Mythen und Verschwörungen

Löcher im Personalausweis: Auf den Spuren von Reichsbürgern und Q-Anon im MK

Personalausweis Bundesrepublik Deutschland
+
Ein Personalausweis kam in Stücken im Rathaus an. Anbei lag ein Brief, in dem die Bürgerin mitteilt, dass sie austrete. Kein Einzelfall.

Eine Frau hat ihren Personalausweis zerstört und an den Bürgermeister geschickt. In einem Brief schreibt sie, dass sie austrete. Eine Suche nach Spuren von Reichsbürgern und Q-Anon-Anhängern im MK.

Halver/Oberbrügge – Jeder Deutsche ab 16 Jahren muss ihn haben: den Personalausweis. Wenn, wie in den vergangenen Wochen, zerschnittene Personalausweise eingehen, läuten im Halveraner Rathaus die Alarmglocken. Denn: Die Rückgabe des amtlichen Identitätsnachweises ist ein symbolischer Akt in der sogenannten Reichsbürgerszene. Und es gibt noch weitere Hinweise in Halver auf Reichsbürger, aber auch auf Q-Anon-Anhänger. Eine Spurensuche.

Der Brief im Rathaus lässt wenig Spielraum für Interpretationen. Die Absenderin hat ihren Personalausweis durchlöchert, den Chip entfernt und direkt an den örtlichen gewählten Vertreter der Bundesrepublik Deutschland, Bürgermeister Michael Brosch, geschickt. Brosch bestätigt die Existenz des Briefes auf Anfrage des Allgemeinen Anzeigers. In einem beiliegendem Anschreiben erklärt die Halveranerin, dass sie austrete und mit „dem System“ nichts mehr zu tun haben wolle.

Doch so einfach ist das nicht. Das Zerstören eines Ausweises ist strafbar. Das Passausweisgesetz regelt in Paragraph 4, Absatz 2: „Ausweise sind Eigentum der Bundesrepublik Deutschland.“ Wer den Ausweis zerstört, begeht demnach eine Sachbeschädigung. Wie es seitens der Stadt heißt, sollte die Absenderin einen Bußgeldbescheid über rund 100 Euro erhalten. Doch das Dokument kam zurück, das amtliche Schreiben konnte nicht zugestellt werden. Der Grund: Die Frau war umgezogen, ohne sich umzumelden. Auch das ist eine Ordnungswidrigkeit. Die Halveraner Verwaltung behielt den Vorgang nicht für sich und informierte auch die übergeordneten Behörden, den Märkischen Kreis und die Bezirksregierung Arnsberg, über den vermeintlichen Austritt der Frau aus der Bundesrepublik.

QAnon-Sticker in Oberbrügge: Hinter dem Q steckt Q-Anon. WWG1WGA ist eine Abkürzung und steht für „where we go one, we go all“, sinngemäß „einer für alle, alle für einen“.

Der aktuelle Vorgang ist in Halver kein Einzelfall. Nach Angaben der Stadt ist es der dritte zerstörte Ausweis, der im Rathaus einging. Wesentlich häufiger werden zudem die Chips im Ausweis zerstört. Zum Teil werden sie in die Mikrowelle gelegt, andere werden mit einer Nadel möglichst unauffällig durchstochen. Die Menschen denken, dass sie mit dem Chip überwacht werden, heißt es aus dem Rathaus. Bei komplett zerstörten Personalausweisen aber steckt noch mehr dahinter.

Symbolbedeutung des Stickers: Der Hase im Q

Die QAnon-Phrasen »down the rabbit hole« und »follow the white rabbit« sowie die Zeichnungen des weißen Kaninchens beziehen sich auf die Erzählung »Alice im Wunderland« und auf den Film »The Matrix« von 1999. In beiden Filmen verlassen die Hauptfiguren ihre künstliche Scheinwelt und gelangen in die echte Welt. Das weiße Kaninchen und die sich darauf beziehenden Metaphern stehen dafür, dass Menschen beginnen, kleinen Zweifeln nachzugehen und dabei eine gigantische Verschwörung entdecken.

Den Ausweis-Resten lagen seitenlange Erklärungen bei mit der zentralen Aussage, dass die Bundesrepublik eine GmbH sei. „Ich möchte kein Personal sein“ lautet einer der vielen Satzbausteine, die sich in den Briefen wiederfinden, heißt es aus der Verwaltung. Zudem wird die deutsche Staatsangehörigkeit abgelehnt. Solche Schreiben sind auch eine Sache für den NRW-Verfassungsschutz, der die Reichsbürgerszene beobachtet. Ein Sprecher der Polizeibehörde des Märkischen Kreises bestätigt, dass Erkenntnisse über Aktivitäten von Reichsbürgern umgehend an den zuständigen Staatsschutz in Hagen weitergeleitet werden.

