Eine Leidenschaft seit 60 Jahren

Der Schwarm seines Lebens - 60 Jahre lang hat ein Mann eine Liebe

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Gerd Rottschy ist seit 60 Jahren Imker.

Halver - Seit 60 Jahren gibt sich der Halveraner Gerd Rottschy einer Leidenschaft hin.

Im Sommer sind die Bienen immer Thema. Aber was machen sie eigentlich im Winter? Und welche Aufgabe hat ein Imker dann? Wir haben Gerd Rottschy getroffen, der seit 60 Jahren Imker ist. Er weiß nicht nur, was Bienen im Winter machen. Sondern auch, was sie so besonders macht. 

Es ist Winter, doch die Bienen fliegen trotzdem vereinzelt aus ihrem Stock hinaus – nicht zu Blumen, sondern zum Wasser. „Das ist ein Zeichen dafür, dass die Königin wieder brütet“, sagt der Halveraner Imker Gerd Rottschy. „Die Brut braucht Wasser.“ Bienen überwintern, aber längst nicht das gesamte Volk. Sind im Sommer rund 50 000 Bienen in einem Stock, sind es im Winter nur noch zwischen 5000 und 10 000. 

Sie machen es sich gemütlich

Gemeinsam machen sie es sich im wahrsten Sinne des Wortes gemütlich. Sie bilden eine Wintertraube, die ungefähr so groß ist wie ein Handball. Dort rotieren sie ununterbrochen von außen nach innen. Die Bienen in der äußersten Schicht der Traube entwickeln durch die Vibration ihrer Muskulatur Wärme. Auf diese Weise existiert im Inneren der Traube stets eine Temperatur von mindestens 25 Grad. Wenn man vor den Stöcken steht, ist es still. Kein Summen. „Gehen Sie mal mit dem Kopf ganz nah an den Stock“, sagt Rottschy. Mit dem Zeigefinger klopft er gegen das grüne Styrodur (Hartschaumplatte). Auf einmal summt es laut auf. Die Bienen schlafen nicht, sagt der 80-Jährige. 

Wenn es draußen zwölf Grad oder mehr sind, lockert sich die Traube der Bienen. „Jeder Imker wünscht sich einen schönen Tag im Januar oder Februar“, sagt der Halveraner. Sonst würden die Bienen nicht überleben. Warum? „Im Bienenstock ist es sauberer als in einem Operationssaal“, sagt der Imker. Während des Winters, wenn die Bienen nicht fliegen, halten sie den Inhalt ihres Darms im Körper. Wenn es einen schönen Tag im Winter gibt, fliegen die Bienen raus und machen einen Reinigungsflug – sie entleeren ihren Darm. Gibt es solch einen Tag nicht, würden sich die Bienen irgendwann notgedrungen im Stock entleeren müssen. Sie würden ihren Kot fressen und sterben. 

Nicht immer hat er einen Einfluss

Bei solchen Dingen kann der Imker keinen Einfluss nehmen. Was er jedoch vorsorglich macht, damit die Bienen keine Varroamilben bekommen, ist Oxalsäure aufzutragen. Zusätzlich bringt er ein Gitter am Bienenstock an, damit die Mäuse nicht hereinkommen können. Aktuell hat er nicht viel zu tun. Jeden Tag geht er zu seinen insgesamt elf Stöcken und schaut nach dem Rechten. Einen Anzug braucht er im Winter nicht. Stattdessen trägt er Gummistiefel und eine dicke Jacke.

Gerd Rottschy weiß viel über Bienen. Seit etwa 60 Jahren ist er Imker. Damals übernahm er mit 20 Jahren den Bestand eines Verwandten. Sein Vater habe die Bienen nicht gewollt. „Er wollte nicht gestochen werden“, sagt er und lacht. An der Eingangstür des Hobby-Imkers in Schwenke hängt ein Schild. Auf dem steht: „Hier wohnt ein Imker mit dem Schwarm seines Lebens.“ Sein Honig wurde schon mehrere Male prämiert. 2019 mit Silber, 2018 mit Gold. Wie oft er in 60 Jahren gestochen wurde, kann er nicht sagen. „Unzählige Male.“. 

Etwa 100-mal gestochen

An ein Mal kann er sich noch gut erinnern. Das war Ende der 60er-Jahre, als er zum Bienenstock ging und es eilig hatte. „Eilig darf man es nicht haben, weil die Bienen das sofort merken und unruhig werden.“ An einer Stelle am Knöchel wurde er gestochen. „100-mal vielleicht – ich weiß es nicht genau.“ Denn sticht eine Biene, folgen die anderem dem Geruch und stechen noch einmal nach. Immer an der gleichen Stelle. Da habe er zum ersten Mal Angst gehabt. „Ich muss wohl schon so viele Abwehrkräfte gehabt haben, dass es mich nicht schlimmer traf.“ Es scheint, als ärgere er sich mehr über sich selbst, als über die Tiere. Er könne sie sogar verstehen, denn sie wollten nur ihren Stock verteidigen. 

