Corona in Halver

Mutter ärgert sich über langen Lockdown: „Was ist mit Eltern und Kindern?“

An einem Tisch findet Homeschooling und Homeoffice statt: Verena Iserhardt-Scharfenberg hat vier Kinder. Der zehnjährige Liam (Bild) vermisst die Schule und seine Freunde.
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An einem Tisch findet Homeschooling und Homeoffice statt: Verena Iserhardt-Scharfenberg hat vier Kinder. Der zehnjährige Liam (Bild) vermisst die Schule und seine Freunde.

„Und was ist mit den Eltern? Und den Kindern? Danach fragt keiner.“ Verena Iserhardt-Scharfenberg versteht die Welt nicht mehr. Und die Mutter von vier Kindern sieht auch keine Perspektive mehr. Dass es nach den Osterferien wieder normal laufen soll, „glaubt ja wohl keiner“. In der Elterngruppe der Regenbogenschule werden die Stimmen lauter, sagt sie. Die 37-Jährige spricht vielen aus der Seele.

Halver – Die Mutter von vier Kindern wohnt in der kleinen Neubausiedlung an der Heerstraße. Die kleinsten sind Zwillinge und werden bald 3 Jahre alt, die beiden großen Söhne Mika (8) und Liam (10) besuchen die zweite und vierte Klasse der Grundschule. Die vier Kinder gehen auf drei verschiedene Einrichtungen der Stadt. Die kleinen in die Kita, die großen sind jeweils auf einem Standort der Regenbogenschule – Mika wurde in Oberbrügge abgelehnt, obwohl sein Bruder bereits auf die Schule ging. Jetzt in Corona-Zeiten bringt das noch mehr Nachteile mit sich als ohnehin.

Von außen erlebt die Mutter in der Corona-Pandemie immer häufiger Stigmatisierung – wegen der Kinder. Als seien sie es, die die Infektionszahlen hochtreiben. Vor knapp sechs Wochen war auch die junge Familie mit dem Coronavirus infiziert. Alle, ohne Ausnahme. Woher sie es hatten, wissen die Eltern nicht. Angesteckt wurde wissentlich jedoch eine Person. Ein Freund von Liam. Sie trafen sich zum Spielen, als Liam noch keine Symptome hatte. „Das tut mir so leid“, sagt der Zehnjährige. „Ich hatte Angst, dass er sauer auf mich ist.“

Familie hatte vor sechs Wochen Corona

Liam selbst hatte einen Tag hohes Fieber und am nächsten Tag war alles wieder gut. Die Zwillinge hatten keine Symptome, die Infektion der Eltern ähnelte einer Erkältung. Sie solle sich nicht wundern, sagte man der Halveranerin. Sie habe schließlich Kinder. Dabei sehen die Kinder ihre Freunde so gut wie gar nicht mehr – außer an den Präsenztagen in der Schule. Selbst auf der Straße vor den Häusern spielen die Nachbarskinder nicht mehr miteinandern. „Das Soziale fehlt einfach“, sagt die 37-Jährige.

Liam holt ein Foto von der Wand und zeigt ein Bild, das an alte Zeiten erinnert. Er steht am Strand in Badehose und ist sichtlich gut gelaunt. „So sah ich mal aus“, sagt der Grundschüler. Liam bedauert, dass er in den vergangenen Monaten zugenommen hat. Als er letztens mit seinem Bruder und einem Freund Schattenfangen draußen gespielt hat, konnten die Jungen irgendwann nicht mehr. „Die Kinder haben ja keine Bewegung mehr.“ Kein Fußball, kein Sportverein und das Homeschooling bedeutet dazu auch: Mehr lernen als sonst. Über Präsenzunterricht freut sich Liam daher – dann gibt es wenigstens keine Hausaufgaben, sagt er. Der Tag wird von Schule bestimmt.

„Es gibt doch keine Perspektive“

Am Freitag wäre er eigentlich wieder in der Schule gewesen. Liam gehört an seiner Schule zur gelben Gruppe, die montags und dienstags und jeden zweiten Freitag Unterricht vor Ort hat. Die anderen Schüler kommen an den übrigen Tagen. Liam vermisst seine Mitschüler und Freunde, sagt er. Und auch, dass sein Geburtstag nicht gefeiert wurde. Wenn Corona vorbei ist, soll es eine große Feier geben, bei der alle Freunde im Garten zelten dürfen. Darauf freut er sich. Wann das sein wird, weiß keiner. „Es gibt doch keine Perspektive“, sagt Verena Iserhardt-Scharfenberg. Und trotzdem werde so vieles falsch entschieden.

Sie kann nicht verstehen, dass die Schulen in der vergangenen Woche wieder zurück in den Präsenzunterricht gegangen sind. „Das war doch nach dem Motto: ,Nach mir die Sintflut‘. Bei der Inzidenz – und dann noch ohne Test.“ Sie unterstützte die Forderung der Bürgermeister Halvers, Lüdenscheids und Iserlohns, die Schulministerin Yvonne Gebauer darum baten, die Schulen nicht zu öffnen. „Wir hatten uns gut eingespielt.“ Doch sie wurden geöffnet. Und jetzt wieder geschlossen. Das sei zwar richtig, aber die Art und Weise stört sie. Was haben Eltern gemacht, die für den nächsten Tag wieder erfuhren, dass sie statt zu arbeiten ihre Kinder im Homeschooling betreuen müssen? „Von heute auf morgen.“

Spagat zwischen Homeoffice und Homeschooling

Die 37-Jährige sitzt seit Monaten meist im Homeoffice, obwohl das für ihren Job bei einer Wohnungsgesellschaft nicht die beste Lösung ist. Aber wie sicher ist ihre Stelle, wenn sie ausfallen würde? Sie macht daher den Spagat. Sie sitzt mit ihren Söhnen zusammen am Tisch. Jeder an seinem Laptop und vor seinen Aufgaben. Neben den beruflichen Herausforderungen muss die Mutter den Jungen helfen, ein Mandala zu malen oder ein Armband zu knüpfen – Kunstunterricht. Ihre „Krönung“ war der Sexualkundeunterricht, als es ihre Aufgabe war, dem ältesten Sohn zu erklären, was Sperma ist. Mathe und Deutsch – geschenkt. In der vergangenen Woche standen Klassenarbeiten an. Die Schüler werden geprüft, die Eltern fühlen sich überprüft, sagt sie. „Man muss die Kinder ja irgendwie bewerten“, sieht die Mutter ein. Die Petition der Humboldtschüler hat sie unterschrieben. Die Abschlussschüler sagen, sie haben im Distanzunterricht nicht alles gelernt, um zentrale Prüfungen zu schreiben.
Das geht den Grundschüler auch so. Ab Sommer geht Liam aufs Anne-Frank-Gymnasium. Angst hat er nicht, aber Respekt, sagt er. Ob er im vergangenen Schuljahr gut vorbereitet wurde? Ihn beruhigt nur, dass alle Kinder das gleiche Problem haben.

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