Grundgesetz nur christlich? Offener Streit von Politikern von CDU und SPD vor Achtklässlern

Christian Bockholt und Özge Kahraman (hinten) freuten sich über die Zusage der Politiker, Sina Löschke (Die Grünen), Nezehat Baradari (SPD), Anna Neumann (FDP), Otto Ersching (Die Linke) und André Krause (CDU), den Schülern für Fragen zur Verfügung zu stehen. Die Wahlhelfer sorgen an der Humboldtschule für einen ordnungsgemäßen Ablauf der Wahlen.
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Christian Bockholt und Özge Kahraman (hinten) freuten sich über die Zusage der Politiker, Sina Löschke (Die Grünen), Nezehat Baradari (SPD), Anna Neumann (FDP), Otto Ersching (Die Linke) und André Krause (CDU), den Schülern für Fragen zur Verfügung zu stehen. Die Wahlhelfer sorgen an der Humboldtschule für einen ordnungsgemäßen Ablauf der Wahlen.

Teilweise hitzige Wortgefechte lieferten sich Vertreter der heimischen Parteien am Dienstag in der Aula der Humboldtschule. Gegen Ende wurde es persönlich.

Halver – Im Rahmen des Juniorwahl-Projekts stellten sich Sina Löschke (Die Grünen), Nezahat Baradari (Bundestagsabgeordneter und Bundestagskandidatin der SPD), Anna Neumann (FDP), Otto Ersching (Bundestagskandidat Die Linke) und André Krause (CDU) den Fragen der Schüler.

Wer am 26. September sein Kreuzchen auf dem Wahlzettel machen möchte, muss unter anderem volljährig sein. Wer noch keine 18 ist, darf aber auch schon wählen – wenn er denn den achten oder neunten Jahrgang der Humboldtschule besucht. Dort finden in diesem Jahr erstmalig die Juniorwahlen statt.

Juniorwahl in der kommenden Woche

„Die Juniorwahl ist ein Projekt, das verdeutlicht, was Demokratie ist, was demokratische Gesellschaften auszeichnet, warum es wichtig ist, zu wählen, und wie die Wahlen überhaupt ablaufen“, fasst Christian Bockholt das Konzept zusammen, das er mit Özge Kahraman an der Schule betreut. Vom 20. bis zum 24. September dürfen die Schüler sogar selbst eine Wahlkabine betreten und einer Partei ihre Stimme geben.

Dabei wird viel Wert auf Authentizität gelegt. „Es gibt in jeder Klasse einen Wahlvorstand, der ein Wählerverzeichnis anlegt, Wahlbenachrichtigungen verteilt und die Wahl dann auch durchführt“, erklärt der Pädagoge. Wahltage sollen am 22. und 23. September sein. Auch dabei soll alles realistisch zugehen. „Die Schüler gehen in den Wahlraum, legen ein Ausweisdokument vor und können, wie bei einer richtigen Wahl, dann auch wählen“. Wahlkabinen, Wahlzettel, alles wird hier „wie im richtigen Leben“ sein.

Warum Wählen wichtig ist

Dazu gehört auch die richtige Vorbereitung. „Wir haben jetzt im Unterricht über Demokratie gesprochen. Die Themen bauen aufeinander auf“. Warum Wählen wichtig ist, welche Aufgaben der Bundestag hat, wer überhaupt kandidiert, was die Wahlprogramme beinhalten – diese Fragen werden im Unterricht besprochen. „Die politische Teilhabe und die politische Mündigkeit zu fördern und politische Urteilskompetenz bilden zu können, sind die zentralen Anliegen“, hebt Christian Bockholt hervor.

Um das zu unterstützen, stellten sich am Montag Vertreter der heimischen Parteien den Fragen der Schüler in der Humboldt-Aula. Die politikinteressierten Jugendlichen richteten ihre Fragen aus den unterschiedlichsten Bereichen direkt an die Politiker. Dabei ging es um die Impfpflicht, den Einsatz künstlicher Intelligenz, das Verbot von Einweggeschirr oder das Erreichen der Klimaneutralität. Wichtig waren für die Schüler natürlich auch Themen, die sie direkt betreffen, wie die langen Schulzeiten. Die Stellungnahme von Anna Neumann fiel jedoch nicht so aus, wie die Schüler es sich vielleicht erhofft haben. Ganztagsschule biete eine Chance auch für benachteiligte Familien. Im solidarischen Sinne sei das mit Blick auf die Chancengleichheit wichtig, erklärte die FDP-Politikerin.

E-Autos, Digitalisierung und Corona

Von der Grünenvertreterin wollten die Jugendlichen wissen, was mit den Autos passiert, die nach Umstellung auf die E-Mobilität übrig bleiben. „Sie sollten möglichst gut recycelt werden“, sagte Sina Löschke und verwies noch auf die Energieersparnis hin, die durch E-Autos erreicht werden könne. André Krause sollte für die CDU beantworten, wann die Ziele der Digitalisierung umgesetzt werden. „Die Coronakrise hat gezeigt, wo wir stehen“, unterstrich er und hob hervor, dass effektiv daran gearbeitet werde und der Breitbandausbau im Märkischen Kreis schon sehr weit gekommen ist.

„Warum bezahlen nicht alle gleich viel Steuern?“, wollte man von Linken-Vertreter Otto Ersching wissen. „Das würde besonders die Geringverdiener hart treffen“, erklärte er und warb dafür, Geringverdiener mehr zu entlasten und Gutverdiener mehr zu belasten. Zum Thema Klimaneutralität sollte sich Nezahat Baradari von der SPD äußern. „Die Atmosphäre gehört uns allen“, erwiderte sie und verdeutlichte, dass dieses Problem nicht nur auf deutscher Ebene gelöst werden kann, sondern „es müssen alle an einem Tisch sitzen“.

Religion und Politik

Die Antwort auf die Frage, warum die CDU eine Partei mit christlichem Hintergrund sei und nicht religiös neutral auftrete, erhitzte schließlich die Gemüter. Man müsse kein Christ sein, um Mitglied bei der CDU zu sein, erwiderte André Krause. Mann könne jedoch die christlichen Werte genießen, und die Kirchen hielten diese Werte zusammen, fügte er hinzu. „Es geht nicht darum, nur christliche Werte hervorzuheben“, entgegnete dazu Nezahat Baradari. Nächstenliebe sei universell. Was im Grundgesetz stehe, würde für alle Menschen gelten, gleich welcher Religion sie angehörten.

Das wollte der CDU-Politiker nicht auf sich beruhen lassen. „Ich brauche von Ihnen keine Nachhilfe“ schoss er gegen Baradari und fragte, wer denn das Grundgesetz geschrieben habe. Das christliche Weltbild setze den Menschen in den Mittelpunkt.

Religion sei Privatsache, antwortete diese und wies noch einmal darauf hin, dass die Gründungsväter und -mütter keine religiösen Einschränkungen vorgenommen haben. Der Vorwurf von André Krause, Nezahat Baradari würde nicht über das beste Ansehen verfügen, traf die Angesprochene dann doch zu weit unter der Gürtellinie. „Das finde ich nicht in Ordnung“, stellte sie klar und hob hervor, dass die Politiker ein gutes Beispiel für die anwesenden Jugendlichen abgeben sollten. Ihre Frage, was ihn zu dieser Aussage verleitet habe, wurde nicht mehr beantwortet. Die festgelegte Zeit für die Politrunde war schon überschritten.

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