Rettung vor dem Aussterben

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Birgit Güntner kümmert sich liebevoll um die Tiere, wahrt aber emotional einen Abstand zu den Schafen.

OBERBRÜGGE ▪ Auf den ersten Blick sehen Mini, Bella oder auch Hanne ganz gewöhnlich aus. Das bisschen Dreck an der dichten Wolle gehört mitten auf einer Wiese ebenso dazu wie die horizontal abstehenden Ohren der Tiere, die für jeden Schönheitschirurgen eine Herausforderung darstellen würden.

Doch so unscheinbar die Herde auch aussieht, hier wird Artenschutz betrieben. Birgit Güntner züchtet Waldschafe, eine vom Aussterben bedrohte Nutztierrasse.

Hauptberuflich als IT-Projektleiterin angestellt, nutzt sie einen Teil ihrer freien Zeit für die Aufzucht der mittlerweile seltenen Tiere. Vor knapp zwei Jahren begann das Hobby mit der schwer zu mähenden Weide hinter dem Haus. Die Suche im Internet führte dann zu einer besonderen Seite. „Ich bin über die Nutztierarche-Bewegung gestolpert“, erinnert sich die Halveranerin. Als Nutztierarche werden Höfe oder Züchter bezeichnet, die mindestens eine alte und gefährdete Nutztierrasse züchten. Bei Güntner fiel die Wahl auf die Waldschafe. Die Anmeldung einer Herdbuchzucht folgte.

Diese wächst derzeit noch. Ziel ist es, dass 20 bis 25 Muttertiere auf der Weide stehen werden. Zehn Schafe sowie ein Bock für die Vermehrung sind es aktuell. Stets im Herbst wird gedeckt, die Lämmer kommen dann im Frühjahr zur Welt, wenn das Gras saftig ist und die Schafe damit wieder schneller zu Kräften kommen.

Da das Hobby nicht der Beruf ist und der Erlös nicht das Ziel, kann die engagierte Neu-Züchterin sich um eine Sache verdient machen, die ansonsten deutlich im Hintergrund steht. Der Erhalt der Tiere. „Die Landwirtschaft ist einem starken Wandel unterzogen. Die Ausrichtung der modernen Landwirtschaft ist auf Leistung ausgerichtet, ähnlich wie bei Milchkühen verhält es sich auch bei den Schafen.“ Für Güntner zählen hingegen nicht das Schlachtgewicht und die Milchleistung, sondern die Rassen, die aufgrund wirtschaftlicher Erwägungen ansonsten auf der Strecke bleiben. Es besteht ihrer Ansicht nach ansonsten die akute Gefahr einer deutlichen Abnahme der biologischen Vielfalt.

Die Halveranerin will weiter Wert auf gute Muttereigenschaften der Tiere, eine robuste Gesundheit oder auch darauf setzen, dass die Tiere selbst auf kargen Standorten weiden können. „Das ist eine Überzeugung“, bekennt sie sich offen zum Idealismus, mit dem sie das Ganze betreibt.

Zu schaffen macht der Hofbesitzerin in Dahlhausen vor allem die Bürokratie, von der elektrischen Kennzeichnung der Tiere bis zum Führen des Bestandsregisters und den ihrer Auffassung nach zu hohen Hürden, um das Fleisch auch vermarkten zu können. „Es ist ein hoher bürokratischer Aufwand, den ich betreiben muss. Für kleine Züchter ist das nicht nachvollziehbar.“

Insgesamt rechnet sich die Zucht wirtschaftlich unterm Strich nicht: 360 Euro für die Auen und 240 Euro für den Bock mussten zu Beginn bezahlt werden. Laufend kommen noch Kosten hinzu, für Futter, Heu im Winter, Hafer, Möhrchen, Äpfel, Impfungen, Entwurmung, Zäune und Tiertransport. Auf der Einnahmeseite stand im vergangenen Jahr eine mit selbst produziertem Schafsfleisch gefüllte Kühltruhe und ein Euro für die fünf Säcke Wolle. „Ich möchte lieber nicht über die Kosten nachdenken.“ Auch nicht darüber, wofür Wolle mittlerweile verwendet wird. „Das ist ein Abfallprodukt geworden.“ So würde Wolle teils als Mulch für den Garten weiterverwendet.

Beim Fleisch sieht es noch etwas anders aus. Von romantischen Vorstellungen hat sich Birgit Güntner bereits zu Beginn der Schafzucht verabschiedet. „Es sind Nutztiere. Und so ein Bestand kann langfristig nur existieren, wenn ein Wandel stattfindet.“ Daher steht auch einmal jährlich eine Schlachtung an. Zehn bis 20 Prozent des Bestandes müssten jedes Jahr ausgetauscht werden.

Zum Osterfest gibt es daher keinen Lammbraten aus dem Supermarkt, sondern selbst produziertes Fleisch. Und das, obwohl die Tiere zuvor Namen bekommen haben. Die Kleinen heißen Mini oder Bella, die größeren „Die Hübsche“ oder „Die Hysterische“, der Bock „Lumpi“. „Man muss sich im Geiste zuvor damit auseinandersetzen, dass die Tiere zum Schlachten bestimmt sind. Ich sehe das pragmatisch.“ Die Tiere seien aber kein Produktionsmittel, es handele sich jedoch auch nicht um einen Streichelzoo. ▪ Marco Fraune

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