Halveranerin weist Vorwurf zurück

Im Gespräch mit der Redaktion weist die Halveranerin, die anonym bleiben möchte, die Vermutung, sie gehöre zu Reichsbürgern, zurück. Den Vorwurf hätte sie bereits von der „Regierungsgruppe Arnsberg“ gehört. Den Personalausweis und den Chip zu zerstören, sei vielmehr eine „ganz persönliche und menschliche Entscheidung“ gewesen. Wer wissen wolle, warum sie sich zum Austritt entschlossen habe, solle sich in „alternativen Medien, die mit dem System nichts zu tun haben“, informieren. Mehr will sie selbst nicht dazu sagen.

In NRW schätzt der Verfassungsschutz die Zahl der Reichsbürger auf etwa 3 200. „Mehrere selbsternannte sogenannte Reichsregierungen bieten eigene Dokumente wie Reisepässe, Führerscheine oder Autokennzeichen käuflich an“, schreibt der NRW-Verfassungsschutz im aktuellen Bericht.

Im Internet werden Mythen verbreitet

Dass sich Menschen vom System abwenden, habe auch mit Corona zu tun, heißt es aus dem Halveraner Rathaus. Dr. Michael Blume, Antisemitismus-Beauftragter des Landes Baden-Württemberg, erklärt, dass hinter Reichsbürgerideologien Verschwörungsmythen stecken. Hinter Behauptungen aus der Querdenker- Szene ebenfalls. Dass sie sich so stark verbreiten, liege auch daran, dass in Zeiten des Lockdowns das Internet immer einen Ort zum Austauschen bot, ist Dr. Michael Blume überzeugt.

Zulauf bekam seit Beginn der Pandemie auch die Q-Anon-Bewegung, die vor Corona in Deutschland eher unbekannt war. Der NRW-Verfassungsschutz beobachtet laut Bericht eine „strukturelle Nähe“ zwischen Querdenker-Bewegung, Reichsbürger-Szene und Q-Anon-Anhängern.

Typische Q-Anon-Phrasen

Querverbindungen finden sich auch in Halver. In den sozialen Netzwerken postet die Frau, die ihren Personalausweis zerstörte, öffentlich Beiträge aus der Q-Anon-Bewegung und schreibt dazu „Glückliche Kinder für unsere Erde 2.0.“ oder „Kinder der neuen Zeit“. In einer ebenfalls öffentlichen Gruppe teilt sie Online-Seminare für „Die Kinder der Zukunft“. An einem „Special Day“ gibt es dort ein Gespräch mit Xavier Naidoo, der als ein Anhänger der Q-Anon-Bewegung gilt.

Im Gespräch mit der Redaktion äußert sich die Frau nicht zu den offenkundigen Bezügen zu Q-Anon. Am Telefon bittet sie die Anruferin nur darum, sich weiter mit dem Thema zu beschäftigen. Dann bekomme man vielleicht Erkenntnis. „Und Erkenntnis verleiht Flügel.“

Q-Anon-Bewegung hinterlässt Spuren in Halver

Solche Aussagen sind typisch für Anhänger dieser Bewegung, finden Sektenexperten wie der Münchener Matthias Pöhlmann. Anhänger von Q-Anon fühlten sich einem Kreis der Wissenden zugehörig, die anderen gelten als die Systemgläubigen. Begriffe wie Erkenntnis, Erwachen oder Bewusstwerdung sind in der Szene weit verbreitet, erklärt der ehemalige Vorsitzende der Landeskirchlichen Beauftragten für Sekten- und Weltanschauungsfragen in der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Öffentlich sichtbar wurden Anhänger der Gruppe in Deutschland erstmals auf Querdenker-Demonstrationen. Dort trugen sie T-Shirts oder Fahnen mit einem „Q“. Spuren dieser Gruppierung finden sich auch in Halver. An der Heerstraße kleben Sticker der Q-Anon-Bewegung – einer an einem Laternenpfahl kurz nach dem Ortseingangsschild Oberbrügge, ein weiterer in Fahrtrichtung Halver kurz vor der Abbiegung zum Marderweg. Der Aufkleber zeigt den Buchstaben Q; Abkürzung und Symbol der Gruppierung, die ihren Ursprung in den USA hat. Seit 2017 verbreitet sie Verschwörungsmythen mit rechtsextremistischem Hintergrund und klaren antisemistischen Überzeugungen. Der NRW-Verfassungsschutz gibt sich in seinem aktuellen Bericht keinen Illusionen hin und spricht von Verschwörungsmythen als verbindendes Element zwischen Querdenkern, Impfgegnern, Reichsbürgern, Q-Anon-Anhängern, Rechtsextremisten und Esoterikern und warnt vor einer Gefahr für die Demokratie: „Es findet eine neue Radikalisierung statt, gespeist aus einem Gefühl der Entfremdung gegenüber dem demokratischen System und der Nichtrepräsentanz der eigenen Positionen im gesellschaftlichen Diskurs.“

