Kirmes und Corona

Zwischen Hoffen und Bangen: Schaustellerfamilie hofft auf Kirmes in Halver

Schaustellerfamilie Schmidt aus Remscheid steht auf der Kirmes in Halver im Jahr 2019.
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Gebeutelte Branche: Der Schaustellerbetrieb von Frank Schmidt ist seit Generationen ein Familienbetrieb und seit Jahrzehnten zu Gast in Halver.

Eine Schaustellerfamilie hofft auf die Kirmes Anfang Juni in Halver. Seit einem Jahr können sie ihren Beruf wegen Corona nicht ausüben.

Halver – Sie gehören beinahe schon zum Inventar der Halveraner Kirmes: Der Autoscooter der Familie Schmidt ist traditionell am Kulturbahnhof zu Hause, ein Kinderkarussell nahe des alten Sparkassen-Gebäudes komplettiert das Angebot der Schausteller aus Remscheid. Dass Frank Schmidt und sein Team auch vom 4. bis zum 7. Juni wieder Halver anfahren würden – Ehrensache. Die große Frage indes lautet: Kann die Kirmes pandemiebedingt überhaupt stattfinden?

Die Stadt Halver plant zweigleisig, will vorbereitet sein, sollte sich die 7-Tage-Inzidenz dauerhaft auf einem sehr niedrigen Niveau einpendeln und die Verordnungen Großveranstaltungen wieder erlauben. Bürgermeister Michael Brosch zeigte sich im AA-Gespräch allerdings skeptisch, ob die knapp vier Monate für derartig weitreichende Lockerungen ausreichen. Und wie beurteilt Frank Schmidt die Lage? Es ist eine Situation zwischen Hoffen und Bangen. Dauerstress in einer von der Pandemie mit voller Wucht getroffenen Branche.

Wir haben seit einem Jahr quasi Berufsverbot.

Frank Schmidt

„Wir haben seit einem Jahr quasi Berufsverbot“, sagt Frank Schmidt. Vergleichsweise nüchtern klingt seine Aussage, gar analytisch. „Wenn wir ganz ehrlich sind, muss man sagen: Wir sind nicht systemrelevant. Wir sind für das Vergnügen der Leute da. Luxus, wenn man so will.“ Was die dramatische Lage der Schaustellerbranche allerdings um keinen Deut besser macht. Kirmes-Großveranstaltungen sind seit dem vergangenen Frühjahr verboten. Frank Schmidt und seine Familie haben nach Alternativen gesucht – und zunächst noch gefunden. In Einkaufszentren wie Remscheid, Wuppertal und Essen verkaufen die Schmidts gebrannte Mandeln und Popcorn. In der Summe nicht ansatzweise ein vollwertiger Ersatz für Kirmes-Großveranstaltungen, aber wenigstens Einkünfte, die ein Stück weit helfen, Fixkosten zu decken. „Es war okay“, sagt Frank Schmidt rückblickend. War. Denn mit dem Lockdown von großen Teilen des Einzelhandels tröpfelt es auch aus dieser Einnahmequelle nur noch ein wenig. „Die Center sind doch nur noch Geisterstädte“, sagt Schmidt.

Kurzarbeit und Corona-Hilfen

Unternehmerische Gegenmaßnahmen? – Kurzarbeit. Und staatliche Corona-Hilfen. „Wir haben zweimal etwas bekommen“, berichtet Frank Schmidt. „Allerdings braucht man zum Ausfüllen der Anträge einen Doktortitel. Beim zweiten Mal hat selbst mein Steuerberater kapituliert.“ Klar ist derweil, dass die Remscheider Familie an ihre Grenzen zu gelangen droht. „Ich habe keine Ahnung, wie lange wir das noch aushalten“, sagt Frank Schmidt, „wenn jetzt noch ein Sommer kommt, in dem wir nicht rausfahren dürfen, dann wird es ganz, ganz eng.“

Der erste Kirmestag in Bildern

Der erste Kirmestag in Bildern

Liebend gerne würde das gesamte Team, das in normalen Zeiten aus sechs bis acht Personen sowie Saisonkräften besteht, Anfang Juni nach Halver kommen. „Halver ist eine ganz besondere Kirmes“, sagt Frank Schmidt, „und zwar aufgrund von zwei Facetten: Zum einen kommen wir schon ewig dorthin. Man kennt sich, pflegt ein sehr gutes Miteinander. Wenn ich überall mit so guten Leuten zu tun hätte wie mit Platzmeister Lutz Eicker und seinem Team – das wäre ein Traum.“ Zum anderen, so Schmidt, sei Halver auch finanziell lukrativ. Um so schmerzlicher wäre eine erneute Absage der Kirmes.

Sie geben die Hoffnung nicht auf

„Ich gebe die Hoffnung nicht auf“, macht der erfahrene Schausteller in (Zweck-) Optimismus, „ich glaube allerdings, dass es lange dauern wird, bis die Inzidenz unter 35 liegt.“ Dazu sieht auch Frank Schmidt einen Faktor, der Halver normalerweise so attraktiv macht, mit Blick auf eine Corona-Kirmes als echten Nachteil an. „Auf einem zentralen Kirmesplatz – da kann man die Zahl der Besucher kontrollieren. Bei einer Innenstadtkirmes wie in Halver, Schwelm oder Wermelskirchen ist das nicht möglich.“

Und so regiert in Remscheid weiter das Prinzip Hoffnung. „Nochmal: Wir sind nicht systemrelevant“, sagt Frank Schmidt, „aber dass hier eine ganze Branche gegen die Wand fährt – das geht doch auch nicht.“

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