Rechtschreibung ungenügend

Umstrittenes "Schreiben nach Gehör": Schulen weisen Kritik zurück

+
Schreiben nach Gehör - Wer ist schuld am Rechtschreibnotstand?

Kreisgebiet - Die „Rechtschreibung ist ungenügend“ heißt es. Schuld daran soll die Methode „Lesen durch Schreiben“ von Jürgen Reichen sein. An den Halveraner Grundschulen etwa trifft die Anschuldigung auf Unverständnis.

Die Methode „Lesen durch Schreiben“ sei für die Schüler ein Weg zum ersten Erfolg und verschaffe ihnen Spaß an der Sprache, so Monika Lauterbach, Leiterin der Lindenhofschule. „Schreiben nach Gehör‘ gibt es nicht“, sagt sie. Die Formulierung sei missverständlich, denn es handelt sich um eine Methode, um das Lesen zu lernen. 

Klassenlehrerin Gabriele Halbrügge ist seit 1990 an der Lindenhofschule. Damals lehrte sie ihren Schülern das Lesen mithilfe der Fibel-Methode. Und auch Petra Schreiber, Leitung der Regenbogenschule, kann sich noch gut an den Anfang ihrer mittlerweile 40-jährigen Dienstzeit erinnern. „,Fu ruft Tut’ oder ,Tor, Tor, ruft Tut’ war alles, was die Kinder anfangs schreiben konnten“, sagt sie. 

Seit den Neunzigern gängige Praxis

Seit Mitte der Neunziger hat sich die Methode von Jürgen Reichen an der Lindenhofschule etabliert – ebenso an dem Verbund der Regenbogenschule. „Von allen Methoden, die ich im Laufe meiner Dienstzeit kennenlernte, ist diese die sinnvollste“, sagt Schreiber. Jedes Kind bekommt am ersten Schultag eine Buchstabentabelle, auch Anlauttabelle oder Buchstabentor genannt, mit insgesamt 31 Lauten. Neben jedem befindet sich ein Bild. Mit dieser Tabelle können Kinder früh Wörter verschriftlichen, indem sie den gehörten Lauten eines Wortes die entsprechenden Schriftzeichen zuweisen. Dadurch lernen sie, laut Reichen, das Lesen. „Und Lesen“, sagt Lauterbach, „ist eine Schlüsselkompetenz.“ Je eher die Kinder verstehen, dass aus Lauten Wörter gebildet werden, desto schneller können sie lesen. Dass das nach wenigen Wochen der Fall sein kann, bestätigt auch Petra Schreiber.

Fibel-Methode "verblödet"

Verglichen mit der Fibel-Methode ist das ein großer Unterschied. Wochenlang lernen die Schüler demnach in gleicher Geschwindigkeit einzelne Buchstaben und Wörter. Damit seien die meisten Kinder unterfordert, auch wenn es für einige eine gute Geschwindigkeit ist, sagt Schreiber. Damals sei man zu dem Schluss gekommen, dass es die Kinder „verblöde“, wenn sie nur mit Tut und Fu wochenlang lernen. „Die Kinder sollen doch lernen, dass Schriftsprache etwas mit dem Alltag zu tun hat“, sagt Schreiber. Abgesehen davon würden immer mehr Kinder eingeschult, die bereits lesen können.

Methode steht nicht allein

Die Tabelle ist Teil eines Unterrichts, durch den Kinder zum eigenständigen Denken und selbstständigen Lernen angeregt werden sollen. Wenn in der Lindenhofschule mit der Tabelle gearbeitet wird, erfolgt ergänzend die Arbeit an Lauten, Buchstaben und anderen Strukturen der Sprache. „Von der ersten Klasse an werden Fehler korrigiert“, sagt Schreiber. Für die Fehler, die ein Kind macht, bekommt es Übungen, die auf den Fehlerschwerpunkt ausgerichtet sind. Anders als mit Arbeitsblättern für die ganze Klasse, wird individuell gefördert. Bei den einen ist es das Dehnungs-H, bei den anderen die Konsonantendopplung. „Das ist von Kind zu Kind unterschiedlich“, sagt Lauterbach. Eine grundsätzlich „ungenügende Rechtschreibung“ kann sie nicht bestätigen.

Lesen und Schreiben nach wenigen Wochen

Schwieriger sei es bei Kindern, so Petra Schreiber, die Deutsch nicht als Muttersprache haben. Wenn diese Grundlage nicht gegeben ist, muss ein Schüler anders geschult werden. „Ein Lernsystem wird an ein Kind angepasst, nicht andersherum.“ In der ersten Klasse geht es darum, dass Kinder mit ihrer neu erlernten Fähigkeit lesen lernen und freie Texte schreiben. Sobald Kinder sicher mit der Tabelle umgehen, schreiben sie Texte – das kann bei den einen nach wenigen Wochen der Fall sein, bei anderen am Ende des ersten Schuljahres. Denn klar ist: Schreiben lernt man durch Schreiben sowie Lesen durch Lesen gelernt wird. 

Kinder wollen richtig schreiben

Aber erst aus der Möglichkeit zu schreiben, leite sich die Notwendigkeit ab, korrekt zu schreiben, heißt es. Kinder lernen, dass es wichtig ist, Regeln zu befolgen, damit sie auch alle verstehen, denen sie etwas mitteilen wollen, erklärt Schreiber. Wenn die Schüler Rechtschreibfehler machen, liege das jedoch nicht an der Methode „Lesen durch Schreiben“, sondern daran, dass eine Rechtschreibregel entweder nicht bekannt oder nicht angewendet wurde, so Lauterbach. Korrigiert und erklärt werde es dennoch, wie beide Schulleiterinnen bestätigen. Fehler, die von Schülern am Anfang ihres Schreibprozesses gemacht werden, seien nur Teil eines „Durchgangsstadiums“. Lauterbach zieht den Vergleich mit Kindern, die sprechen lernen. Wenn diese beginnen zu sprechen, werfe ihnen keiner vor, dass sie etwas falsch gesagt haben, sagt Lauterbach. Ähnlich sei das beim Schreiben und Lesen. Zunächst sollte anerkannt werden, welche Leistung dahintersteckt. 

Ein wertvoller Entwicklungsschritt

Die Regeln lernen die Schüler dann im Laufe der Schulzeit. Diese Phase, in der die Kinder die Erfahrung machen, dass sie mit Sprache noch weitaus kreativer und kommunikativer umgehen können, sei ein wertvoller Entwicklungsschritt. „Jedes Kind ist individuell“, sagt Lauterbach und gibt zu bedenken: „Kinder haben teilweise einen Entwicklungsunterschied von drei Jahren.“ Dieser Umstand spiegelt sich auch im Lese- und Schreiblernprozess wieder. „Mit der Fibel-Methode konnte keine Heterogenität geschaffen werden“, sagt Schreiber. Mit der Methode „Lesen durch Schreiben“ könne hingegen individualisierend gearbeitet werden. Die Schüler können früher lesen, früher schreiben und verstehen, warum Schriftsprache wichtig ist. Dass die Kritik an der Methode bis ins Schulministerium reicht, versteht Lehrerin Schreiber nicht. Die Ursachen für schlechte Rechtschreibung lägen ganz woanders.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare