Pflege als Perspektive für Langzeitarbeitslose

Hand in Hand: Viele ältere Menschen sind auf Hilfe angewiesen. Auf welcher Basis einige Pflegekräfte eingestellt werden könnten, wird derzeit diskutiert. ▪ Weber

HALVER ▪ Wie ist es um die Zukunft der Altenpflege bestellt? Mit der Wehrpflicht endet bis auf Weiteres auch die Zeit des Zivildienstes – und so treibt diese Frage nicht nur die Bundespolitiker um, sondern auch die Verantwortlichen in den betroffenen Einrichtungen vor Ort, sprich: im Seniorenzentrum Bethanien und im Haus Waldfrieden.

Für Zündstoff sorgte dabei der Vorschlag einiger CDU-Politiker, künftig Hartz-IV-Empfänger zum Sozialdienst zu verpflichten. Eine Idee, die Claudia Schumann skeptisch sieht. Grundsätzlich habe zweifellos jeder Mensch eine Chance auf dem Arbeitsmarkt verdient, betont die Leiterin des Seniorenzentrums Bethanien. Die Erfahrung lehre jedoch: „Man muss immer im Einzelfall sehen, ob diese Personen überhaupt befähigt sind, solch eine Aufgabe zu bewältigen.“ Das könne durchaus der Fall sein – auch derzeit würde eine Mitarbeiterin vom Jobcenter mitgetragen.

Auf das Ende des Zivildienstes reagiere man jedoch bevorzugt mit dem Angebot so genannter Jahrespraktika: So gebe es immer wieder Schüler – etwa des Gertrud-Bäumer-Berufskollegs –, die ihre Kasse an ihren schulfreien Tagen mithilfe der Praktikumsvergütung aufstocken wollen. Verstärkt werden sollen an der Bachstraße auch die Bemühungen um Kräfte, die ein Freiwilliges Soziales Jahr absolvieren – im Sommer startet bekanntlich der „Bundesfreiwilligendienst“, durch den der Wegfall des Zivildienstes kompensiert werden soll (wir berichteten).

Und auch am Hälversprung schaut man besorgt in die Zukunft – doch Waldfrieden-Leiter Bernd Lauermann kann dem Vorschlag der CDU zum Einsatz von Hartz-IV-Empfängern in Pflegeberufen durchaus etwas abgewinnen. „Ich glaube nicht, dass damit eine Zwangsverpflichtung der Betroffenen gemeint ist. Vielmehr will man aufzeigen, dass es in diesem Bereich Ressourcen gibt.“ Letztlich gelte – wie in jedem anderen Job – auch hier, dass der Mitarbeiter für die Tätigkeit geeignet sein muss. Dabei habe man im Haus Waldfrieden bereits positive Erfahrungen mit solchen Mitarbeitern gemacht, die durch das Jobcenter vermittelt wurden. Lauermann: „Ich glaube, dass jeder Mensch das Recht auf Arbeit hat und viele Hartz-IV-Empfänger seelisch stark verwundet sind, da ihnen durch fehlende Hilfsarbeitsstellen oder zu hohen Leistungsdruck die Möglichkeit, zu arbeiten, vorenthalten wird.“ Anhand eines jungen Mannes aus Kierspe habe der Waldfrieden-Leiter zuletzt erfahren, wie wertvoll ein geregelter Berufsalltag für solche Menschen sein kann, die lange Zeit keiner geregelten Arbeit nachgehen konnten – aus welchen Gründen auch immer. „Als der Mitarbeiter nach drei Wochen seinen eigenen Schlüssel zur Einrichtung bekam, ist er um zehn Zentimeter gewachsen“, erinnert sich Lauermann. Der Kiersper habe bewiesen, dass er für Hilfstätigkeiten im Rahmen eines so genannten Midi-Jobs geeignet ist: Er tritt am 1. Juni ein auf zwei Jahre befristetes Langzeitpraktikum an, das entsprechend der Möglichkeiten für Hartz-IV-Empfänger entlohnt wird.

Diesbezüglich arbeite die Einrichtung mit dem Bildungsträger Nestor zusammen, mit dem auch ein weiteres Modell zur Eingliederung Langzeitarbeitsloser besprochen werden soll: „Wir haben zwei Mitarbeiter, die in Halver etwa in Form einer Wohngemeinschaft leben und auch abseits der Arbeit entsprechend betreut werden könnten“, so die Idee von Bernd Lauermann. Denn er weiß, dass es nicht nur gilt, einen Job zu haben, sondern auch, das Milieu zu wechseln, um langfristig Fuß zu fassen. ▪ Frank Zacharias

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