Q-Anon auf Bio-Bauernhof

Bekanntschaft mit Q-Anon-Anhängern machte unfreiwillig auch der Biobauer Henning Wolf. Vor kurzem ging ein Aufruf durchs Internet. Der Biobauer brauchte Erntetehelfer, weil eine Maschine defekt war. Ein Mitarbeiter des Biohofes in Oberbrügge kümmerte sich in Eigenregie um Hilfe, wie Bauer Henning Wolf sagt. Dass der Aufruf aber nicht nur auf Facebook geteilt wurde, sondern auch in einer Q-Anon-Gruppe im Messenger Telegram mit mehr als 100 000 Mitgliedern, wusste er nicht. Damit konfrontiert, reagiert er im Gespräch mit dem Allgemeinen Anzeiger überrascht. Sein Mitarbeiter habe den Hilfeaufruf an einen Bekannten weitergegeben, der ihn wiederum an einen Bekannten weitergab. Anders könne er sich das nicht erklären.

Und der Aufruf wirkte. Rund 30 Personen erschienen zum Arbeitseinsatz. Sie halfen bei der Ernte und waren sehr freundlich, erzählt Wolf. Aber er habe bei Gesprächen auf dem Acker auch mitbekommen, dass sie nicht geimpft sind. „Das macht jetzt alles Sinn“, findet Wolf. Die Helfer hätten Kinder dabei gehabt, die sie für die Arbeit auf dem Acker bewusst aus der Schule genommen hatten. Die Helfer kamen zum Großteil aus der Region. Unter anderem aus Olpe und Wuppertal. Mit den Sticker-Spuren in Oberbrügge haben sie aber nichts zu tun. Die klebten bereits vor der Ernte.

Q-Anon-Bewegung: Xavier Naidoo und Attila Hildmann

In Deutschland wurden die QAnon-Behauptungen anfangs vornehmlich von Rechtsradikalen und Protagonisten der Reichsbürgerszene geteilt. Im Zuge der Proteste gegen die Corona-Maßnahmen wurden sie auch in Teilen dieser neuen Bewegung populär. Die prominentesten Verbreiter entsprechender Mythen sind der Sänger Xavier Naidoo und der Kochbuch-Autor Attila Hildmann. So sprach Naidoo beispielsweise von Kindern, die massenhaft gefangen gehalten worden seien. Der Moderator der „Querdenken“-Demonstration, Friedemann Mack, nutzte den Slogan „Where we go one, we go all“ auf der Bühne.

Unter dem Pseudonym Q verbreitet jemand angeblich geheime Botschaften. Hinter Q verstecke sich ein hochrangiger US-Beamter, der über die oberste Sicherheitsfreigabe verfüge und deshalb jede Menge Geheimnisse kenne. In seinen Botschaften berichtet Q von einem apokalyptischen Kampf, der sich im Verborgenen zutrage. Auf der einen Seite stünden finstere Mächte, die das Volk knechteten und sich seit langem im Staatsapparat eingerichtet hätten: Satanisten, Pädophile und Juden. Auf der anderen Seite stehe US-Präsident Donald Trump, der im Weißen Haus aufräumen und die kriminellen Eliten zur Strecke bringen wolle. Für Q-Gläubige ist Trump der Erlöser.

Nach Erkenntnissen der Amadeu-Antonio-Stiftung gibt es hierzulande 150 000 Anhänger – damit zählt Deutschland zur größten Community außerhalb des englischsprachigen Raums. Wie viele Anhänger es wirklich gibt, ist unklar. Klar ist: Die Bewegung wächst. Insgesamt scheint nach einer Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung rund ein Drittel der Deutschen offen zu sein für Verschwörungsmythen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare