„Rücken“ statt Prozesstermin: Angeklagter meldet sich per Fax ab

+

Halver/Lüdenscheid - Das Amtsgericht am Dukatenweg ist ein öffentliches Gebäude – und daher barrierefrei, Rampen, Aufzug, Blindenschrift, alles da. Ganze Kolonnen von geh- oder sehbehinderten Menschen haben einen Besuch bei der Justiz schon bewältigt.

Ein 39-jähriger Angeklagter will sich die Strapaze trotzdem nicht zumuten – und faxt eine Absage an Strafrichter Thomas Kabus, eineinhalb Stunden vor Prozessbeginn. Er sei seit einer Wirbelsäulen-OP und einem Behandlungsfehler schwer behindert. Vor der Operation war er nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft allerdings fit genug, um Dienstreisen in ferne Länder anzutreten und arglose Opfer zu betrügen. In der Anklageschrift finden sich so entlegene Tatorte wie Indien oder Indonesien. Und Halver. Es geht immer nur um kleine Summen. Aber um eine gleichbleibende kriminelle Energie.

Viele kleine Betrügereien

So soll sich der 39-Jährige während einer Asienreise im Januar vergangenen Jahres 360 Euro von einem Kollegen geliehen haben. Angeblich kam er am Automaten nicht an sein Girokonto heran. Am 10. April, vor dem Start zu einem weiteren Trip, habe er sich am Frankfurter Flughafen unter demselben Vorwand 50 Euro von einem Mitreisenden geborgt. Und während des Auslandsaufenthalts von einem weiteren Opfer 338 Euro. In keinem Fall, so der Vorwurf, habe er die Schulden zurückbezahlt. Dass der Angeklagte einem Dönerbuden-Betreiber in Halver versprochen hat, ihm einen Kühlkompressor zu besorgen und als Anzahlung 80 Euro entgegengenommen und nie eine Gegenleistung erbracht hat – das ist der letzte der Anklagepunkte, die Oberamtsanwalt Hans Dieter Lehmann aber gar nicht erst verliest.

Saftiger Strafbefehl

Richter Kabus sagt, das Fax mit den Angaben über die eigene Situation sei „kein richtiger Nachweis“. Die Vorlage eines Schwerbehinderten-Ausweises reiche nicht aus, nicht vor Gericht erscheinen zu müssen. Lehmann – „Wir sind schon so lange hinter ihm her gelaufen“ – regt an, den Mann auf seine Verhandlungsfähigkeit hin untersuchen zu lassen.

Doch der Richter will die Sache lieber schnell beenden – per schriftlichem Strafbefehl. Oberamtsanwalt Lehmann beantragt eine Strafe von 3000 Euro, so lautet auch Kabus’ Beschluss. Wenn der 39-Jährige nicht bezahlt, kommt es wieder zum Prozess. Vorausgesetzt, der Angeklagte erscheint und hat nicht wieder „Rücken“.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.