Rettungsaktion für Rotbuchen am Rathaus in Halver

Druckluft, Granulat und Pilze: Rettungsaktion für die Bäume in der Innenstadt

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Mit Druckluft, Pilzen und Granulat sollen die Blutbuchen an der Thomasstraße stabilisiert werden.

Die Buchen vor dem Rathaus kriegen die Füße aufgepumpt. Diese zugegeben etwas flapsige Formulierung umschreibt vielleicht am besten die aufwendige Rettungsaktion, die am Dienstag an der Thomasstraße angelaufen ist.

Die Buchen vor dem Rathaus kriegen die Füße aufgepumpt. Diese zugegeben etwas flapsige Formulierung umschreibt vielleicht am besten die aufwendige Rettungsaktion, die am Dienstag an der Thomasstraße angelaufen ist.

Sieben Rotbuchen stehen vor dem Rathaus, postalisch Thomasstraße 19, und siechen vor sich hin. Am übelsten sieht auf den ersten Blick der Baum an der Ecke zur Mittelstraße aus. Doch auch die folgenden sind stark mitgenommen. Mehr als 100 Jahre sind sie alt. In der freien Natur wären sie vermutlich doppelt so dick und deutlich höher. Sie teilen ihr Schicksal mit vielen weiteren Stadtbäumen. Ihnen fehlt Wurzelraum, Wasser und Nährstoffeintrag.

Wasser gelangt nicht an die Wurzeln

Die bisherigen Versuche, die Bäume zu stabilisieren, hatten letztlich nicht gefruchtet. Tausende Liter Wasser hatten die Mitarbeiter des Baubetriebshofs regelmäßig allein an die Allee vor dem Rathaus gepumpt. Zwischenzeitlich hatte auch die Feuerwehr eine Pumpe in Stellung gebracht. Das Problem dabei: Durch den verdichteten und ausgetrockneten Boden gelangt das Wasser nicht dorthin, wo die Buchen es brauchen, nämlich an das Wurzelwerk in gut einem halben Meter Tiefe. Das meiste fließt oberflächlich ab. Der Durst der Pflanzen bleibt.

Sieben Rotbuchen sind betroffen

Die Hilfe für die Bäume – und vielleicht auch die letzte Rettung für die sieben Buchen – geschieht über die Verbesserung der Bodenstruktur. Birk Fink und David Kaven, Mitarbeiter des Baumpflegeunternehmens Turk aus Halver-Oeckinghausen, sind es in der Praxis, die gerade Bohrlöcher setzen. Durch diese wird im Wesentlichen mit Hochdruck Luft ins Erdreich gebracht, außerdem ein Granulat und – perspektivisch am wichtigsten – sogenannte Mykorrhizapilze (» Infokasten), die über das Wurzelwerk mit dem Baum eine Symbiose eingehen.

Hohe Kosten zu erwarten

Mit rund 1000 Euro an Kosten pro Baum ist bei der Maßnahme zu rechnen. Und es wird nicht das Ende der Fahnenstange sein, wenn es um den Erhalt städtischen Grüns geht. Verwaltungsintern und auch in der Politik wird derzeit überlegt, mit welchen Maßnahmen und welchem Aufwand stadtbildprägende Bäume unter den Vorzeichen des Klimawandels noch zu halten seien, bestätigt Bürgermeister Michael Brosch auf Anfrage. Bei grob geschätzt rund 3000 Bäumen im Stadtgebiet seien voraussichtlich nicht alle zu retten. Auf einen mittleren vierstelligen Betrag pro Baum je nach Größe und Standort schätzten Experten die Kosten für den Erhaltungsaufwand.

Gefährdet sind die Bäume aber nicht allein durch die Trockenheit. Bereits im Frühjahr musste die Nachbarstadt Lüdenscheid zwei Blutbuchen wegen Pilzbefalls abgeben.

Stichwort Mykorrhizapilze

Die Mykorrhizapilze sollen den Bäumen helfen. Sie liefern Nährsalze und Wasser und erhalten ihrerseits einen Teil der durch die Fotosynthese der Pflanzen erzeugten Assimilate. In einem Buchenwald wird etwa ein Drittel der Fotosynthese-Produkte durch die Mykorrhizapilze verbraucht. Im Gegensatz zu anderen Bodenpilzen fehlen vielen Mykorrhizapilzen Enzyme, die nötig wären, um komplexe Kohlenhydrate abzubauen. Darum sind diese auf die Versorgung durch die Pflanze angewiesen. Die Mykorrhizapilze verfügen über ein im Vergleich zur Pflanze erheblich größeres Vermögen, Mineralstoffe und Wasser aus dem Boden zu lösen.
Häufig wird die Wasser-, Stickstoff-und Phosphat-Versorgung der Pflanzen verbessert. Weiterhin bietet das Vorgehen einen gewissen Schutz vor Wurzelpathogenen und oberirdischen Schädlingen wie zum Beispiel Blattläusen oder schädlichen Pilzinfektionen. Zudem erhöht sie auch die Trockenresistenz der Pflanzen, was vor allem an extremen Standorten von Vorteil sein kann.

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