Moschee geöffnet

Ramadan und Corona: Mit eigenem Teppich zum Gebet     

Gebet in der Moschee: Markierungen auf dem Boden mit Klebestreifen geben vor, wo der Gebetsteppich ausgebreitet werden darf. Die Anzahl ist stark begrenzt, sonst stehen die Gläubigen Schulter an Schulter.
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Gebet in der Moschee: Markierungen auf dem Boden mit Klebestreifen geben vor, wo der Gebetsteppich ausgebreitet werden darf. Die Anzahl ist stark begrenzt, sonst stehen die Gläubigen Schulter an Schulter.

Die Moscheen sind geöffnet. Mit Hygienekonzepten. Wir waren zu Besuch beim Gebet und haben mit Muslimen darüber gesprochen, wie Ramadan momentan erleben.

Halver - 13.34 Uhr. Das zweite Gebet am Sonntag steht an. Erst kurz vorher kommen die ersten Gläubigen zur Moschee an der Schützenstraße. Sie tragen Maske, ziehen ihre Schuhe aus und treten einzeln ein. Statt der Gebetswaschung gibt es am Eingang Desinfektionsmittel. Die auf Arabisch genannte Wudu muss bereits zu Hause durchgeführt werden. Beim Eintreten nennt jeder seinen Namen und wird in eine Liste eingetragen.

Unterm Arm oder in einem Stoffbeutel haben die von den Frauen separierten Männer ihren Gebetsteppich – ein eigener ist wegen Corona Pflicht. Sonst reicht der Teppichboden im Gebetsraum aus – jetzt ist es der eigene Teil des Hygienekonzepts. Manch ein Teppich ist zusammengefaltet gerade mal so groß wie ein Handy und passt in die Jackentasche. Der Stoff ist dünn, der Teppich neu –extra für die neue Regel angeschafft.

Jeder Besucher des gemeinsamen Gebets geht zielgerichtet an seinen Platz, die Anzahl ist begrenzt, Gespräche entstehen nicht. Der Gebetsruf beginnt und die Anwesenden wirken konzentriert.

Es ist Ramadan (» Infokasten). Der heilige Monat der Muslime. Fastenzeit. Von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang essen und trinken sie nichts. 30 Tage lang. Am 12. Mai endet der Monat mit dem Zuckerfest. Der Begriff ist bekannt, eigentlich aber heißt es Ramadanfest, sagt Fatma Günal, Mitglied des Vorstandes der Halveraner Moschee.

Bedeutung Ramadan

Laut islamischer Tradition war der Prophet Mohammed der erste Moslem, der im Ramadan fastete. Er dient den Muslimen als Vorbild; das Fasten symbolisiert die Verbundenheit des Gläubigen mit seinem Schöpfer. Während der Fastenzeit sollen Körper und Seele gereinigt werden. Aber auch die Gemeinschaft und die Solidarität mit den Schwachen und Armen ist in diesem Monat besonders wichtig.

Das Fasten ist die Dritte von fünf Säulen im Islam. Das eigentliche Ziel des Fastens ist, Gottes Anerkennung zu erlangen. Deshalb wird am Tage sowohl keine Nahrung aufgenommen als auch die Enthaltsamkeit des Menschen dargelegt. Muslime sind ab der Pubertät diesem Gebot verpflichtet.

Das Fest war bereits 2020 ein anderes. Und auch dieses Jahr wird es wieder so sein. Neu ist die Ausgangssperre, die Einfluss auf das Tarawih-Gebet hat. Muslime beten es nur im Fastenmonat Ramadan. Das Tarawih ist in viele Abschnitte unterteilt. Auch eine kurze Fassung dauert eigentlich mindestens 20 Minuten und beginnt jeden Tag zu unterschiedlichen Zeiten, jedoch zwischen 21 und 22 Uhr.

Das Gebet wurde wegen Corona verkürzt, „damit man sich so kurz wie möglich in der Moschee aufhält“, sagt die Halveranerin. Die Mitglieder der Moschee sind im regelmäßigen Austausch mit der Stadt – sie hat dem Gebet zugestimmt, wie es auch die Ditib (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion, » Infokasten) getan hat, die der Träger der Halveraner Moschee ist.

Ditib-Kontroverse

Die Ditib (türkisch: Diyanet Isleri Türk Islam Birligi) ist die größte sunnitisch-islamische Organisation in Deutschland. Der Verein untersteht der dauerhaften Leitung, Kontrolle und Aufsicht des staatlichen Präsidiums für religiöse Angelegenheiten der Türkei, das heute dem Präsidenten direkt unterstellt ist. Seit September 2018 prüft das Bundesamt für Verfassungsschutz eine Einstufung der Ditib als Verdachts- oder Beobachtungsobjekt.

Jeder, der das Nachtgebet ab 21 Uhr in der Moschee verrichtet, erhält ein Dokument, das als Nachweis bei der behördlichen Anhörung im Fall einer Kontrolle wegen der Ausgangssperre dient. Es wird darin bescheinigt, dass derjenige sich zwecks Nachtgebet in der Moschee aufhielt, erklärt Fatma Günal.

