Über Kunst lässt sich streiten: Scheuerpfahl für „vergessene Frauen“ in der Kritik 

Mittlerweile ist die Puppe angebracht: Manch einer findet sie anstößig, andere finden den Blickfang vor der Villa kontrastreich und gut.
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Mittlerweile ist die Puppe angebracht: Manch einer findet sie anstößig, andere finden den Blickfang vor der Villa kontrastreich und gut.

Der Kunstverein Vakt hat seinen 17. Scheuerpfahl aufgestellt. Der Standort an der Villa Wippermann und auch die Gestaltung sorgen für Diskussionen. Eine rot angemalte Schaufensterpuppe sitzt auf einem Baumstamm und soll vergessene Frauen thematisieren. Wir haben dazu mit Passanten gesprochen und auch mit der Organisatorin des Regionalmuseums.

Halver – Am Dienstag stellte der Kunstverein Vakt den 17. der insgesamt 20 Scheuerpfähle aus dem gleichnamigen Projekt fürs Volmetal auf. Der Pfahl „Vergesse Frauen“ steht auf der Wiese im Park der Villa Wippermann. Im Stamm selbst sind verschiedene Spielzeugfiguren und Puppen, die jeweils in Harz gegossen wurden, eingesetzt und rot umrandet worden. Auf dem Stamm sitzt eine rot angemalte Schaufensterpuppe, die einen hellblauen Rock trägt. Ihr Blick weist ins Stadtzentrum.

Hinter dem Scheuerpfahl stecken die Halveranerin Anneliese Sprünken-Osenberg und die Meinerzhagenerin Heike Dietrich. Mit dem gemeinsamen Werk wollten sie zunächst auf vergessene Künstlerinnen aufmerksam machen, die neben Männern in der Vergangenheit häufig unbeachtet blieben. In der Entwicklung aber, erzählen die beiden Vakt-Mitglieder, erweiterten sie die Bedeutung. So seien alle Frauen gemeint, denn die Frau in der Gesellschaft werde in allen Bereichen vergessen oder weniger beachtet. Ob die Mutter oder die Frau, die im Job schlechter bezahlt wird als ihr männlicher Kollege. Auch die Erwartungen wollten die beiden Hobby-Künstlerinnen mit den verschiedenen Spielzeugen darstellen. Neben einer Barbie ist auch eine bäuerliche Frau als Stoffpuppe integriert worden. Die große Schaufensterpuppe auf dem Stamm wurde bewusst in der Signalfarbe rot angemalt.

Bei der Fertigstellung kamen die Künstlerinnen Anneliese Sprünken-Osenberg (links) und Heike Dietrich zur Villa Wippermann. Bürgermeister Michael Brosch kam zu Besuch und verfolgte den Fortgang des Vakt-Projekts „Scheuerpfähle“.

Scheuerpfähle stehen normalerweise auf Weiden und bieten dem Vieh eine Möglichkeit, sich an ihnen zu reiben. Das Kunstprojekt, das erstmals in Ostfriesland und jetzt von Vakt umgesetzt wurde, soll nun dem Menschen etwas bieten, woran er sich reiben kann. Umstrittene Themen, wenn auch nicht zwingend, an umstrittenen Standorten, wie zum Beispiel der „Weidewächter“ am Gewerbegebiet Oeckinghausen. Allerdings wurden immer erst die Pfähle entwickelt, dann die Standorte zugeordnet. Die unterschiedlich gestalteten Baumstämme stehen verteilt in den vier Kommunen Oben an der Volme: Halver, Schalksmühle, Meinerzhagen und Kierspe. Sie sollen eine Verbindung herstellen, sagen die Initiatoren.

Bei der Aufstellung des 17. Pfahls war auch Bürgermeister Michael Brosch zugegen. Umstritten ist das Projekt des Halveraner Kunstvereins durchaus, sagt der Bürgermeister. „Aber das muss Kunst sein, damit sie wirkt.“ Der Bürgermeister freue sich über die Vielfalt der Pfähle, die im Volmetal aufgestellt wurden.

Umstritten ist vor allem dieser Pfahl. Die Ausstellungsorganisatorin des Regionalmuseums Villa Wippermann Jana Eilhardt ist mit dem Pfahl an sich und mit dem Standort nicht einverstanden (» Leserbrief). „Der Pfahl ist einfach nicht gut“, sagt sie im Gespräch. „Und er gehört dort einfach nicht hin.“ Viele Personen hätten sie bereits auf den Scheuerpfahl angesprochen und gefragt, was es damit auf sich hat. Bis zum Tage der Aufstellung allerdings habe sie selbst nicht gewusst, dass überhaupt ein Scheuerpfahl auf der Wiese an der Villa stehen würde, sagt sie. Wenn das Exemplar, das jetzt am Regionalmuseum steht, irgendwo einen Sinn mache, dann am Wanderparkplatz Richtung Breckerfeld, wo häufig Prostituierte in einem Wohnwagen anzutreffen waren.

