Todesangst am Strand

Oberbrügger Familie bekommt Terroranschlag von Sousse hautnah mit

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Ein handschriftliches „Why“ (englisch für „warum“) steht auf der Seite eines aufgeschlagenen Buches am Strand des Hotel Imperial Marhaba in Sousse (Tunesien). Mindestens 38 Menschen starben am Freitag bei dem Terroranschlag.

Oberbrügge/Sousse - Sie erlebten einen Albtraum, waren ganz nah dran am Terror – Yvonne und Dirk Kreuzburg wollten eigentlich gemeinsam mit ihrer Schwester und dem Neffen eine Woche Urlaub im tunesischen Badeort Sousse verbringen. Doch am vergangenen Freitag zerstörte ein Attentäter mit einem unvorstellbaren Terrorakt alle Urlaubsträume. Nur wenige Meter neben den Strandliegen der Oberbrügger Familie.

„Warum ich die Eingebung hatte, umzudrehen und nicht weiterzugehen, kann ich mir nicht erklären. Aber ich bin so froh, dass es so gekommen ist.“ Yvonne Kreuzburg ist noch immer tief geschockt von den Vorkommnissen, die sie und ihre Familie vor einer Woche in Tunesien miterleben mussten. Zu Viert hatten sie eine Woche Sommer, Strand und Meer in Sousse gebucht, im El Mouradi Palm Marina Hotel.

In direkter Nachbarschaft – nur wenige Meter entfernt – liegt das Hotel Imperial Marhaba, an dessen Strandabschnitt 38 Menschen bei dem Terroranschlag ums Leben kamen.

Yvonne Kreuzburg und ihre Schwester machten an jenem Tag vor einer Woche einen Strandspaziergang in Richtung des benachbarten Imperial-Hotels. „Die Strandabschnitte gehen ineinander über, die Urlauber der Hotels vermischen sich“, berichtet die 49-jährige Oberbrüggerin im Gespräch mit dem Allgemeinen Anzeiger. Als sie das Imperial-Hotel erreichen, überfällt Yvonne Kreuzburg ein Unwohlsein. „Ich sagte zu meiner Schwester, dass es mir dort nicht gefällt. Und ich bat sie, umzudrehen.“ Nur wenige Momente später fielen direkt hinter ihnen die ersten Schüsse. Erst langsam, dann immer schneller.

„Zuerst begriffen wird nicht, was gerade passierte. Doch als die Menschen anfingen zu schreien, und jemand ,Terroristen’ rief, packte uns die Angst.“ Sie liefen zurück zum Hotel. Ein befreundeter Tunesier, der mit einer Britin verheiratet ist und auch dort Urlaub machte, packte die beiden Oberbrüggerinnen und zog sie zu einem Nebeneingang ihres Hotels. Yvonne Kreuzburg: „Mein erster Gedanke war, dass ich meine Tochter nie wieder sehe. Der zweite Gedanke war, ,gut, dass sie nicht hier ist’.“

„Dir tue ich nichts“, sagte der Attentäter

Der befreundete Tunesier war noch näher an dem Attentäter dran. Abends im Hotel hatte er berichtet, dass er sah, wie der Mann sein Gewehr aus einem Handtuch holte. Er sei auf ihn zugegangen, habe ihn angesprochen. Daraufhin hatte ihn der Terrorist angelacht und gesagt: „Dir tue ich nichts.“ Danach drehte er sich um und verrichtete sein Blutbad. Der Tunesier packte seine Frau und packte auf dem Weg zum Hotel die beiden Oberbrüggerinnen mit sich.

Dirk Kreuzburg lag zu diesem Zeitpunkt auf einer Liege und dachte zunächst an ein Feuerwerk. Auch er realisierte erst nach den Schreien der Urlauber, was dort am Strand in Sousse vor sich ging und flüchtete mit dem Neffen in die Hotelanlage. Es dauerte eine halbe Stunde, bis sich die Oberbrügger Urlauber wiederfanden. „Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an. Um uns herum herrschte das absolute Chaos. Mütter suchten ihre Kinder, es war schrecklich“, erinnert sich Yvonne Kreuzburg.

Wer oder wie viele Attentäter am Strand um sich schießen, und wo sie sich gerade genau befinden, wusste zu diesem Zeitpunkt niemand. „Es hallte überall, die Schüsse waren nicht einzuordnen. Er hätte ganz nah oder auch weiter weg sein können.“ Erst vier Stunden später erfuhren sie, dass der Attentäter tot war. Angst aber hatten sie während der ganzen Nacht, berichtet Yvonne Kreuzburg.

Am Samstagmittag Abreise nach Deutschland

In den betroffenen Hotels kamen bald Vertreter der Botschaft zusammen, darunter vor allem Schweizer und Belgier. Die Deutsche Botschaft, bemängelt Kreuzburg, sei nicht wirklich präsent gewesen. Hinzu kam, dass viele Telefonleitungen der Veranstalter belegt waren. Die Kreuzburgs hatten über den Veranstalter FTI gebucht. „Der Kontakt funktionierte ganz gut.“ An dem Abend des Terroraktes hatte der Reiseleiter zunächst noch versucht, die Urlauber zu beschwichtigen. Doch als die Panik angesichts der Toten und Verletzten immer größer wurde, und das Hotelpersonal von möglichen neuen Anschlägen am Montag, einem Feiertag im Ramadan, sprach, entschied sich der Veranstalter zur schnellen Ausreise. Schon am Samstagmittag saßen die Kreuzburgs im Flieger nach Frankfurt, wo sie ihre Tochter in Empfang nahm.

Seit ihrer Rückkehr am vergangenen Wochenende sind Yvonne und Dirk Kreuzburg in ärztlicher Behandlung. „Das Erlebte und Gesehene muss man erstmal verkraften.“ Es war ihr dritter Urlaub in Tunesien. Ob sie nochmal in das nordafrikanische Land reisen werden, können sie heute noch nicht sagen.

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