Schwanger in Corona-Zeiten: Schwangere, Stillende, Gynäkologen aus MK über die große Unsicherheit

„Froh, geimpft zu sein“: Jessica Gastreich ist im 5. Monat schwanger. Sie ist bereits unwissentlich in der Frühschwangerschaft geimpft worden. Beiden geht es gut.
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„Froh, geimpft zu sein“: Jessica Gastreich ist im 5. Monat schwanger. Sie ist bereits unwissentlich in der Frühschwangerschaft geimpft worden. Um das vollständige Bild zu sehen, klicken Sie auf das Symbol oben rechts.

Schwangere und Stillende sollen sich impfen lassen. Das ist die neue Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko). Seit Freitag gibt es endlich Klarheit für Frauen. Der Appell an Schwangere ist neu.

Halver – Klarheit, die bei der Entscheidung helfen kann, wie Hebamme Johanna Bielau sagt. Sie weiß, wie sensibel dieses Thema ist. Grundsätzlich können sich Schwangere impfen lassen. Gegen Keuchhusten und Influenza werden die Impfungen auch offiziell empfohlen. Ob sie sich auch gegen Corona impfen lassen sollen, wurde jetzt von offizieller Seite beantwortet. Viele Frauen haben lange darauf gewartet. Zuvor aber haben sie die Impf-Frage ihren Gynäkologen oder Hebammen gestellt.

„Viele Frauen fragen danach“, sagt Johanna Bielau, die in Halver an der Von-Vincke-Straße ihre Praxis hat. Empfehlen dürfen Hebammen ohnehin nichts, betont Johanna Bielau. Jetzt aber kann sie sagen, dass die Stiko sich geäußert hat. Und das sei ein klares Signal. Zögerlich waren Frauen vor allem in der Schwangerschaft. Ob sich Frauen jetzt ab dem zweiten Trimester dazu entscheiden, kann sie noch nicht sagen. Weniger zögerlich seien stillende Frauen, sagt Bielau. Und alle, die eine Schwangerschaft planen, lassen sich in der Regel vorher impfen, sagt Bielau. Aber das Bild gleiche der Gesellschaft: Manche zögern, manche weigern sich ganz und andere lassen sich sofort impfen.

Geimpft als Stillende

Als Katharina Baukloh sich entschied mit ihrem Mann ein Kind zu bekommen, gab es noch keinen Impfstoff. Das einzige, was in der Schwangerschaft schützen konnte, waren die Masken. Ihr mittlerweile geborener Sohn Sam kam im Januar auf die Welt. Jetzt gehört die Halveranerin zu den stillenden Frauen, die sich laut Stiko impfen lassen können und sollen – wenngleich man vorher nicht explizit davon abriet. Die erste Dosis des Vakzins von Biontech hat sich die 29-Jährige bereits im Impfzentrum geholt. Für die zweite muss sie zum Hausarzt ausweichen, denn dann hat das Impfzentrum in der Historischen Schützenhalle in Lüdenscheid geschlossen.

Katharina Baukloh haderte lange mit sich. Sie war sich nicht sicher, ob sie sich impfen lassen sollte. Zum einen wegen Sam, aber auch wegen der vielen Unklarheiten, die sie erreichten. An der Empfehlung kann sie sich orientieren und kann fortan auch auf das Testen verzichten, das mit einem Säugling auch nicht immer einfach war. Sie geht mit Sam in die Musikschule, jetzt mit erleichtertem Gewissen. „Ich will mich nicht einigeln“, sagt die Halveranerin. Die Impfung gibt ihr somit auch mehr Freiheit.

Tatjana Schulte war vor kurzem am Impfbus auf dem Halveraner Wochenmarkt. Allerdings hat sie nur ihren Partner begleitet. Wenn sie gedurft hätte, hätte sie sich impfen lassen, sagte sie vor rund vier Wochen. Doch für sie war das noch in weiter Ferne. Bis jetzt. Die Schwangere entbindet aller Voraussicht nach im April. Das zweite Trimester hat sie noch nicht erreicht, aber in ein paar Wochen könnte auch sie sich impfen lassen. Ihr Partner ließ sich auch impfen, um bei den anstehenden Untersuchungen und im Kreißsaal immer dabei sein zu können.

5. Monat schwanger und geimpft

Jessica Gastreich ist im 5. Monat schwanger und bereits geimpft. Die zweite Biontech-Spritze gab es, als sie schwanger war, aber noch nichts davon wusste. Kurz nach der frohen Botschaft machte sie sich Gedanken, weil es ihr nach der Impfung nicht gut ging. Aber das wird eine normale Impfreaktion gewesen sein, vermutet sie heute. Vielleicht etwas heftiger wegen der anderen Umstände. Hätte sie von ihrer Schwangerschaft gewusst, hätte sie sich zu dem Zeitpunkt nicht impfen lassen. „Aber ich bin froh, geimpft zu sein“, sagt die Halveranerin. Mit ihren 35 Jahren gilt sie ohnehin als Risiko-Schwangere. Zumindest dieses Risiko wurde nun minimiert. Ihr und dem Kind geht es gut, sagt Gastreich. Sie arbeitet im Einzelhandel, was für sie eine Impfung bereits recht früh möglich, aber auch nötig machte. Wegen der vielen Kunden, denen sie am Tag begegnet. Mit Kenntnis über die Schwangerschaft hat sie der Arbeitgeber freigestellt, was sie sehr verantwortungsbewusst findet. Der Hintergrund ist die Ansteckungsgefahr durch Corona – „das Risiko wollten sie nicht eingehen.“

Wissenschaftler haben bereits nachgewiesen, dass Schwangere häufiger als die übrigen Frauen auf Intensivstationen behandelt werden müssen. Bislang zeigen die Impfungen, dass sie genau das zuverlässig verhindern – dass Menschen also nicht schwer erkranken. Denn die Abwehr von Schwangeren ist teilweise heruntergefahren und neue Erreger können insbesondere in den ersten Schwangerschaftswochen zu Fehlgeburten führen. Es gilt: Je früher eine Infektion stattfindet, desto schwerwiegender sind die möglichen Folgen.

Stiko bringt Klarheit

Das kann auch der Gynäkologe Dr. Henk Brinks bestätigen. Er ist Teil des MVZ Meine Gynäkologie Lüdenscheid, hat seinen Praxissitz in Halver. Brinks hat bereits vor der Empfehlung der Stiko Frauen geraten, sich impfen zu lassen. Mit Blick auf seine Heimat, die Niederlande, in der die Impfungen für Schwangere schon eher empfohlen worden sind. „Aber man war in Deutschland lange unterschiedlicher Meinung.“ Das merkte er auch in der Praxis. Häufig wurde er von seinen Patientinnen gefragt, was er ihnen raten würden. Er hat immer klar zur Impfung geraten. Und die Möglichkeit haben Patientinnen auch. Aber gerade bei Schwangeren ist man immer sehr vorsichtig. „Die Stiko sagt nichts, wenn es nicht wissenschaftlich begründet ist.“ Er begrüßt daher den Appell, der endlich Klarheit für viele bringt, die noch zögerten.

Grundsätzlich sei ein Embryo auf zwei Arten vor Erregern geschützt, erläutert der Mediziner. Erstens gibt es die Plazentaschranke, die wie eine Art Filter fungiert und die meisten Fremdstoffe abfangen kann. Allerdings ist bei Studien herausgekommen, dass die Plazenta von den Coronaviren befallen werden kann, und so das Kind erreichen können. „Das kann auch schwere Folgen haben“, erklärt der Gynäkologe. Für ihn ein klarer Grund, sich impfen zu lassen.

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