Häuser werden aufgegeben

Obdachlosenunterkünfte müssen weg: Am Bahnweg das Zuhause verlieren

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Halver - Die Wand hinter dem Pflegebett ist zugestellt mit Büchern. Im Rest der Wohnung gibt’s noch viel mehr davon. Ob Karl und Claudia M. sie mitnehmen können in ihre neue Wohnung, ist fraglich. Ihre Namen in diesem Bericht sind von der Redaktion geändert. Auch Maria L., die darin vorkommt, heißt in Wirklichkeit nicht so.

Wenn man in Halver am Bahnweg wohnt, möchte man mit seiner Geschichte nicht unbedingt namentlich in der Öffentlichkeit auftauchen. Die Adresse der Unterkünfte für Wohnungslose und Flüchtlinge ist ein Stigma in dieser kleinen Stadt. 

Sechs Menschen betroffen 

„Die Häuser Bahnweg 4 und 8 (Obdachlosenunterkünfte) werden aufgegeben und die Grundstücke vermarktet. Die Bewohner/innen ziehen bis zum 30.09.2018 um.“ So steht es im Beschluss, den der Rat im Juli getroffen hat. 

Das hat erkennbar nicht funktioniert. Fünf Parteien, insgesamt sechs Personen leben noch am Bahnweg 4, zum Teil trotz angedrohter Zwangsmaßnahmen. Handschriftlich haben Claudia und Karl. M. sowie Maria L. beim Verwaltungsgericht Arnsberg gegen die Anordnung ihres Umzugs durch die Stadt Halver Einspruch eingelegt. Der hat aufschiebende Wirkung. Wie lange, das wissen sie nicht. 

In der Konsequenz würde Maria L. ihre beiden Hunde abgeben müssen. Zurzeit sind sie von der Stadt noch „geduldet“. Nach einem Umzug wären Tiere im zweiten Obergeschoss des Hauses Bahnweg 6 nicht mehr erlaubt. 

Es geht um Zweierlei: Da ist das städtische Konzept zur Unterbringung der Obdachlosen in Halver. Zwei der Gebäude am Bahnweg sind abgängig. Die Formulierung ist nicht übertrieben. Unter normalen Gesichtspunkten wäre ein Abriss das Beste, was den Immobilien passieren kann. Eine Dusche für alle im Keller, Kohleöfen und fehlende Türen – der Begriff „menschenunwürdig“ fiel unwidersprochen und mehrfach in den Fachausschüssen vor dem Ratsbeschluss. 

Mehr als zehn Jahre in der Wohnung 

Auf der anderen Seite ist die Unterkunft in mehr als zehn Jahren für Claudia M. und und ihren Mann Karl, Pflegestufe 3, 24 Stunden bettlägerig, Heimat geworden. Wobei sie wissen, dass es wohl nicht mehr lange gut gehen wird mit ihren drei kleinen Zimmern. 

In Kürze werden sie nicht mehr Gegenstand einer „Einweisung“ sein, wie die Unterbringung in der Unterkunft im Amtsdeutsch heißt, sondern sie bekommen einen richtigen Mietvertrag der WHS in einem weiteren Gebäude, das die Stadt in der Nachbarschaft von der Wohnungsgesellschaft angemietet hat. Damit sind sie aus der Obhut der Stadt entlassen und haben zusammen ein Zimmer, eine Küche und ein eigenes Bad. Wie sie in einem Raum den ganzen Tag mit ihrem Mann zusammen sein kann, kann sie sich noch nicht vorstellen. 

Und dann ist da noch die Sache mit dem Hund. „Er gehört zur Familie“, sagt Claudia M. Aber er ist noch mehr: Er ist Wach- und Schutzhund in diesem prekärsten Teil der Stadt. Und in der neuen Wohnung im Mehrfamilienhaus leben viele Flüchtlinge. Die meisten von ihnen haben panische Angst vor Hunden. „Es wird nicht lange dauern, bis sich jemand beschwert“, sagt Claudia M. Im Tierheim dürfte er kein weiteres Mal integrierbar sein. „Der wird erschossen“, stellt Karl M. nüchtern fest. 

Und auch Maria L. blickt mit Sorge in die nahe Zukunft. Nach dem Umzug werde sie nicht mehr eine kleine Wohnung für sich haben, sondern ein Zimmer, so ihre Befürchtung. Und sehe die Stadt Unterbringungsbedarf für eine weitere Wohnungslose, müsste sie sich mit einer fremden Frau diesen Wohnraum teilen in der Unterkunft Bahnweg 6. 

Karl und Claudia M. wollen sich nicht auf einen Raum pferchen lassen. Maria L. kann sich von ihren Hunden nicht trennen. Die beiden Frauen mittleren Alters sind handwerklich fit. Zu dritt träumen sie von einer preiswerten Wohnung auf dem Land. Die Miete wäre gesichert „Wir brauchen nicht viel. Strom und Wasser wären wichtig und eine ebenerdige Lage“, sagt Claudia K. Um alles andere würden sie sich schon selbst kümmern. Das ist ihr Traum am Bahnweg.

Das sagt die Stadt

Zu den Veränderungen des Unterbringungskonzepts für Obdachlose bezieht auf Anfrage der zuständige Fachbereichsleiter Bürgerdienste, Thomas Gehring, Stellung: 

„Eine Obdachlosenunterkunft wie in den Häusern Bahnweg 4 und 8 dient nur dazu, den Betroffenen ein ,Dach über dem Kopf’ zu verschaffen und ist nie als Dauerlösung gedacht. Daher werden hier auch nur sehr einfache Standards zugrunde gelegt. 

Die Häuser sind beide in einem sehr schlechten Zustand. Beheizung mit Kohleöfen und damit verbundene Beanstandungen bei der Feuerstättenschau, eine unbefriedigende Situation hinsichtlich der Duschen/WCs und diverse andere bauliche Mängel haben zu der Entscheidung geführt, die Unterkünfte vor dem jetzt kommenden Winter aufzugeben. Außerdem soll damit das Quartier am Bahnweg mittelfristig aufgewertet werden. Entsprechende Beschlüsse dazu wurden im Rat gefasst. 

Die jetzt angebotenen Ersatzräume im Bahnweg 6 oder Bahnweg 9 sind allesamt besser ausgestattet, haben Zentralheizung und nur zum Teil eigener Dusche/WC. Wir sind mit den Betroffenen am Bahnweg schon seit Mitte des Jahres im Gespräch, um individuelle Lösungen zu finden. Dies ist auch teilweise schon gelungen. Das Halten von Hunden in den Unterkünften war nach der Benutzungsordnung auch schon vorher nicht gestattet. Hinsichtlich der Unterbringung der Tiere hat die Stadt Hilfe angeboten. 

Wir haben gegenüber dem Verwaltungsgericht bereits erklärt, dass wir derzeit die Räumung der Unterkünfte nicht mit Zwangsmitteln durchsetzen wollen. Im Hinblick auf die einsetzende Heizperiode und Brandschutzbelange müssen die Gebäude aber kurzfristig stillgelegt werden, und das zwingt die Stadt gegebenenfalls zum Handeln. 

Sollte sich über die Berichterstattung in der Presse nun ein Vermieter finden, der bereit ist, den Betroffenen zu helfen, würde uns das sehr freuen, und die Stadt wird gerne unterstützen, wo es ihr möglich ist.“

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