Wenn Verteidigung, dann nur mit „Vollgas“

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Nicht nur auf der Straße, auch im familiären Umfeld kommt es zu Übergriffen und sexueller Gewalt gegen Frauen. Ein Selbstsbehauptungs-Training kann helfen, Hemmschwellen zum Gegenangriff zu überwinden.

Halver - Die Angst vor Überfällen und sexueller Gewalt auf der Straße ist seit den Übergriffen in der Silvesternacht in Köln bei vielen Frauen gestiegen. Viele greifen zu Pfefferspray, Elektroschocker oder gar Schreckschusswaffe, um sich im Ernstfall selbst verteidigen zu können.

Doch diese Dinge bieten Opfern keinen ausreichenden Schutz, sagt Alfred Baßler, Polizist im Ruhestand. Bei solchen Hilfsmitteln sei vieles zu beachten, so der ehemalige Ordnungshüter. „Die Gefahr, dass die Sachen gegen einen eingesetzt werden, ist groß. Gerade CS-Gas ist bei Betrunkenen meist wirkungslos.“

Viel wichtiger als der Einsatz von Waffen sei, dass sich Frauen im Training mental auf eine Notwehrsituation vorbereiten, so Baßler, der 35 Jahre lange junge Polizisten in Selbstverteidigung und Selbstbehauptung ausgebildet hat.

Nie alleine unterwegs sein

Zu allererst sollten sich Frauen über mögliche Gefahrensituationen im Klaren sein. „Als Frau sollte man, wenn es möglich ist, nie alleine unterwegs sein. Gerade auf der Straße sollten dunkle Bereiche gemieden werden.

Wenn sich doch ein ungutes Bauchgefühl einstellt, dann sollte man die Situation genau analysieren, Vorbereitungen treffen, mögliche Fluchtwege suchen und Öffentlichkeit herstellen.“ Dabei dürfen die Opfer nicht in Panik geraden, so Baßler: „Sie sollten sich umdrehen und dem Täter zu verstehen geben, dass sie ihn erkannt haben.

So nehmen sie ihm seine wichtigsten Waffen – die Angst der Opfer und den Überraschungseffekt.“ Kommt es doch zu einem Angriff, sei es wichtig, dass sich die Opfer gegen ihre Angreifer zur Wehr setzen, sagt Baßler. Ansonsten werde es vor Gericht schwierig. „Wer sich nicht wehrt, der gibt quasi sein Einverständnis zu der Tat.“

Alfred Baßler ist Trainer beim Judoclub Halver und war lange Zeit Fachtrainer der Polizei für SEK- und MEK-Kräfte.

In seiner langen Berufspraxis hat der 70-Jährige, der auch als Trainer beim Judoclub Halver aktiv ist, festgestellt, dass viele Frauen eine Hemmschwelle haben, sich körperlich gegen Angreifer zu wehren. „Diese zu überwinden ist entscheidend. Nur so können sie lernen, wie viel Kraft sie in ihrer Stimme und ihrem Körper entwickeln können. Mit Bestimmtheit muss das Abwehren verbal deutlich gemacht werden. Der Gegenüber muss wissen, wann er zu weit geht. Die Frauen müssen sich trauen, zu schreien und so die Öffentlichkeit auf sich aufmerksam zu machen.“ Lässt sich ein Täter so nicht abschrecken und es kommt zum Übergriff, dann sollten Frauen die Scheu überwinden, selbst anzugreifen.

An die Attacke stellt der ehemalige Polizeiausbilder eine grundlegende Bedingung: „Wenn ich mich wehre, dann muss ich Vollgas geben. Ziele können dabei empfindliche Stellen, wie der Kopf, der Unterleib oder die Füße und Knie sein.

Je größer der Schmerz beim Angreifer ist, desto höher auch der Schock. Diese Zeit ist wichtig, um weitere Maßnahmen wie eine zielgerichtete Flucht oder das Verständigen der Polizei einleiten zu können.“

Opfer in der Verantwortung

Jedoch dürfe auch ein Opfer nicht blindlings auf den Täter einprügeln, so Baßler: „Das Dosieren der Notwehrmaßnahmen ist wichtig. Doch in Paniksituationen ist das nicht immer möglich. Deshalb ist eine vorherige Schulung und die Kenntnis des Notwehrparagraphen notwendig.

Darin heißt es: Notwehr ist eine Verteidigung, um einen rechtswidrigen Angriff von einem selbst oder anderen abzuwenden. Dabei muss die Abwehr geeignet sein und muss unmittelbar erfolgen.“

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