Neustart in der Fremde für die Kinder

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Die Familie Chahine: Adam (2), Hamad (34), Lea (4), Mohammed (6) und Rania (28).

Halver - Sie haben alles zurückgelassen. Im Libanon. Ihr Leben und ihre Angehörigen. Als Asylsuchende fangen sie in Halver wieder bei null an. Die Familie Chahine ist seit einem halben Jahr in Deutschland.

Es ist die Sorge um ihre Kinder, die Angst, sie in einem Umfeld aufwachsen sehen zu müssen, das Kindern nicht gerecht werden kann. Keine sichere Zukunft. Keine Perspektive. Krieg, Korruption und Bedrohung. Deshalb fassten Rania (28) und Hamad (34) Chahine vor einem halben Jahr den Entschluss, den Libanon zu verlassen - nach vielen Monaten in Angst und Sorge. Für ihre Kinder, den sechsjährigen Mohammed, die vierjährige Lea und den zweijährigen Adam.

Dreizehn Jahre haben sie im Libanon gelebt. Sie sind Palästinenser. „Im Libanon haben wir nahezu keine Bürgerrechte. Wir fühlen uns nicht als Bürger des Libanon“, erklärt Rania im Gespräch mit dem Allgemeinen Anzeiger. „Palästinenser sind heimatlos.“

Trotzdem fühlten sich die studierte Pädagogin und ihr Mann lange Zeit wohl. Rania arbeitete als Lehrerin an einer Schule. Hamad - der in Dubai geboren wurde - führte ein Restaurant. Die Kinder Mohammed und Lea besuchten bereits die Schule, Adam wurde tagsüber von Ranias Familie betreut.

Drohungen gegen die Familie

In Syrien, das im Norden und Osten an den Libanon grenzt, herrscht Krieg. Immer mehr syrische Flüchtlinge kommen seither über die libanesische Grenze. „Wir haben viele Flüchtlinge in unserer Stadt gehabt“, berichtet Rania. „Einem Großteil ging es schlecht, gerade den Kindern. Sie wurden verfolgt, hatten eine gefährliche Flucht hinter sich und haben vielleicht Angehörige verloren.“ Rania habe daraufhin nicht lange gezögert und holte syrische Flüchtlinge in ihre Schule. Sie kümmerte sich um die Kinder, wollte ihnen ein kleines bisschen Hoffnung geben.

Auch Hamad wollte helfen, beriet sich mit seiner Frau und lud Syrer in sein Restaurant ein. Sie auf der Straße zu sehen, ohne etwas zu tun, kam für beide nicht in Frage. „Gegenüber meines Restaurants steht ein Büro, ein Gebäude der Hisbollah“, sagt Hamad. Den Mitgliedern der Miliz schien das Engagement der Chahines bitter aufzustoßen. „Erst forderten sie uns mündlich auf, die Hilfe zu unterlassen“, berichtet Hamad.

Als weder Rania noch ihr Ehemann den Forderungen Folge leisteten, gingen erste Drohungen der schiitischen Partei bei ihnen ein. Zuerst suchten sie Rania in der Schule auf, dann brachen sie in der Nacht in Hamads Restaurant ein. „Sie zerschlugen mein Mobiliar und richteten ein großes Chaos an“, so Hamad. Auf den Bändern einer installierten Überwachungskamera konnte er Hisbollah-Anhänger zweifelsfrei identifizieren.

Rania: „Doch wir wollten nicht klein beigeben, uns nicht unterdrücken oder einschüchtern lassen.“ Erst als sich die Bedrohungen nicht mehr nur gegen Rania und Hamad, sondern auch gegen die drei Kinder richteten, gaben sie auf. „Auf der Straße wurde ich angehalten. Ein Mann sagte mir, dass sie meine Kinder mitnehmen würden“, erinnert sich Hamad.

Es folgten schlaflose Nächte, das Ehepaar beriet sich, hatte Angst um die Kinder. „Ich möchte, dass meine Familie in Frieden leben kann. Dass meine Kinder eine Zukunft haben und nicht zwischen Krieg, Bedrohung und Verfolgung aufwachsen müssen“, begründet Rania die Entscheidung, den Libanon verlassen zu haben.

