Vortrag am AFG thematisiert Erziehung in der NS-Zeit

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Matthias Wagner erzählte den Pädagogik-Kursen des AFG etwas über Erziehung in der NS-Zeit. Organisiert und moderiert wurde der Vortrag von Nelly Sczudlik (links) und Ida Kerspe.

Halver - Die NS-Zeit stand am Dienstag im Zentrum eines Vortrags für die Pädagogik-Kurse des Anne-Frank-Gymnasiums (AFG). Referent Matthias Wagner ging dabei auf regionale Nazi-Größen ein, beleuchtete aber auch, wie Kinder und Jugendliche damals im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie erzogen wurden.

Die Schülerinnen Ida Kerspe und Nelly Sczudlik hatten den Vortrag für die Pädagogik-Grund- und Leistungskurse des AFG organisiert, nachdem ihr Kurs die Ausstellung „Gesichter und Geschichten – Zwischen Diktatur und Demokratie“ in Lüdenscheid besucht hatte. Diese sowie weitere Ausstellungen hatte Matthias Wagner konzipiert und berichtete den Schülern von seiner jahrelangen Auseinandersetzung mit der NS-Zeit.

Der 72-jährige frühere Lehrer sei in den 1980ern in Lüdenscheid von seinen Schülern gefragt worden, was zwischen 1933 und 1945 in ihrer Region passiert sei. Bei der Suche nach Antworten sei man zunächst vor Mauern gelaufen.

Erste Projekte beschäftigten sich mit dem Zwangsarbeiterlager im Versetal. „Dort sind 500 Menschen gestorben, aber da durfte man nicht drüber sprechen“, sagt Wagner. Das Thema habe ihn nicht mehr losgelassen. Er engagierte sich im Verein Ge-Denk-Zellen Altes Rathaus Lüdenscheid, der unter anderem Hinweistafeln zu Opfern der NS-Zeit anbrachte. In der Folge entstanden verschiedene Ausstellungen, zunächst zum Thema „Verführer und Verführte“.

Auch über regionale Nazi-Größen und desillusionierte jugendliche Mitläufer – Verführer und Verführte – sprach Wagner.

 

Wichtigste Nazi-Größen in der Region

Als Verführer bezeichnete Wagner die führenden Nationalsozialisten in Lüdenscheid und Umgebung, zu denen er geforscht hatte. Erstens Kreisdirektor Walter Borlinghaus und der von ihm eingesetzte Bürgermeister von Lüdenscheid Karl Schumann. Diese seien für die Umsetzung der nationalsozialistischen Politik verantwortlich gewesen.

Als dritten nannte er den Lüdenscheider Polizeichef Poppe Jansen, der einerseits Kommunisten mit aller Härte verfolgte, andererseits aber als Freund der jüdischen Bevölkerung galt, da er diese vor Pogromen warnte. Diese Hilfe ließ er sich nach dem Krieg von überlebenden Lüdenscheider Juden bestätigen und konnte so seine Polizeikarriere fortsetzen und hochdekoriert in den Ruhestand gehen. Dabei war er im Krieg als Hauptmann und Major der Reichspolizei an der Ermordung Tausender Juden im Kaukasus und auf dem Balkan beteiligt gewesen.

Indoktriniert in Schule und Jugendverbänden

Wagner schilderte, wie Kinder und Jugendliche in der Schule und den NS-Jugendorganisationen im Sinne der Ideologie erzogen und indoktriniert – oder verführt – wurden. „Die Mädchen sollten vor allem auf die Mutterrolle vorbereitet und die Jungen im Kampfgeist zu Soldaten erzogen werden“, umriss er die Schwerpunkte der Erziehung. Prügelstrafen in der Schule hätten ebenso dazugehört wie von Gewalt geprägte Geländespiele bei der Hitlerjugend. „So lief man mit in dieser gleichgeschalteten, uniformierten Gesellschaft, die immer gewalttätiger wurde.“

Als eine Verführte nannte er Hanna Schleppe, die mehrere Jahre als BDM-Scharführerin selbst an der Indoktrinierung Gleichaltriger beteiligt war. Sie habe aber immer mehr Zweifel bekommen, weil sie hörte, was an der Front passierte, dass Juden ermordet wurden und behinderte Kinder verschwanden, erzählte Wagner. Also gab sie die Arbeit beim BDM auf, obwohl sie damit ihr Ziel, Abitur zu machen und Lehrerin zu werden, aufs Spiel setzte. „Das ist so bärenstark, das in der zwölften Klasse zu machen, das hätte ich nicht geschafft.“

Neue Ausstellung zu Euthanasie-Programm

Dieses Beispiel gehört auch zu den 30 Erfahrungsberichten im Zentrum der Ausstellung „Gesichter und Geschichten“, in der Menschen von ihrer Kindheit und Jugend in der NS-Zeit berichten. Eine weitere Ausstellung befasst sich mit dem NS-Euthanasie-Programm. Sie ist unter dem Titel „Im Gedenken der Kinder – Die Kinderärzte und die Verbrechen an Kindern in der NS-Zeit“ vom 29. Oktober bis zum 7. Dezember im Rathausfoyer der Stadt Lüdenscheid zu sehen und soll später auch nach Halver kommen.

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