„Wir sind aufgefordert, die Moschee nach dem Gebet zügig zu verlassen und uns ohne Umwege nach Hause zu begeben.“ Denn ab 22 Uhr muss man eigentlich zu Hause sein. „Aufgrund der Ausgangssperre können wir uns dieses Jahr leider nicht zum gemeinsamen Fastenbrechen treffen.“ Ob privat oder gemeinsam in der Moschee. „Beides ist leider nicht mehr möglich“, sagt Günal. Die Gemeinschaft ist das, was am meisten fehlt.

Vor Corona wurde wöchentlich unter freiem Himmel vor der Moschee das Fasten gebrochen. „Das war immer ein sehr schöner Moment“, sagt Günal. „Das gemeinsame Fastenbrechen gehört einfach dazu. Dass es entfällt, macht uns traurig, aber die Gesundheit geht vor.“

Warum fastet man eigentlich?
Durch das Fasten trainiert der Mensch mit seinem Willen umzugehen und seine Triebe unter Kontrolle zu halten
Wozu dient das Nachtgebet?
Das Tarawih-Gebet stärkt in der Gemeinde, Gefühle wie Freude und Eifer zu teilen. Es ist das Gebet, das nachts speziell im Ramadan zusammen mit dem täglichen Nachtgebet verrichtet wird und das Fastenbrechen einleitet.
Was sind Sahur und Iftar?
Sahur ist das Essen, womit man sich vor dem Beginn des Fastens bei Frühlicht für das Fasten tagsüber stärkt. Das Iftar ist das Mahl am Abend.
Kann man alles essen?
Ja, jeder isst, was er möchte. Manche essen sogar gar nichts, weil einem mal nicht danach ist. Häufig wird mit Datteln oder Wasser das Fasten gebrochen.
Fällt es schwer, zu fasten?
„Dank des milden Wetters bekomme ich kaum Durst und Hunger, aber jeder empfindet das Fasten anders“, sagt Fatma Günal. Der eine hungert den ganzen Tag, der andere wiederum gar nicht. „Ich gehe jeden Tag in den Wald und mache einen Spaziergang. Dadurch vergeht die Zeit schneller und man denkt nicht ans Essen und Trinken. Tag für Tag gewöhnt man sich mehr ans Fasten. Manchmal ist man am Abend mit einer vollen Tasse Suppe schon satt. Ich komme zum Beispiel mit zwei belegten Scheiben Brot, etwas Obst und mit viel Wasser den ganzen Tag gut aus. Mehr braucht mein Magen nicht. Nach dem Abendmahl isst man auch noch zwischendurch Kleinigkeiten.“
Und die Kinder?
Schwangere, Kranke oder stillende Frauen müssen nicht fasten. Kinder auch nicht. Für sie gibt es aber ähnlich wie für Weihnachten eine Art Kalender. Jeden Tag im Ramadan bekommen sie eine Kleinigkeit. Süßes, einen Vers aus dem Koran oder etwas zum Basteln.
Und was passiert am Zuckerfest?
Es findet am 12. Mai statt. Man sagt in Deutschland Zuckerfest dazu, aber richtig heißt es Ramadanfest. Zuckerfest wurde es benannt, weil es viele Süßigkeiten wie Bonbons oder Baklava gibt, sagt Günal. Die Vorbereitungen für das Fest beginnen bereits während der letzten Ramadan-Tage, an denen die meisten Muslime große Mengen an Süßwaren und andere Spezialitäten für das Fest kaufen oder selbst zubereiten. Eigentlich feiert man den Abschluss des Monats mit der Familie, aber wegen Corona ist das nicht möglich.

Fasten in anderen Religionen

Der Brauch des Fastens ist Jahrtausende alt und nicht nur im Islam, sondern auch in anderen Religionen fest verwurzelt. Christen begehen das Fasten als Vorbereitung auf Ostern, das Fest der Auferstehung Jesu. Die christliche Fastenzeit dauert von Aschermittwoch bis Ostern und ist ein Zeichen der Buße, Trauer und inneren Reinigung.

Die Juden haben mehrere Fastentage. Der strengste Fastentag ist der Versöhnungstag Jom Kippur. Hier dürfen die Gläubigen eine ganze Nacht und den darauffolgenden Tag weder essen noch trinken. Aber auch auf materielle Dinge wird verzichtet.

Anders als Islam, Christen- oder Judentum kennt der Buddhismus keine festgelegte Fastenzeit. Dennoch spielt der Verzicht hier eine große Rolle. Er dient vor allem zur inneren Einkehr. Der Hinduismus kennt ebenfalls keine einheitlichen Fastenzeiten. Manche Hindus fasten zum Ehrentag Shivas, andere zu Krishnas Geburtstag. Wieder andere folgen mit ihrem Verzicht auf Nahrung dem Beispiel Mahatma Gandhis und wollen damit ein politisches Statement setzen. Eine ritualisierte Extremform des Fastens ist das sogenannte Prayopavesa, das den Selbstmord durch Fasten in Kauf nimmt. Allerdings ist es nur Menschen vorbehalten, die keine Verpflichtungen mehr im Leben haben.

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