Befragung von Passanten

Wir haben Passanten an der Villa Wippermann befragt, wie sie den Scheuerpfahl finden. Einige von ihnen sahen ihn auf Hinweis zum ersten Mal, den meisten ist er bereits zuvor ins Auge gefallen. Die Meinungen sind unterschiedlich.

Eine Anwohnerin sagt: „Ich finde es nicht so berauschend, aber über Kunst lässt sich streiten.“ „Gut“ hingegen findet den Pfahl eine Frau aus Halver. Für sie blickt die Frau in die Zukunft, überlegt, was alles in der Vergangenheit passiert ist. Für ein Ehepaar strahlt die rote Frau Ruhe aus, ihre Körpersprache sei entspannt. „Manch einer könnte sagen, das ist sexistisch, das finde ich aber nicht“, sagt ein Mann. „Mir fehlt vielleicht das Gesicht.“ Dass die Schaufensterpuppe nichts an hat – außer einen kurzen Rock – kritisiert eine Passantin besonders mit Blick auf die Nähe zum Spielplatz und die Tatsache, dass viele Jugendliche sich im Park aufhalten. Wieder andere sagen genau dazu, dass die Puppe doch eine gute Figur habe und es aus diesem Grund auch kein Problem sei, sie ohne Kleidung zu platzieren. „Die ist doch schön anzusehen“, sagt eine ältere Frau und ergänzt: „Lange Haare wären noch schön.“

Die Farbe rot bezeichnen die meisten als Hingucker und sehen vor allem einen Kontrast zur weißen Fassade der Villa. „Ein bisschen mehr Kultur steht der Stadt gut. Das ist mal etwas anderes“, sagt eine Frau, die gerade vom Wochenmarkt kommt. „Es ist doch gut, dass überhaupt etwas gemacht wird.“ Eine Frau aus Breckerfeld würde sich freuen, wenn auch in ihrer Stadt so bunte Kunst stünde.

Kinder auf dem Weg zum Spielplatz werden vom Pfahl voller Spielzeug in Harz, das wie Glas wirkt, angezogen. Barbies und Playmobilfiguren haben sie auch zu Hause, sagen sie.

Zwei Mädchen schauen sich den Pfahl und das integrierte Spielzeug genauer an.

Zwei Freundinnen aus Lüdenscheid besuchen häufiger Ausstellungen im Regionalmuseum und gingen zielgerichtet auf den Scheuerpfahl zu. Sie dachten, es gehöre vielleicht zu einer Ausstellung dazu oder kündige eine an. Die beiden Frauen Mitte 50 fanden den Pfahl an sich gut, konnten aber nicht sagen, was er genau bedeuten soll. Nach Erklärung, dass er auf vergessene Frauen aufmerksam machen soll, konnten sie nicht verstehen, warum die Puppe dann keine Kleidung trägt.

„Die Puppe soll Aufmerksamkeit erzeugen“, erklärt Heike Dietrich. Und man soll sich an dem Thema reiben. Dass der Pfahl sein Ziel bereits erreicht hat, sagt Karen Schloten-Walther. Und die Kritik? „Die müssen wir jetzt aushalten“, sagt die Halveranerin Anneliese Sprünken-Osenberg.

Als Künstlerinnen möchten sich beide nicht bezeichnen lassen. Nichtsdestotrotz haben sie Interesse an politischen wie gesellschaftlichen Themen, die sie in ihren Werken behandeln möchten. Freuen würden sie sich nun über einen Austausch über das Thema, gerne auch kritisch, wenn der Pfahl vielleicht nicht den gewünschten Erfolg hat, sagt Anneliese Sprünken-Osenberg.

Förderung und Sponsoren

Mit rund 50 000 Euro wurde das Projekt „Scheuerpfähle“ vom Land NRW im Rahmen der „Heimat-Werkstatt“gefördert. Das Land fördert den offenen Diskurs und Kreativprozess von Initiativen, Organisationen und Bürgern mit dem Ziel der Bewusstwerdung und Herausarbeitung ihrer lokal oder regional prägenden identitätsstiftenden Besonderheiten.

Unterstützt werden die ehrenamtlichen Initiatoren vom Fotoverein Halver, der die Dokumentation des Projekts übernimmt. Andere Vereine und Privatpersonen unterstützen die Aktion durch Mithilfe oder Spenden. Zu den Förderern gehören die Sparkasse Lüdenscheid sowie der örtliche Rotary-Club. Mit einbezogen ist auch die Volkshochschule Volmetal.

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