Von Dortmund über Bochum nach Halver

„Als Palästinenser ist es schwierig, ein Visum zu bekommen.“ Nach etlichen Bemühungen konnte der Familie schließlich ein Visum für Frankreich ausgestellt werden. Für eine große Summe Geld. Sie verkauften alles - das Restaurant, den Schmuck, ihr ganzes Hab und Gut. Den Rest liehen sie sich: 65 000 Euro kamen zusammen, darin enthalten auch die Flugtickets nach Paris. „Dass es uns möglich war, diesen Weg zu gehen, ist nicht selbstverständlich. Der Großteil der Flüchtlinge hat bereits alles verloren, bevor die Flucht beginnt. Sie haben keine Möglichkeit mehr, Geld beiseite zu schaffen oder Eigentum zu verkaufen, sondern müssen unendliche Strapazen auf sich nehmen, um in ein sicheres Land zu gelangen“, sagt Rania.

Von Dortmund führte sie ihr Weg zunächst zum Bundesamt für Migration. Nach drei Wochen in Bochum kamen sie schließlich nach Halver und wohnten zunächst in der Notunterkunft am Bahnweg. Zu fünft bewohnte die Familie ein Zimmer. Und dort trafen sie auf Bärbel Meyrich, die sich stark in der Flüchtlingsinitiative Halver engagiert. Die Familie und die Halveranerin fanden schnell zueinander. „Die Chahines sind unglaublich motiviert“, begründet Bärbel Meyrich ihren Einatz für die Familie. Sie besorgte zunächst Mohammed einen Platz im evangelischen Kindergarten „Pusteblume“ und setzte sich alsbald dafür ein, der Familie eine größere Bleibe zu besorgen. Seit dem 1. April bewohnen sie ein Appartement der Wohnungsgesellschaft Halver-Schalksmühle (WHS), das zur Verfügung gestellt wurde.

Aufgrund des laufenden Asylverfahrens dürfen die Chahines derzeit noch nicht arbeiten. Wie lange die Bearbeitungszeit ihres Antrages noch dauert, kann nicht genau gesagt werden. Die zuständigen Stellen sind überlastet. Trotzdem engagieren sich Rania und Hamad und bringen sich ein. Im Bahnweg organisiert Rania die Kinderbetreuung und hilft dort Familien. Viermal in der Woche besuchen sie und ihr Mann einen Deutschkurs. „Verstehen können wir schon vieles, sprechen immer mehr“, sagt Hamad über die Bemühungen der Familie, alsbald in Deutschland Fuß zu fassen. Rania würde gern wieder als Lehrerin arbeiten, sie spricht fließend Englisch.

Mohammed wechselt nach dem Sommer auf die Lindenhofschule. Lea kommt in den Kindergarten. „Er berichtigt uns manchmal, wenn wir zu Hause Deutsch lernen“, lacht Rania. Es sei ihr sehr wichtig gewesen, so früh wie möglich mit der Integration und der Bildung der Kinder in Deutschland zu beginnen. Dass ihnen Bärbel Meyrich bei den ersten Schritten so unter die Arme gegriffen hat, ist für Rania und Hamad nicht selbstverständlich. „Wir sind unendlich dankbar für die Unterstützung, die wir bisher in Deutschland und speziell in Halver erfahren durften“, sagt Rania. „Wir möchten gern etwas zurückgeben und uns einbringen.“ Dass sie all ihre Existenz aufgegeben haben und bei null anfangen müssen, lässt sie nicht verzagen. „Es geht um unsere Kinder. Dafür hat sich all das gelohnt.“

Die Flüchtlingshilfe Halver bittet darum, leerstehende Wohnungen für Flüchtlingsfamilien zur Verfügung zu stellen. Wer dazu bereit ist, kann sich unter Telefon 0 23 53/29 00 informieren. Wer an einer Patenschaft interessiert ist, sollte sich unter 0 23 53/55 98 melden. Auskünfte aller Art über die Arbeit der Flüchtlingshilfe Halver gibt es zudem unter der Nummer 0 23 53/1 39 89 78.

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