleine gegenüber. Gestern war es anders: Der neben ihr schlafende Freund der 20-Jährigen hatte nicht alles, aber doch auch Entscheidendes beobachtet, so dass sich die Beweislage für das Gericht relativ komfortabel darstellte.

Rechtsanwalt Björn Syrings Taktik bescherte dem Gericht einen langen Arbeitstag: Er argumentierte mit den unvermeidlichen Differenzen in den Aussagen der Hauptbelatungszeugen, stellte eifrig Beweisanträge und beantragte schließlich sogar ein „biomechanisches Sachverständigengutachten“ zur Frage, ob das dem Angeklagten vorgeworfene Eindringen überhaupt in Einklang mit dem vorhandenen Sofa und der Anatomie des Menschen zu bringen sei. Sicherlich nicht ganz zu Unrecht schilderte er seinen Mandanten als einen „vernünftigen jungen Mann“, der unter dem unberechtigten Verdacht dieser Straftat bereits schwer gelitten habe.

Staatsanwältin Ina Pavel sah keine Veranlassung, die Tat als eine minderschwere einzustufen. Sie beantragte eine Haftstrafe von zwei Jahren und vier Monaten, deren Aussetzung zur Bewährung unmöglich gewesen wäre.

Das Gericht äußerte schwere Bedenken und gab dem 22-Jährigen schließlich doch eine Bewährungschance.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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