Halver/Schalksmühle 

„Wir haben eine Menge umgestellt“ - Seniorenzentren reagieren auf Corona-Krise

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Blick in die Nachbarschaft: Alle Einrichtungen Oben an der Volme machen sich Gedanken. Im Awo-Seniorenheim in Kierspe zeigen die Mitarbeiter ebenfalls wie es geht.

Halver/Schalksmühle –  Seit dem am Sonntag gefassten Beschluss des Kontaktverbots sind Besuche in stationären Pflegeheimen und Krankenhäusern grundsätzlich untersagt. Auf AA-Nachfrage äußerten sich die Pflegeeinrichtungen und Pflegedienste in Halver und Schalksmühle, wie sie in dieser schwierigen Zeit ihren Arbeitsalltag bewältigen und auf die vielen Umstellungen in der Krisenzeit reagieren.

Der Pflegedienst „In guten Händen“ unter der Leitung von Geschäftsführerin Melanie Hedtfeld stellte bereits im vergangenen Jahr zur Optimierung viele Arbeitsabläufe um, die in der jetzigen Zeit positiv zum Tragen kommen. „Wir haben sehr viel digitalisiert, sodass alle Mitarbeiter mit einem Diensthandy und I-Pad ausgestattet sind. Die Teamsitzungen können dadurch per Videochat abgehalten werden“, erklärt Hedtfeld. Zudem wurden die Touren der einzelnen Mitarbeiter geändert, damit sich die Pfleger nicht begegnen. „Wir haben den Dienstplan so verändert, dass höchstens eine Person im Büro ist. Das klappt derzeit noch nicht immer. Aber selbst dann sind gemeinsame Pausen nicht erlaubt beziehungsweise muss der Mindestabstand von zwei Metern immer eingehalten werden. Die Schlüssel der Kunden werden vor und nach jeder Nutzung desinfiziert und die Arbeitskleidung jeden Tag bei 60 Grad gewaschen. Wir haben in der jetzigen Zeit schon eine Menge umgestellt und reagiert“, führt die Geschäftsführerin weiter aus. 

Mit einigen Hygieneartikeln wie beispielsweise dem Mundschutz und den Handschuhen muss der Pflegedienst derzeit haushalten. „Ich habe das Thema Corona schon sehr früh ernst genommen und versuche bereits seit Dezember die einfachen Atemschutzmasken zu bekommen. Allerdings sind diese schon seit dieser Zeit restlos ausverkauft.“ Das Unternehmen ist zu Umstellungen gezwungen und wird in der Zukunft auch auf Schutzmasken aus kochfestem Baumwollstoff zurückgreifen. Die derzeitige Verunsicherung der Leute bekommt auch der Pflegedienst zu spüren. Die Folge sind viele Absagen im hauswirtschaftlichen Bereich und zum Teil auch in der Grundpflege. „Das führt dazu, dass ich auch über Kurzarbeit nachdenken muss“, weiß Hedtfeld und stellt sich damit auf alle Eventualitäten ein. 

Im Seniorenzentrum Bethanien hat das Coronavirus auch zu großen Umstellungen im Arbeitsalltag geführt. Es herrscht ein generelles Besuchsverbot, die Pforte ist zwar besetzt, aber nur den Lieferanten und Angehörigen, die die sehr strengen Vorlagen für einen Besuch erfüllen, wird die Tür geöffnet. „Wenn ein Bewohner im Sterben liegt, dürfen die Angehörigen selbstverständlich kommen“, zeigt Pflegedienstleiterin Stefanie Thiemann einen Ausnahmefall auf, die mit ihrem Team auch über Lösungen nachdenkt, wie die Bewohner mit ihren Angehörigen in Kontakt treten können. „Wir sind gerade in den Überlegungen, per Skype oder Videochat einen Kontakt zwischen den Bewohnern und ihren Angehörigen herzustellen. Zudem sind unsere Betreuungskräfte mit jeweils zwei tragbaren Telefonen ausgestattet und helfen den Bewohnern bei Anrufen.“

So viel Programm wie möglich

Auch auf die Morgenandachten und den Gottesdienst muss nicht verzichtet werden. Auf dem hauseigenen TV-Sender werden diese übertragen, sodass die Bewohner in ihrem eigenen Zimmer und ohne weiteren Kontakt Teil des Gottesdienstes sein können. Den Bewohnern soll so viel Programm wie möglich geboten werden, um den fehlenden Besuch der Familie aufzufangen. „In diesem Zusammenhang bedanke ich mich auch bei meinen Mitarbeitern, die einen wirklich tollen Job machen.“ 

Auch voll des Lobes für seine Mitarbeiter ist Bernd Lauermann vom Haus Waldfrieden: „Ich stelle eine gewisse Nachdenklichkeit und Achtsamkeit bei den Mitarbeitern fest. Sie sind unheimlich motiviert und zudem den Bewohnern gegenüber unheimlich solidarisch.“ Auch im Haus Waldfrieden herrscht ein Besucherverbot, lediglich bei vier Bewohnern greift eine Härtefallregelung. „Diese Bewohner lassen sich nur von ihren Verwandten pflegen und sind auf die Hilfe angewiesen.“ Die Mitarbeiter des Hauses achten darauf, dass die Gäste die Hygienestandards erfüllen. „Wir müssen uns darauf verlassen, dass die Besucher sich beispielsweise 30 Sekunden lang die Hände waschen, weil sie Kontakt zu den Leuten haben, die zu der absoluten Risikogruppe zählen.“ 

Auch in Schalksmühle gab es im Pflegebereich zahlreiche Veränderungen. Bereits seit Mittwoch ist die Tagespflege am Alten Schulhof geschlossen, erklärt Hendrik Gräff, Geschäftsführer der Pflege Oben an der Volme GmbH. Eine Notgruppe wäre möglich gewesen, doch alle Pflegegäste können anderweitig versorgt oder vom ambulanten Pflegedienst betreut werden. 