Stattdessen spricht er sehr begeistert von den kleinen Tieren, die für die Natur eine so wichtige Rolle spielen. Es komme der Tag, an dem die neue Königin schlüpfe. Dann wartet sie, sagt Rottschy. Darauf, dass ihre Schwestern, die auch Königinnen hätten werden können, schlüpfen. Aber es kann nur eine werden. Die Erste tötet alle ihre Schwestern. Und irgendwann kommt der Tag, an dem sie fruchtbar ist. Dann fliegt sie los, sagt Imker Gerd Rottschy. Gesehen hat er es noch nicht, aber so stehe es in der Literatur. Die Königin fliegt zu einem Platz, wo sich seit Jahrhunderten Bienenköniginnen einfinden. Dort treffen sie auf Drohnen aus anderen Bienenstöcken. Sie alle begatten die Königin, dann fliegt sie wieder zurück. Ihre Errungenschaft bewahrt sie in einer Blase auf.

Drohnen haben hartes Los

Das Los der Drohnen ist hart, denn ganz egal, ob es ihnen gelingt oder nicht, die Königin zu befruchten, sie kommen ohnehin um. Jene, die beim Hochzeitsflug mit der Königin zum Zug kommen, sterben sofort, da ihr Penis nach dem Geschlechtsakt in der Königin stecken bleibt und abreißt, heißt es in der Literatur. Die Königin entscheidet derweil im Stock, welche Eier befruchtet werden. Aus ihnen werden dann Arbeiterinnen. Aus den unbefruchteten Eiern Drohnen. Faszinierend wie die Natur sein kann, sagt Rottschy. Aber genauso brutal sei sie auch.

In einem Stock braucht jeder jeden. Die Aufgaben sind klar verteilt. Weder die Königin könnte ohne ihre Sammelbienen leben, noch könnten sie ohne ihre Königin leben. Aber wenn eine Biene nicht mehr die Leistung erbringt, die sie soll, wird sie rausgeschmissen. Gebraucht werden nur die Fleißigsten unter ihnen. „Ein Rentensystem haben die Bienen nicht“, sagt Rottschy und kann sich ein Lachen nicht verkneifen. Die Drohnen, also die männlichen Bienen, werden stets von den weiblichen Bienen gefüttert, denn selber sammeln können sie nicht. Die Drohnen sind zwar stärker als die Weibchen, aber trotzdem haben die Weibchen die Macht über sie. Wenn die Drohnen nicht mehr gebraucht werden, weil der Stock keinen Nachwuchs mehr braucht, füttern die Weibchen die Drohnen nicht mehr. Sie werden daraufhin immer schwächer und dann nicht mehr in den Stock hineingelassen – alleine sterben sie.

Fröhliche Momente im Stock

Es gibt auch fröhliche Momente: Wenn die Bienen eine besonders gute Blüte gefunden haben, führen sie einen Tanz auf. Dann fliegen sie so lange zur Blüte, bis es nichts mehr zu holen gibt. Blütentreu eben, sagt Rottschy. Aber das wird erst wieder im Frühling der Fall sein. Die erste Nahrung finden die Bienen in Weiden und Hasel. Aber welche Pollen sind eigentlich im Honig drin? „Oft fragen das die Leute“, sagt der Rentner. Da müsse man die Bienen fragen, sage er dann. Aber vor Kurzem ließ er seinen Honig analysieren. Das Ergebnis: 500 verschiedene Pollen. 

Sieben Pollen machen einen hohen Anteil in seinem Honig aus: Weißklee ist zu 41 Prozent enthalten, Phacelia zu 28 Prozent und Edelkastanie zu 17 Prozent. Den restlichen Anteil machen vor allem Springkräuter, Fetthenne, Mädesüß und Weide aus. Ab einem Anteil von mehr als 60 Prozent von einer Blüte, spricht man von einem Sorten-Honig, wie Raps-Honig. Seiner ist daher ein Polyflora-Honig.

Prämierung für Honig

Interessant zu sehen sei das auch für ihn. Erkennt man doch vor allem die Pflanzen, an die die Bienen gehen und die im Umkreis wachsen. Phacelia zum Beispiel wächst auf den Feldern des Weihnachtsbaumhofes von Heiko Tacke an der Eickerhöh. Wenn seine Felder leer sind, schreddere er die in der Erde verbliebenen Wurzeln, verteile sie auf der Fläche und pflanzt Phacelia – ein Dünger, aber bienenfreundlich. Und direkt neben seinem Garten grenzt ein Feld von Tacke mit mittlerweile kniehohen Bäumen. Honig gehört für Gerd Rottschy zu seinem Leben: In Form seines Hobbys, aber auch als Brotaufstrich. Jeden Tag esse er den süßen Honig. „Ich hatte noch nie eine Grippe“, sagt er. „Honig ist sehr gesund.“ Einen Honig kaufen musste der 80-Jährige noch nie. Von Mai bis Juli wird Gerd Rottschy auch in diesem Jahr wieder Honig von den Bienen bekommen. Bis dahin bleibt ihm der Vorrat des vergangenen Sommers.

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