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Öko-Projekt vor Wohnungsbau: Nachhaltigkeitsmangel soll Priorität haben

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Von: Sarah Lorencic

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Wald
Wiederaufforstung, ökologische Flächen und mehr sieht das Öko-Projekt in Halver in einem Gebiet vor. © Matthias Bein/dpa-Zentralbild/ZB/Symbolbild

War Wohnungsbau noch möglich und solle politisch diskutiert werden, sind die Projekt-Entwickler jetzt eher dagegen und wollen „Natur pur“. Es gebe einen Nachhaltigkeitsmangel und keinen Wohnungsmangel.

Halver – „Natur pur“ stellt sich der Erste Beigeordnete der Stadt Halver, Simon Thienel, im Gebiet rund um den Winkhof vor. Gemeinsam mit Klaus Brunsmeiner vom Verein Heesfelder Mühle ist ein ökologisches Projekt auf den Flächen geplant. In der Vorlage für den Planungsausschuss war sogar die Rede von einer Chance, das Gebiet als Naturschutzgebiet auszuweisen. Nur kurz angerissen wurde hingegen die Möglichkeit einer Wohnbebauung und nur in den Lageplänen war zudem eine Photovoltaik-Anlage auf einer derzeitigen Grünfläche ersichtlich.

Im Planungsausschuss am Mittwoch ging es dann aber eben nur noch um „Natur pur“, die Stadt wolle „keine Bebauung und keine PV-Anlage“, betonte Thienel. Vielmehr sprach er von einem „ganz besonderen Gebiet“, nämlich dem, in dem die Hälver entspringt und damit auch ein Stück Stadtgeschichte.

Man will einen Mehrwert für Halver schaffen und mit ökologischen Maßnahmen wie Aufforstungen, Extensivierungen und Renaturierungen zudem Öko-Punkte sammeln. Diese machten die Entstehung des Gewerbegebiets Leifersberge, wo eine Waldfläche versiegelt werde – wenngleich möglichst ökologisch (» 2. LOKALSEITE) –, nämlich erst möglich, so Thienel. Heißt: Eigentlich muss das Öko-Projekt vor allem realisiert werden, damit sich an anderer Stelle Industrie ansiedeln kann. Und die steht in den Startlöchern (» INFOKASTEN).

Ökonomie und Ökologie werden zusammengeführt, sagt Thienel. Für Halver sei das „ein sehr großes Projekt“. Weil das Thema aber nur unter dem Tagesordnungspunkt „Bekanntmachungen“ platziert wurde, war eine ausführliche Diskussion über das Projekt nicht möglich, woran Vorsitzende Martina Hesse (CDU) erinnerte. Sie ließ jedoch aufgrund der Größe und Wichtigkeit dieses geplanten Projekts die Fraktionen Stellung beziehen. Aus den Reihen gab es nur Lob und Zustimmung. Die SPD freue sich, wie Martin Kastner sagte. Die Grünen, die „sonst die Meckerer seien“, wie es Uwe Leinung mit einem Augenzwinkern sagte, stehen ebenfalls hinter dem Projekt. Monika Ebbinghaus (CDU), die aufgrund fehlender Auseinandersetzung innerhalb ihrer Fraktion nur für sich sprach, findet die Idee „toll“. Die FDP, vertreten von Sascha Gerhardt, hatte so etwas ohnehin schon immer „vor Augen“, wie er sagte, und auch die UWG stehe „voll hinter dem Projekt“, wie Benedikt Haake sagte.

Großes Interesse an Gewerbegebiet Leifersberge

Auf Nachfrage von Martin Kastner (SPD), führte Simon Thienel aus, dass es eine große Nachfrage für das Gewerbegebiete Leifersberge gebe. Trotz der derzeitigen Lage seien die Unternehmer willens, sich zu erweitern. Sie „wollen, können und müssen“ erweitern, wie sie Thienel gegenüber äußerten. Die Bedenken der Ausschussmitglieder versuchte der Beigeordnete zu nehmen und sagte: „Es gibt einige Hidden Champions in Halver.“ Fünf bis acht Unternehmen, fast ausschließlich aus Halver, würden sich in Leifersberge ansiedeln, sagt Thienel. Einigen Unternehmern musste er schon sagen, dass es für sie keinen Platz mehr gibt – vor allem denen von außerhalb.

Allerdings waren UWG und CDU von einer möglichen stadtnahen Wohnbebauung gar nicht so abgeneigt wie Simon Thienel, der in Halver „keinen Wohnungsmangel, sondern eher einen Nachhaltigkeitsmangel“ sehe. Direkt gegenüber vom Winkhof, hieß es aus der UWG, könne man sich eine Bebauung vorstellen. Kanäle würden dort ohnehin schon liegen. Selbst die Straße sei bereits da und müsse nicht zusätzlich versiegelt werden, wie es im geplanten Neubaugebiet Herksiepe/Schillerstein der Fall wäre, merkte Monika Ebbinghaus an.

So kam die Diskussion in der Politik doch kurz im Ausschuss auf, wie sie Thienel sich in der Vorlage gewünscht hatte. Für ihn aber stehe die Natur im Fokus. „Jeder Meter kostet Öko-Punkte“, gab er zu bedenken.

Zu Wort kam in einer Unterbrechung der Sitzung auch ein Bürger: Ulrich Kessler. Er ist seit 2014 Pächter einiger der Flächen im Plangebiet. Gespräche hatte er bereits mit Simon Thienel im Vorfeld, wollte aber seine Bedenken auch dem Ausschuss mitteilen. Dass die PV-Anlagen nicht mehr zur Planung gehören, wunderte ihn, immerhin sei das Thema vor wenigen Wochen noch aktuell gewesen. Für ihn sei das eine gute Nachricht.

Wir wollen keine Bebauung und keine PV-Anlage.

Simon Thienel Erster Beigeordneter

Doch er hatte noch mehr Anmerkungen. Er bezweifele das Sammeln von Öko-Punkten in dem Gebiet, das er ohnehin schon ökologisch bewirtschafte. Ihm stelle sich die Frage, inwieweit eine ökologische Landwirtschaft noch möglich sein werde. Er habe gerade Klee eingesät und würde die Flächen auch gerne weiter pachten. Er pflege sogar die Umgebung, die sehr stark frequentiert sei. Das Naherholungsgebiet werde so sehr genutzt, dass man überall Gefahr laufe, in Hundehaufen zu treten, merkte er an. Illegal entsorgte Autoreifen und Müll sammele er selbst immer wieder ein. Ob das ein Naturschutzgebiet werden kann? Er plädierte stattdessen für eine nachhaltige Nutzung, auf der Landwirtschaft noch möglich sei. Von einem Naturschutzgebiet, brachte sich Martina Hesse (CDU) kurz ein, sei man ohnehin sehr weit entfernt.

Thienel zeigte sich überrascht über den Auftritt Ulrich Kesslers und bot ihm erneut ein Gespräch unter vier oder sechs Augen mit Blick auf den Sohn von Kessler an. Seine Landwirtschaft, sicherte Thienel zu, sei nicht betroffen. Und grundsätzlich schenke er Experten vom Fach in diesem Thema Vertrauen. In dem Gebiet, sagt Thienel, „ist noch Luft nach oben“.

Wie Kessler nach dem Ausschuss unserer Redaktion sagte, hatte er bereits eine Kündigung der Flächen erhalten. Daraufhin suchte er das Gespräch und erfuhr, dass die Kündigung „nicht so gemeint war“. Jetzt hofft er auf ein weiteres gutes Gespräch mit Thienel.

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