Auch beim Betreuten Wohnen an der Hälverstraße gibt es Regeln für das Zusammenleben. „Die Senioren führen ein eigenständiges Leben, aber ihnen Fehlen die sozialen Kontakte. Über unseren Hausservice stellen wir diese für sie da. Sie sind sehr, sehr froh, uns zu haben“, erklärt Hendrik Gräff, dessen Mitarbeiter Einkaufshilfen anbieten oder auch Telefongespräche führen – als „doppelter Boden“ für die Menschen. Einkäufe von Verwandten werden nur noch vor die Tür gestellt, das Gruppenprogramm wurde reduziert. „Daran besteht auch kaum Bedarf.“ Stark organisiert geht man beim PuG Pflegedienst vor, wie der Geschäftsführer Hendrik Gräff aufzeigt. Die Verwaltung befindet sich im Homeoffice und auch die Fahrzeuge wurden fest auf die Mitarbeiter verteilt. Im Ernstfall, wenn ein Team in Quarantäne käme, könnten so die anderen beiden die Arbeit auffangen. „Wir müssen die Versorgung sicherstellen. Die Pflege wird weiterhin gebraucht.“ Man sei zwar gut vorbereitet und befolge strenge Hygienevorschriften, aber im Ausbruchsfall fehle es vor allem an adäquaten FFP2-Mundschutzmasken. „Im Ernstfall habe ich Notfallkontakte.“

Im Seniorenhaus Muhle besteht derzeit ein Betreuungsverbot. In besonderen Ausnahmesituationen können aber Angehörige dennoch zu ihren Verwandten, sagt Hendrik Gräff, der auch Leiter der Einrichtung ist, und ansonsten auf strenge Regeln vor Ort bestehen muss. „Nicht nur bei uns, auch bei den Ärzten wird zudem jedes Mal kontaktlos Fieber gemessen. Auch in der stationären Pflegeeinrichtung würde man merken, dass den Bewohnern der Kontakt fehlt, so der Leiter. Deshalb versuche mach die Kontaktpflege zu unterstützen und habe erste Versuche mit Videotelefonie gemacht. Zudem habe man das Betreuungsangebot hochgefahren.

Auch im Seniorenpark Reeswinkel hat sich einiges verändern müssen, wie Einrichtungsleiter Steffen Mischnik schildert. Die Maßnahmen haben sich weiter verschärft. Inzwischen gilt auch dort ein Betretungsverbot. „Mit der lokalen Heimaufsicht ist besprochen, dass wir hiervon in absoluten Ausnahmefällen unter Einhaltung der in den Erlässen angeordneten Weisungen abweichen dürfen“, sagt Steffen Mischnik. Auch die Bewohner spüren deutlich die geänderten Lebensumstände. „Wir sind schon seit längerer Zeit mit ihnen im Gespräch. Die Maßnahmen sind im Haus sichtbar und werden erklärt.“ Natürlich seien viele unglücklich, sowohl über den fehlenden Besuch wie auch über die ausfallenden Angebote und Ausflüge, die normalerweise gerade jetzt im beginnenden Frühling stattfinden. „Wir erleben aber bisher großes Verständnis.“ Auch die Angehörigen würden viel Verständnis für die Maßnahmen zeigen. „Wir informieren per Mail über die Situation.“ Um den Bewohner die Zeit so angenehm wie möglich zu machen, biete der Seniorenpark unter anderem vermehrt Einzelangebote wie Spaziergänge auf dem Gelände an. „Viel läuft über das persönliche Gespräch, wir sind bemüht die Bewohner im Alltag nicht zu stark einzuschränken, müssen aber aufgrund der Empfehlungen einige Anpassungen vornehmen.“ Zur Kontaktpflege habe man die Angehörige gebeten, Briefe, Postkarten oder Bilder zu schicken. „Im Moment richten wir auch eine Möglichkeit zur Videotelefonie ein und planen bei Bewohnern, die Interesse daran haben, über kurze Videos Grüße auszurichten.“ 

Starke Arbeitslasat für die Pfleger 

Außer Acht gelassen werden soll nicht die starke Arbeitslast für die Pfleger. Steffen Mischnik: „Wir sind sehr dankbar für unsere Mitarbeiter. Die aktuelle Situation ist eine starke Belastung, viele haben Familie und machen sich auch im privaten Bereich Sorgen um das, was vielleicht noch bevorsteht. Die Mitarbeiter werden ihre Arbeit auf das unbedingt Notwendige beschränken. Auch wurden flexiblere Arbeitszeiten erlaubt. Als Arbeitgeber haben wir uns entschieden, in der nächsten Zeit nicht auf Einhaltung der Wochenarbeitszeit zu achten. Kein Mitarbeiter wird mehr arbeiten müssen, als vertraglich vereinbart. Wir werden Mitarbeiter, nachdem die notwendigen Arbeiten erledigt sind, so oft wie möglich früher gehen lassen. Damit diese Maßnahme gerecht ist, bekommen Mitarbeiter, die aufgrund ihrer Funktion davon nicht profitieren als Ausgleich zusätzlichen Urlaub. Diese Zeit soll die Möglichkeit geben, das Privatleben, die Familie und die notwendigen Einkäufe besser zu organisieren“, erklärt Mischnik.

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