„Präcise um 5 Uhr ein Hoch auf unseren Kaiser“

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Ursula Frevel blättert im Programmheft des Gemischten Chores Adler, das sie von ihrer Mutter bekam. ▪

HALVER ▪ „Der Text dieses herrlichen Festchores gab darauf die Disposition zu einer kurzen und schönen Ansprache seitens des Herrn Dirigenten“, so steht in der Halverschen Zeitung zu lesen. Vor genau 120 Jahren war dies der weit über Halver hinaus bekannte Lehrer und Geigenbauer Julius Vahlefeld, der den Gemischten Chor Adler aus Anlass seines ersten Stiftungsfestes zu den Worten „Freudenklänge, Festgesänge, steigt empor zum Himmelszelt“ animierte.

Ein neues Bücherregal, das die Halveranerin Ursula Frevel sich vor einigen Wochen zulegte, brachte bei der Sortierung des beachtlichen Bücherbestandes ein Heft zutage, das mit „Konzert-Programm“ überschrieben ist. Die heute 85-Jährige erinnert sich, dass sie es von ihrer Mutter bekommen hat und diese wiederum von Hauptlehrer Karl Schulte, als Pädagoge Nachfolger von Julius Vahlefeld. In feinster Schneid-, Klebe- und Handarbeit hat Schulte das schwarze Heft mit Programmen, Liedblättern, Satzungen und wohlwollenden Kritiken aus der Halverschen Zeitung über die Aktivitäten des Gemischten Chors Adler geführt.

Die Halversche Zeitung, deren Rezensenten voller Begeisterung für diese Chorgemeinschaft waren, wurde am 11. August 1880 erstmals gedruckt und herausgegeben von Hermann Köster, Inhaber der Firma Georg Wilh. Köster. Die Treffen und zum Teil auch die Konzerte des Gemischten Chores fanden im Gasthof zum Adler an der Frankfurter Straße statt. Dieser wurde 1935 abgebrochen und 1936 auf dem Grundstück ein mehrteiliges, dreistöckiges Geschäftshaus errichtet (heute: Kortmann, HSL, Rechermann).

„Das Concert wurde mit einer Lustspiel Ouverture, gespielt von den rühmlichst bekannten Herren Axt aus Hagen eröffnet...“ heißt es in der Halverschen Zeitung unter dem 9. Juli 1889, und am 22. September 1890 wird konstatiert, dass „der Chor einen schnellen bemerkenswerten Aufschwung“ genommen habe. Natürlich wird auch immer wieder in „kernigen, von Herzen kommenden kurzen Ansprachen unseres allverehrten Kaisers Wilhelm II. gedacht.“ Die Sommerkränzchen erfreuen sich großer Beliebtheit, und in einem Spezialprogramm gibt es „Tyroler- und Alpenlieder“. Geselligkeit und Tanz hatten ihren Platz, und es gab ein „Wohlthätigkeits-Conzert zum Besten der Abgebrannten in Meinerzhagen“. Verkauft wurden „200 Billets à 75 Pfg.“ Am 21. Februar 1905 gab es eine karnevalistisch-humoristische Abend-Unterhaltung, die um „7 Uhr 29 Minuten 11 Sekunden“ begann, und auch sonst legte man Wert auf Pünktlichkeit, denn im Programm eines Schüler-Konzertes mit 40 kleinen Mitwirkenden unter Vahlefelds Leitung heißt es „Anfang präcise 5 Uhr“. Eine Zeit, da der Klang des deutschen Liedes „als veredelnd die Sitten, tröstend und erhebend in Leid und Freud und treuer Begleiter“ betrachtet wurde. ▪ Christa Knitter

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